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06.12. | Kinotipp der Woche

Wild Rose · 12. Dezember

06.12. | Kinotipp der Woche

Gegen alle Widerstände versucht sich eine junge Mutter an einer Karriere als Country-Sängerin. Es ist eine Geschichte wie aus einem ihrer eigenen Songs.

"Drei Akkorde und die Wahrheit" – mit dieser einfachen Formel fasste der Songwriter Harlan Howard einst das Wesen der Countrymusik zusammen. Auch Rose-Lynn Harlan (nicht verwandt und nicht verschwägert) lebt nach dieser Maxime, selbst wenn die Wahrheit in ihrem Fall eher unappetitlich aussieht. Gerade erst wurde die junge Schottin aus dem Gefängnis entlassen, wo sie ein Jahr wegen Drogenschmuggel einsaß. Ihren Job als Sängerin in einem Glasgower Country-Saloon hat sie verloren, ihre beiden Kinder fremdeln nach der langen Abwesenheit. Aber Harlan hat eine Stimme, die alle Probleme in den Rückspiegel zu verbannen scheint, und den Traum, es trotz aller Widrigkeiten auf die Bühnen von Nashville zu schaffen. Als die Frau, für die sie tagsüber als Putzhilfe arbeitet, anbietet, ihre Medienkontakte für Rose-Lynn spielen zu lassen, scheint sie ihrem Ziel ein entscheidendes Stück näher gekommen zu sein.

Romantische Selbstverwirklichungsfilme sind fast schon ein eigenes Genre innerhalb eines Genres, und je nach Qualitätsklasse wird in Richtung Happy End manchmal kräftig nachgeholfen. Das kann problematisch werden, denn ab einem gewissen Grad von künstlerischer Freiheit verkehrt sich die bestärkende Botschaft ins Gegenteil, wird der Gedanke ans selbst geschmiedete Glück zum Seifenopernambiente. "Wild Rose" steht dagegen mit mindestens einem Bein auf dem Boden des britischen Autorenfilms, der sich traditionell schwer damit tut, soziale Konflikte auszublenden. Seine Protagonisten sind alleinerziehende Mütter, Arbeitslose und stolze Verlierer, deren Träumen enge Grenzen gesetzt sind. Regisseur Tom Harper hat trotzdem eine Menge Zuneigung für seine Figuren reserviert, und die gleichermaßen lebenshungrige wie verantwortungslose Rose bekommt das meiste davon ab.

Jessie Buckley verkörpert die impulsive Sängerin mit der Inbrunst einer Naturgewalt und findet eine instinktive Balance zwischen Mut und Verletzlichkeit. Genauso unkitschig wie die spröde Geschichte ist der Originalsoundtrack, eine Mischung aus modernen Country-Klassikern und eigens für den Film komponierten Songs. Sobald in "Wild Rose" eins dieser Stücke erklingt, hält die harsche Realität die Pausentaste gedrückt, hängen die Zuschauer an Rose-Lynns Lippen, erscheint für den Moment alles möglich. Dass man dabei nicht das Gefühl hat, Opfer einer emotionalen Erpressung geworden zu sein, ist nur ein weiterer Pluspunkt des Films.

Hier gelangen Sie zur Verlosung von drei Kinopaketen inklusive Freikarten und Soundtrack.

Markus Hockenbrink