Literatur

09.01. | Buch der Woche

Leslie Jamison • Die Klarheit

09.01. | Buch der Woche - Leslie Jamison • Die Klarheit

LESLIE JAMISON

Die Klarheit

Hanser Berlin • 05. November

Leslie Jamison ist Autorin und trockene Alkoholikerin – wer sonst könnte also den Entzug, die Genesung und die Abstinenz besser in Worte fassen?

Wer sich ein wenig mit Trinker-Literatur auskennt, der weiß, dass sie zumeist aus der Feder überzeugt-trinkender Autoren stammt. Große Namen wie Charles Baudelaire, Scott Fitzgerald, Hunter S. Thompson, Jean Paul Sartre und Charles Bukowski waren nicht nur allesamt sattelfeste Trinker, Alkoholismus fand auch immer wieder Einzug in ihre Werke. Der Mythos des berauschten Literaten, der erst durch den Alkohol die oberflächliche Wahrnehmung durchbrechen kann, hält sich standhaft und volltrunkene Protagonisten (etwa der klassisch-versoffene Kriminalermittler oder der ewig benebelte Journalist wie in „The Rum Diary“ von Thompson) gehören zum Establishment. Sucht man hingegen nach Romanen, die sich der Abkehr vom alkoholgeschwängerten Dasein widmen, ist das Ergebnis kläglich. Dabei ist die Suchtproblematik weltweit bekannt und der Umgang mit ihr ein lohnendes Motiv für moderne Literatur. Leslie Jamison hat sich bereits 2014 mit ihrem Essay-Band „The Empathy Exams“ als ernstzunehmende Literatin mit ganz eigener Stimme bewiesen: Um dem zutiefst menschlichen Phänomen des Mitgefühls auf die Spur zu kommen, ließ sie sich nicht nur auf fremde Menschen und Situationen ein, sondern auch alle Barrikaden vor ihrem Empfinden fallen. In „Die Klarheit“ spürt sie nun der eigenen, mit Scham durchzogenen Sucht nach – immer vor dem Hintergrund der Annahme, dass Kunst und Rausch untrennbar miteinander verbunden sind. Sie lässt den Leser einen unverstellten Blick in die dunkelsten Stunden einer Suchtkranken werfen. Anders als so vielen vor ihr, geht es ihr dabei vor allem um den gegenteiligen Zustand: Die Trockenheit. Als kaltes, totes Wesen, das nur einen Funken Hoffnung tief in sich trägt, lässt sie die verhasste Abstinenz auferstehen, ohne Verherrlichung, dafür mit aller gebührenden Ernsthaftigkeit und einer verwegenen Ehrlichkeit. Überraschend fesselnd bringt die amerikanische Autorin auf knapp 600 Seiten den langen, oft einsamen Weg in ein Leben ohne Alkohol zu Papier. Viele dieser Seiten triefen von Rotwein, Whisky und Gin-Tonic, die Klarheit der Nüchternheit stellt sich erst nach und nach ein und verkommt nie zu einer rosaroten Utopie, sondern zeigt scharfe Klauen, die nach dem nächsten Moment der Schwäche gieren. Es gelingt ihr, den persönlichen Bericht immer wieder mithilfe von diskursiven Schleifen zu durchbrechen, in denen sie soziokulturelle, rechtliche und ökonomische Hintergründe der Droge Alkohol beschreibt. „Für all jene, die mit Abhängigkeit in Berührung gekommen sind“, so steht es auf der allerersten Seite. Jamison macht bald darauf klar: Alkoholismus ist nur eine Spielart der Abhängigkeit, es gibt sie in tausend schillernden Formen. Ihre essayistische Selbstbeobachtung ist so vielschichtig, dass nicht nur (trockene) Alkoholiker oder Angehörige einen Teil ihrer Selbst wiederfinden. Das universal-menschliche Gefühl der Abhängigkeit und der eigenen Unzulänglichkeit wird hier so scharf konturiert, dass man Jamisons Werk als literarische Weiterentwicklung zahlreicher Rausch-Geschichten bezeichnen kann. Marina Mucha