Literatur

09.03. | Buch der Woche

Wolf Haas • Müll

Hoffmann & Campe

09.03. | Buch der Woche - Wolf Haas • Müll

Dieses Buch ist Mist. Damit ist wohlgemerkt nichts über seine literarische Qualität gesagt, dafür umso mehr über sein Sujet. Wolf Haas‘ neunter Brenner-Krimi begibt sich wortwörtlich knietief in den Müll von Recyclinghöfen, die am Wiener Schauplatz des Geschehens „Mistplätze“ heißen. An einem dieser penibel geführten Tempel der feinsäuberlichen Trennung wird in der Sperrmüllwanne ein menschliches Knie gefunden, bald tauchen weitere Leichenteile auf. Der verschrobene Ermittler Simon Brenner, von Haas über die vorigen acht Brenner-Teile zum waschechten Anti-Helden ausstaffiert, stolpert wieder einmal mehr in den Fall, als dass er ihn übernimmt. Dann aber hat er sofort einen Plan, den er in mit seiner unnachahmlichen Kauzigkeit verfolgt – inklusive eines mitreißenden Showdowns an der deutsch-österreichischen Grenze, der wie im Vorbeigehen die Aporien im Zwielicht aus Organspende und internationalem Organhandel ausleuchtet. Überhaupt ist es die meisterhafte Doppelbödigkeit, bei der humorige Schrulligkeit, umgangssprachlicher Schmäh und weitläufige Geschwätzigkeit der Erzählerstimme jederzeit Raum für kluge Alltagsbeobachtungen, sprachliche Preziosen und gesellschaftspolitische Analysen machen können, die Brenners Ermittlungen zum abwechslungsreichen Leseabenteuer werden lassen. Nein, dieses Buch ist kein Mist. Es ist „Müll“, und zwar besonders guter: Sonder-Müll.

Wolf Haas
Müll

Hoffmann & Campe, 288 Seiten

Johannes Baumstuhl