10.4. | Album der Woche: Arlo Parks • Ambiguous Desire
Transgressive
Foto: Sullmann
Höhen und Tiefen
Mit Bedroom-Pop machte sich Arlo Parks einen Namen als Musikerin. Nun etabliert die Britin mit ihrem Album »Ambiguous Desire« elektronische Klänge.
Arlo Parks, Sie sind eine passionierte Clubgängerin geworden. Inwiefern hat diese Leidenschaft Ihr Album »Ambiguous Desire« geprägt?
Extrem stark. Das Nachtleben hat ganz viele verschiedene Facetten. Einerseits gewährt einem die Dunkelheit Anonymität, auf der anderen Seite verbindet man sich in einem Club mit anderen Menschen. Man schaltet den Kopf ab und ist völlig auf seinen Körper fokussiert. Abgesehen davon interessiert mich die Historie der Clubmusik. Ich habe die unterschiedlichen Genres genau studiert und mich damit beschäftigt, wie die Stücke in Bezug auf die Produktion zusammengesetzt werden.
Dass Sie sich so sehr für diese Stilrichtung interessieren, lassen Ihre vorhergehenden
Platten nicht unbedingt vermuten. Ich mochte immer elektronische Musik, vor allem die britische. Oft habe ich Burial, James Blake oder Jamie XX gehört, weil sie mich privat schon lange fasziniert haben.
Haben Sie als Teenagerin gern die Nächte in Clubs durchgetanzt?
Nein. Seitdem ich 17 war, hat sich bei mir alles um meine Musik gedreht. Ich habe Songs gemacht, ich bin getourt. Dabei fand sich überhaupt keine Gelegenheit für irgendwelche Clubbesuche. Deswegen habe ich das, was andere als Teenager erleben, später nachgeholt.
Erzählt Ihr Lied »Heaven« von einer mitreißenden Clubnacht?
Nicht nur. Dieser Titel ist vielschichtig. Er zelebriert auch jene platonische Liebe, die man in einer Gemeinschaft erfährt. Diese positive Erfahrung packt einen so sehr, dass es herausfordernd ist, präsent zu bleiben.
Geht es nicht für die meisten Menschen auf der Tanzfläche gerade um das Loslassen?
Mag sein. Für mich ist Eskapismus aber gar nicht das Entscheidende. Ich erforsche die Clubs. Wenn ich mich anschließend wieder außerhalb dieser Orte in der realen Welt bewege, habe ich das Gefühl, mein eigenes Leben dank dieser nächtlichen Erfahrung besser zu verstehen. Mir wird auf einmal bewusst, was mir wirklich wichtig ist.
Gleichwohl ist »Ambiguous Desire« eher eine emotionale Achterbahnfahrt, neben den Clubgeschichten stehen Trennungssongs. Warum regiert keine pure Euphorie?
Weil mein Album menschlich sein sollte. Mir war es wichtig, die Höhen ebenso einzufangen wie die Tiefen. Fakt ist: Das Leben ist bittersüß. Darum haben für mich die schönsten Liebeslieder immer auch etwas Melancholisches.

ARLO PARKS
Ambiguous Desire
Transgressive • 3. April
Elektronische Klänge stehen Arlo Parks gut. Mit »2Sided« schenkt sie ihren Fans einen Song, der auf den Punkt bringt, dass alles zwei Seiten hat. Toll, wie sie übersteuerte Synthesizer mit entspannten Grooves vereinigt. 2-Step- Rhythmen finden sich in »Nightswimming«, Breakbeats stehen »Get go« zur Seite. Am meisten berührt »Senses«, ein Duett mit Sampha. In diesem Lied fragt sich die Britin, wer sie eigentlich ist und thematisiert Selbstliebe. In so einem Moment fühlt man sich ihr wirklich nah.
Dagmar Leischow