1.10. | Kinostart der Woche: Corpus Delicti

1.10. | Kinostart der Woche - Corpus Delicti
Foto: Leonine Studios

Mia Holl (Hannah Herzsprung) lebt in einer nahen Zukunft, in der die Gesundheit zum höchsten gesellschaftlichen Gut geworden ist. Die »Methode« verspricht Sicherheit und ein langes Leben, verlangt dafür aber umfassende Kontrolle: Daten werden erfasst, Verhalten überwacht, Risiken möglichst ausgeschlossen. Als Mias Bruder Moritz (Damian Hardung) des Mordes beschuldigt wird, scheint die Beweislage eindeutig. Doch Moritz beteuert seine Unschuld – und Mia beginnt, an einem System zu zweifeln, dessen größte Schwäche ausgerechnet seine behauptete Unfehlbarkeit ist.

Lena Stahl macht aus Juli Zehs Bestsellerroman einen dystopischen Thriller, der seine politische Dimension nicht mit dem Holzhammer vermittelt. Das Unheimliche an der »Methode« ist gerade, dass sie nicht wie eine klassische Diktatur aussieht: Sie verspricht Gesundheit, Sicherheit und Vernunft. Aus dem Wunsch, Krankheiten zu verhindern, wird eine Gesellschaft, die Abweichung nicht mehr duldet. Hannah Herzsprung spielt Mias wachsende Verunsicherung angenehm zurückgenommen, während Damian Hardung Moritz zwischen Freiheitsdrang und schwer greifbarer Unschuld changieren lässt. Auch Alexander Fehling setzt als Journalist Kramer einen interessanten Akzent.

Visuell bleibt der Film kühl und reduziert. Philipp Haberlandts Kamera rückt Mia eng auf den Leib, sterile Innenräume stehen persönlichen, chaotischeren Orten gegenüber. Der Score von Volker Bertelmann und Lennart Saathoff verstärkt die beklemmende Atmosphäre, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. So wird »Corpus Delicti« zu einem Film über eine Frage, die weit über seine dystopische Welt hinausweist: Was passiert, wenn Fürsorge in Bevormundung umschlägt und Sicherheit wichtiger wird als die Freiheit, auch einmal die falsche Entscheidung zu treffen?

Tim Wetzer


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