10.12. | Buch der Woche: Salman Rushdie • Die elfte Stunde

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10.12. | Buch der Woche - Salman Rushdie • Die elfte Stunde

Und das Leben geht weiter

Salman Rushdie glaubt nicht an einen Geist, der dem sterbenden Körper entweicht. Zwar glaubt er an eine Art Seele – an einen Teil des »Ichs«, der nicht aus Fleisch und Knochen besteht. Doch dieser immaterielle Teil, so Rushdies Überzeugung, stirbt am Ende des Lebens zusammen mit dem Körper. Demnach sei nichts ewig – auch die Seele nicht. Die Frage ist: Warum sollte man Rushdies Theorie glauben? Eine mögliche Antwort lautet: Anders als die meisten Menschen, die über den Tod nachdenken, schöpft Rushdie aus eigener Erfahrung.

Der 1947 in Bombay geborene Schriftsteller hat dem Tod ins Auge gesehen. Im August 2022 stürmte während einer Lesung im US-Bundesstaat New York ein Attentäter die Bühne und stach mit einem Messer auf ihn ein. Die Tat ereignete sich mehr als 30 Jahre, nachdem das iranische Regime Rushdie wegen seines Romans »Die satanischen Verse« zum Tode verurteilt und gläubige Muslime weltweit zur Ermordung des Schriftstellers aufgerufen hatte – mit der Begründung, der Roman sei blasphemisch. Für Salman Rushdie gab es nur einen Weg, das Geschehene zu verarbeiten: Er schrieb darüber. »Knife. Gedanken nach einem Mordversuch« erschien 2024. Der Autor beschreibt darin, wie sich das Sterben anfühlte: Er habe kein Licht gesehen und keine Engelschöre gehört, sondern lediglich gespürt, wie alles Leben aus ihm wich.

Doch Rushdie wurde gerettet. Zwar verlor er viel Blut und sein rechtes Auge, nicht aber seinen widerständigen Geist und die Lust am Schreiben. Als er »Knife« beendet hatte, öffnete sich, wie er selbst sagte, ein Portal: Der Zugang zur Fiktion war wieder da – zu jener literarischen Disziplin, für die er bereits etliche Preise erhalten hat, vom Booker Prize bis zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Und so schrieb der 78-Jährige weiter.

Fünf neue Kurzgeschichten sind nun in seinem Buch »Die elfte Stunde» versammelt. Sie spielen in Indien, England und den USA und handeln vom Tod, genauer: von der Stunde davor. »Im Süden« etwa erzählt von zwei befreundeten Männern, die sich so lange zanken, bis der Tod sie trennt. »Die Musikerin von Kahani« handelt von einer Pianistin, die ihre Gabe nutzt, um Rache zu üben. »Saumselig« erzählt von einem Dozenten, der eines Morgens aufwacht und feststellt, dass er tot ist.

Und in »Oklahoma« entwickelt ein junger Schriftsteller eine Obsession für einen älteren Romanautor, der spurlos verschwindet. Die letzte Geschichte handelt schließlich vom Tod der Sprache selbst. Wer wissen will, woran sie stirbt und wie sich Rushdie, ein Mann der Worte, eine Welt ohne Sprache vorstellt, muss bis zum letzten Satz lesen. An überraschenden Wendungen mangelt es bis dahin jedenfalls nicht.

Obwohl »Die elfte Stunde« über Sterben und Vergänglichkeit reflektiert, ist es ein ausgesprochen lebendiges Buch. Das Schreiben habe ihm Freude gemacht, sagt Salman Rushdie – und das spürt man beim Lesen. Er lässt Gemüter erhitzen und Geister ihr Unwesen treiben, die noch eine Rechnung mit den Lebenden offen haben.

Ein wichtiges Motiv ist in diesem Zusammenhang die Rache: Drei der fünf Geschichten handeln von Vergeltung für ein erlittenes Unrecht. Rückschlüsse auf Rushdies eigenes Leben drängen sich auf, doch er weist solche Fragen in Interviews zurück. Den Mann, der ihn töten wollte, wolle er nicht rächen. Das sei nicht nötig. »Er sitzt im Gefängnis – und ich bin hier«, sagt Rushdie. »Und das Leben geht weiter.«

Anna Chiara Doil


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