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07.12. | Album der Woche

AnnenMayKantereit • Schlagschatten

07.12. | Album der Woche  - AnnenMayKantereit • Schlagschatten

AnnenMayKantereit SchlagschattenANNENMAYKANTEREIT

Schlagschatten

Vertigo/Universal • 07. Dezember

Noch vor ihrem ersten Album „Alles Nix Konkretes“ verkauften AnnenMayKantereit schon Hallen in ganz Deutschland aus. Seitdem seien sie erwachsener und nachdenklicher geworden, erklärt Gitarrist Christopher Annen uns im Gespräch. „Schlagschatten“ hört man das auf positive Art und Weise an und wird mit inhaltlicher Tiefe, die weit über den nächsten Liebeskummer hinausgeht, überrascht.

Ihre Texte sind alle auf Deutsch verfasst. Haben Sie mal darüber nachgedacht, auf Englisch umzusteigen?

Tatsächlich hat im Prinzip alles so angefangen, denn das haben wir ganz lange gemacht. Als wir im ersten Jahr als Straßenmusiker unterwegs waren, hatten wir kaum deutsche Texte. Henning hat zu der Zeit sehr viel auf Englisch improvisiert, weil man sich so besser mit Nonsens-Texten durchmogeln kann. Bei deutschen Zeilen fällt es natürlich schneller auf, wenn der Sinn fehlt. Henning hat sich dann aber getraut, immer mehr Texte auf Deutsch zu schreiben und so waren wir dann plötzlich eine deutschsprachige Band. Wir haben allerdings auch ein paar englische Nummern und ich hätte Lust, daraus mal was zu machen.

Gibt es diesbezüglich konkrete Pläne?

Wir sprechen da schon ab und an mal drüber. Ich denke, wenn die Songs soweit sind und wir Bock darauf haben, sie rauszubringen, dann machen wir das einfach. Doch bislang gibt es keine genauen Pläne.

„Schlagschatten“ wurde in einem kleinen Dorf in Spanien aufgenommen. Wie kam es dazu?

Vor einem Jahr haben wir beschlossen, unsere gesamte Energie sehr konzentriert in dieses Album zu stecken, daher haben wir viel über unsere Vorstellungen vom Arbeitsprozess gesprochen. In dieser Diskussion ist uns allen klar geworden, dass wir keine Lust haben, wieder in das krasse Hansa-Studio zu gehen, sondern lieber an einem ungewöhnlicheren Ort aufnehmen möchten. Es sollte warm, die Landschaft sollte schön und weitläufig sein, denn wir wollten viel Zeit draußen und alleine verbringen. Außerdem brauchten wir eine Art großes Wohnzimmer, um uns dort ein Studio einzurichten. Zum Glück sind wir von großartigen Leuten umgeben, die für uns genau den richtigen Ort ausfindig gemacht haben. So konnten wir uns voll und ganz auf das Musikmachen konzentrieren.

Geht man sich nicht furchtbar auf die Nerven, wenn man wochenlang so isoliert ist?

Doch, zwischendurch war das hart. In diesem Dorf leben nur zwölf andere Menschen, die kaum Englisch sprechen. Man hat also keine Möglichkeit, mal mit jemand anderem zu reden. Wir sind es aber auch gewohnt, viel Zeit miteinander zu verbringen. Jeder schafft sich seinen Ausgleich, sei es Sport oder einfach ein Spaziergang. Für uns ist es auch wichtig, dass man mal ein Auge zudrückt und verzeiht, wenn jemand schlecht gelaunt ist und gereizt reagiert.

Sie haben sich dieses Mal für Markus Ganter als Produzent entschieden. Wie unterscheiden sich seine und die Arbeitsweise des ersten Produzenten Moses Schneider?

Moses ist eine Koryphäe in Sachen Live-Aufnahmen. Doch bei dieser Platte hatten wir Lust auf etwas anderes. Wir wollten mehr mit Overdubs und Beats arbeiten. „Weiße Wand“ und „Jenny“ sind zum Beispiel Stücke, die so entstanden sind. Wir haben Sachen eingespielt, von denen dann kleine Schnipsel rausgenommen, geloopt und am Computer hin- und hergeschoben wurden. Wir wussten, dass Markus für dieses Arbeiten genau der richtige Typ ist. Und auch die Chemie hat zwischen uns sofort gestimmt.

Auf „Schlagschatten“ drehen sich die Songs nicht mehr nur um zwischenmenschliche Dramen, sondern auch um Zeitgeschehen. War das eine bewusste Entscheidung? Henning hatte sich für diese Platte vorgenommen, noch ehrlicher zu werden. Wir lesen alle viel in der Zeitung und natürlich beschäftigt uns sehr, was gerade in der Welt los ist. Da wäre es nicht aufrichtig gewesen, wenn ein so großer Teil unseres Lebens keinen Einfluss auf unsere Musik gehabt hätte. Eines Tages kam Henning mit dem Text zu „Weiße Wand“. Der hat uns allen sehr gut gefallen und damit war klar, dass das auch die richtige Richtung für das Album ist.

Was ist denn die „Weiße Wand?“

Die „Weiße Wand“ steht für die privilegierte weiße Schicht. Wir sind vier heterosexuelle, weiße Männer - allein dadurch bleiben uns einige Probleme erspart. Das muss einem natürlich nicht unangenehm sein und man muss sich dafür auch nicht entschuldigen, aber es sollte auf jeden Fall ein Bewusstsein dafür geben. Mit dem Song wollen wir darauf aufmerksam machen.

Interview: Katharina Raskob

FAZIT: Henning Mays Stimme klingt so rauchig und ausgereift wie eh und je. Und bei „Schlagschatten“ kann man das endlich auch über die Songtexte der vier Kölner sagen. Annenmaykantereit singen nicht mehr länger nur über Altbau und Herzschmerz, sondern versuchen sich am aktuellen Zeitgeschehen. Mit dem Song „Weiße Wand“ entkommen sie beispielsweise gekonnt der Banalität, die ihnen nur allzu gerne vorgeworfen wurde.