1.7. | Buch der Woche: Jo Nesbø • Insel der Ratten

Ullstein • 208 Seiten • Hardcover • 19,99 Euro

1.7. | Buch der Woche - Jo Nesbø • Insel der Ratten

Wie einst schon in Orwells „1984“ verbergen sich manche der scharfsinnigsten Beobachtungen der Gegenwart im Entwurf einer dystopischen Zukunft. In diese Tradition reiht sich auch Jo Nesbøs „Insel der Ratten“ ein.

Der norwegische Bestsellerautor ist vor allem für seine bislang 13 Bände umfassende "Harry-Hole"-Krimireihe bekannt, die ihn zu einem der erfolgreichsten Spannungsschriftsteller Europas gemacht haben. Mit seinem neuen Roman schlägt er zwar formal einen anderen Weg ein und wendet sich einer Dystopie zu. Inhaltlich bleibt er jedoch seinen zentralen Themen treu: Der Frage, wie Menschen auf Angst, Gewalt und gesellschaftlichen Zerfall reagieren.

Nach einer verheerenden Pandemie verharrt die Welt in „Insel der Ratten“ in einem Zustand aus Massenarbeitslosigkeit und Armut. Das demokratische Gleichgewicht ist längst zerbrochen, während marodierende Banden die Straßen kontrollieren und ihre Macht ausfechten. Wer es sich leisten kann, verschanzt sich hinter Mauern und Sicherheitssystemen.

Zu diesen Privilegierten gehört Colin Lowe, ein Unternehmer, der sich mitsamt seiner Familie auf die titelgebende Insel der Ratten zurückgezogen hat. Währenddessen streift sein Sohn Brad mit einer Bande über das Festland und ergießt sich in Verwüstung und Chaos. Als schließlich bei einem Überfall die Tochter von Colins ehemaligem Freund Will in seine Gewalt gerät, sinnt dieser nach einem Rachefeldzug, der auf dem Dach eines Hochhauses kulminiert.

Nesbø interessiert sich dabei weniger für die technischen Details und das Setting seiner Zukunftswelt als für die Frage, was vom Menschen übrig bleibt, wenn als selbstverständlich erachtete Sicherheiten wegfallen. Die ausschlaggebende Pandemie fungiert dabei nicht als plötzliche Katastrophe, sondern als Brandbeschleuniger, der bereits existierende Missstände offenlegt. Das verleiht dem Roman eine beklemmende Wirkung durch die mitschwingende Plausibilität.

Besonders feingliedrig zeichnet der 66-Jährige die moralischen Grauzonen nach, in denen sich seine Figuren bewegen. Helden gibt es kaum. Stattdessen stehen die Schicksale derjenigen im Vordergrund, die versuchen zu überleben, ihre Liebsten zu schützen oder vergangene Fehler zu korrigieren.

„Insel der Ratten“ ist kein klassischer Krimi und auch keine auf Effekthascherei ausgelegte Action-Dystopie. Wer das Buch zuschlägt, fragt sich weniger, ob eine solche Zukunft eintreten wird, als vielmehr, welche dieser Voraussetzungen vielleicht bereits eingetreten sind.

Ullstein, 208 Seiten, 19,99 Euro.

Tim Wetzer


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