08.08. | Album der Woche: Avi Avital & Between Worlds • Song Of The Birds
Deutsche Grammophon
Foto: Daniel Dittus
Pluralismus mit Wurzeln
Wer noch immer glaubt, die Mandoline sei ein Kinderinstrument, sollte sich schleunigst der großen Kunst des 47-jährigen Israeli Avi Avital widmen.
Sie sind im israelischen Be’er Scheva zur Welt gekommen, haben in Padua klassische Musik studiert und leben heute seit mehr als 15 Jahren mit Ihrer Familie in Berlin. Wo fühlen Sie sich zu Hause?
Obwohl ich bereits seit vielen Jahren nicht mehr in Israel lebe, betrachte ich das Land als meine Heimat. Ich liebe es, auch wenn diese Liebe sehr kompliziert ist. Doch ich bleibe voller Hoffnung, dass Israel sich verändern wird. Insgesamt fühle ich mich an vielen Orten zu Hause und bin sehr glücklich, das sagen zu können.
Was gefällt Ihnen an Berlin?
Italien ist schön, aber Berlin ist interessant. Auch nach so vielen Jahren noch. Die Stadt hat eine starke soziale Anziehungskraft und auch als Musiker habe ich mich hier wirklich gefunden. Nicht zuletzt dank der vielen Zugezogenen drängt Berlin nach vorne und ist neugierig.
Ihr neues Album gleicht einer musikalischen Reise durch Europa. Als Gäste sind unter anderem die Flamenco-Legende Marina Heredia, die italienische Volkssängerin Alessia Tondo sowie das georgische Chor-Ensemble Rustavi dabei.
Europa fasziniert mich in all seiner Vielfalt und Widersprüchlichkeit. Auf der einen Seite gibt es das ehrenwerte Bemühen, eine einheitliche Identität mit gemeinsamen Werten herauszubilden. Auf der anderen Seite möchten die Menschen nicht, dass ihre regionalen Traditionen, Fertigkeiten oder Dialekte verschwinden. Wenn kulturelle Gründe als Ausreden für separatistisches Bestreben herangezogen werden, wird es gefährlich. Ich wünsche mir eine traditionsbewusste, nuancierte, aber gleichzeitig globalisierte Welt. Was ich verabscheue, ist jede Art von Populismus.
Ihr Ensemble heißt Between Worlds. Wie weit kann Musik zur Verständigung der Menschen beitragen?
Als Musiker versuchen wir, die Dinge zusammenzufügen. Wir bringen unsere eigenen Hintergründe und Prägungen mit, zugleich sind wir allen Formen von Musik gegenüber aufgeschlossen. Was wir machen, lässt sich als Pluralismus mit Wurzeln beschreiben.
Auf dem Album spielen Sie zum Beispiel Lieder in Ladino, der Sprache der sephardischen Juden, die nach ihrer Vertreibung aus Spanien Ende des 15. Jahrhunderts Gemeinden außerhalb der iberischen Halbinsel, etwa in Nordafrika, gründeten.
Weil es meine Vorfahren sind. Meine Eltern stammen aus Marokko. Bedauerlicherweise ist Ladino so gut wie ausgestorben, nur wenige Gelehrte sprechen die Sprache noch. Aber die Musik ist noch immer sehr lebendig.

Avi Avital & Between Worlds
Song Of The Birds
Deutsche Grammophon, 8. August
Als R.E.M. ihren Song „Losing My Religion“ veröffentlichten, hörten seine Mitschüler schlagartig damit auf, den 12-jährigen Avi Avital wegen seines seltsamen Hobbys schief anzugucken. Endlich war die Mandoline, sein Lebensinstrument, prominent in einem Pop-Hit zu hören. Heute ist Avital der wohl populärste Mandolinenspieler weltweit. Auf „Song Of The Birds“ bringt er gemeinsam mit dem Ensemble Between Worlds die Volksmusiktraditionen Italiens, der Iberischen Halbinsel und der Schwarzmeerregion zusammen, zu denen zuletzt die EPs „Italy“, „Iberia“ und „Black Sea“ erschienen sind. Neben diesen finden sich neun weitere Stücke auf dem Album, die den Dialog zwischen Volksmusik und Klassik abrunden.
Steffen Rüth