10.6. | Hörbuchtipp: Robert Seethaler • Die Straße
Hörbuch Hamburg
In seinem neuen Roman »Die Straße« erzählt Robert Seethaler von den Träumen und Tragödien gewöhnlicher Menschen in einer gewöhnlichen Stadt. Schauspieler Matthias Brandt liest die Hörbuchfassung.
Zu jeder Zeit und an jedem Ort passieren so viele Dinge gleichzeitig, dass kein Mensch sie alle auf einmal erfassen kann. Auf einem Spielplatz etwa, wo sich ein Dutzend Kinder tummelt, von denen jedes die Welt mit anderen Augen entdeckt. Dazu die am Rand stehenden Mütter, Väter, Großeltern, Babysitter – alle mit ihren eigenen Gedanken und Gefühlen, ihren Alltagssorgen und Einkaufslisten. Diese Gleichzeitigkeit von Geschichten gibt es überall dort, wo Menschen aufeinandertreffen: in jedem Zugabteil, jeder Firmenkantine, jedem Wartezimmer – und in jeder beliebigen Straße in jeder beliebigen Stadt der Welt.
Der österreichische Bestsellerautor Robert Seethaler hat sich diesem Phänomen in seinem neuen Buch angenommen. Es handelt von einer Straße, in der eigentlich nichts Weltbewegendes passiert. Ganz normale Menschen tun ganz normale Dinge: Sie unterhalten sich mit ihren Nachbarn, kaufen Brötchen beim Bäcker und gehen zum Arzt oder in die Kneipe. Und doch stellt man bei genauer Betrachtung fest, dass das Leben dieser Menschen irgendwie doch weltbewegend ist – zumindest aus der Sicht jedes Einzelnen.
Da ist ein Antiquar, der seine ganze Hoffnung in die Eröffnung eines Buchladens setzt, in den niemand kommt. Da ist die Leiterin eines Seniorenheims, die sich um die Bewohner des Hauses kümmert und am Ende doch einsamer bleibt als alle anderen. Da ist ein junger Mann, der seine Wut nicht unter Kontrolle hat, und ein anderer, der sich bis über beide Ohren in eine ältere Frau verliebt. Da fallen manchmal tote Tauben vom Himmel, und ein kranker Säugling wird zu spät zum Arzt gebracht. So viel Schönes und so viel Schreckliches liegt hier so dicht beieinander, dass man sich staunend fragt, wie all das überhaupt in eine einzige Straße passt – geschweige denn in einen einzigen Moment.
Robert Seethaler, von der FAZ einmal als »Gott des Gefühls kleiner Leute« betitelt, hat mit »Die Straße« erneut einen bemerkenswerten Roman vorgelegt. Mit schnörkelloser, dichter Sprache und feinem Humor dringt er in die Gedankenwelt ganz unterschiedlicher Figuren ein und beschreibt die Welt präzise aus ihrer Sicht. Das Spiel mit den wechselnden Ich-Erzählern gelingt ihm, ohne in Klischees zu verfallen.
Fast beiläufig berührt er dabei große Fragen nach Liebe, Einsamkeit und Tod, und verbindet sie mit gesellschaftlichen Realitäten wie Gentrifizierung, sozialen Spannungen oder Fremdenfeindlichkeit. So zeigt sich auf subtile Weise, wie eng persönliche Schicksale und gesellschaft- liche Entwicklungen miteinander ver- bunden sind. Die knapp vierstündige Hörbuchfassung wird von Schauspieler und Autpr Matthias Brandt mit großer Präzision gelesen.
Ohne je ins Theatralische zu kippen, verleiht er den wechselnden Erzählstimmen jeweils eine eigene Färbung und lässt die Figuren geradezu plastisch hervortreten. Zum beiläufigen Nebenbeihören eignet sich »Die Straße« allerdings nicht: Die vielen Perspektivwechsel und Zwischentöne verlangen dem Zuhörer durchaus Konzentration ab. Wer sich aber darauf einlässt, erlebt ein spannendes Mosaik aus intimen Augenblicken, die sich nach und nach zu einem größeren Bild fügen. Am Ende bleibt vor allem diese Einsicht: Auch wenn jeder Mensch sich selbst als Zentrum seiner Welt begreift, sind die anderen darin mehr als bloße Nebenfiguren – sie sind nämlich Teil desselben Ganzen.
Anna Chiara Doil