10.09. | Buch der Woche: Henrik Szántó • Treppe aus Papier
Blessing
Schauplatz und Zeitzeuge
In seinem Erinnerungsroman lässt der halb ungarische, halb finnische Autor und Spoken-Word-Künstler Henrik Szántó die 90-jährige Irma in einem geschichtsträchtigen Haus auf die Schülerin Nele treffen.
Der Titel »Treppe aus Papier« vermittelt Poesie und Fragilität. Was steckt dahinter?
Papier ist das erinnerungstragende Medium schlechthin. Es ist das Material, auf dem wir Geschichten erzählen und bewahren. Diese Materialhaftigkeit spielt im Roman eine große Rolle – angefangen damit, dass das Material erzählt. Papier ist nicht besonders stabil, außer man faltet es mehrfach. Dann entwickelt es ungeahnte Widerstandskräfte.
Ein Haus wird bei Ihnen zur Erzählinstanz. Können Sie das näher beschreiben?
Das Haus ist nicht nur Zeitzeuge, sondern auch Schauplatz. Es hat kein Interesse daran, irgendetwas ruhen zu lassen. Auch, weil es ihm gar nicht erst möglich ist, einen zeitlichen Abstand aufzubauen. Trotzdem ist das Haus nichts Besonderes. Es könnte in jeder westdeutschen Stadt stehen. Die Geschichte, die sich darin abspielt, ist nicht außergewöhnlich. Gerade diese Alltäglichkeit ist so zentral für den Roman. Nun wäre es leicht, alles, was in so einem Haus geschieht, als gegenwärtig oder vergangen abzustempeln, also habe ich einen Erzähler entworfen, der sich von den Konzepten der Vergangenheit und Gegenwart nicht beeindrucken lässt.
Gab es eine reale Vorlage?
Es gab in deutschen Städten sogenannte »Judenhäuser«, in denen jüdische Menschen interniert wurden, nachdem sie ihrer eigentlichen Wohnstätten beraubt wurden. Die Vorstellung der dadurch freigesetzten Wut ist ein Kern der Geschichte. Die Handlung und die Figuren an sich sind fiktiv, allerdings sind einige Archetypen innerdeutscher Familienerzählungen in den Figuren angelegt. Die Balance ist eine Frage der Komposition. Der Text muss singen.
Beim Lesen stellt sich die Frage nach der Funktionsweise von Erinnerungen und der Verantwortung, die damit einher geht. Was möchten Sie Ihrer Leserschaft dahingehend mit auf den Weg geben?
Ich denke, der Text löst viele Gefühle aus. Womöglich ist eines der Gefühle Betroffenheit und das ist völlig valide. Gleichzeitig hoffe ich, dass es, egal welche Emotion am Ende überwiegt, eine proaktive ist, die zum Handeln bewegt. Produktive Wut. Zuversicht. Im besten Fall eine Mischung aus beidem. Ich weiß, dass ich viele Gefühle in den Text lege, die einer Hoffnung zuwiderlaufen, aber ich hoffe – ausgerechnet –, dass genau diese sich am Ende auch breitmacht. Vielleicht über Bande. Vielleicht erst nach einem Moment des Drübernachdenkens, aber mein Wunsch ist es, Bücher zu schreiben, die trotz allem etwas bieten, was eine Naivität bewahren kann. Ich würde mich freuen, wenn der Text nachhallt. Ob nun darin, dass man mit einer neuen Blickweise den eigenen vier Wänden begegnet oder neugierig auf bestimmte historische Ereignisse ist. Es wird dem Text nicht gerecht, ihn nur politisch zu lesen. Gleichzeitig hat er auch einen starken antifaschistischen Kern und wenn dieser nachwirkt, freu ich mich ganz gesamtgesellschaftlich.
Auch in anderen Kontexten beschäftigen Sie sich viel mit Erinnerungsarbeit. Woher kommt dieser Fokus?
Mir sind menschliche und insbesondere jüdische Widerständigkeit und Resilienz besonders wichtig. Ich entstamme einer ungarisch-jüdischen Familie, bin Kind und Enkel von Überlebenden der Shoah und in Deutschland aufgewachsen. Das ist ein Blickwinkel der besonders bei diesem Thema eine ganze Bandbreite aufmacht. Auch diese Konstellation aus »in Deutschland aufgewachsen« und gleichzeitig Ausländer sein und bleiben, stattet mich für Beobachtungen mit zusätzlichen Linsen aus.
Henrik Szántó
Treppe aus Papier
Blessing • 224 Seiten • 23,00€ (Hardcover)
Hannah Heubel