Musik

06.11. | Album der Woche

All diese Gewalt • Andere

Glitterhouse

06.11. | Album der Woche - All diese Gewalt • Andere

ALL DIESE GEWALT
Andere

Glitterhouse • 06. November

Wunde Punkte

Mit »Andere« eröffnet Max Riegers Solo-Projekt All diese Gewalt eine rätselhafte Welt, in der sich dunkle Gedanken in befreiende Gefühle verwandeln.

Corona kann Max Rieger gar nichts anhaben. »Ich fühle mich, egal wo ich bin, immer ein bisschen isoliert«, sagt er. »Auch außerhalb der Pandemie pendle ich eigentlich nur zwischen Zuhause, Studio und Supermarkt. Insofern war der Lockdown eine meiner gesellschaftlich aktivsten Zeiten. Das klingt jetzt negativer als es ist. Ich bin gern alleine. Ich denke gerne nach, ich lasse mich gerne auf meine Gedanken ein. Ich habe kein Problem damit, mit mir selbst Zeit zu verbringen.« Rieger, der in erster Linie als Sänger der Postpunk- Band Die Nerven bekannt ist, nutzte die liebgewonnene Isolation, um ein Album zu machen, das die Ungemütlichkeit der äußeren Welt nach innen verlagert. Das fängt schon beim Cover-Artwork an. Ein gespenstischer Mann in Rot mit Maschinengewehr im Anschlag? »Ich wollte ein Covermotiv, das so introvertiert und extrovertiert wie möglich ist«, sagt der Musiker. »Es muss nicht über den ersten Gedanken hinausgehen, den man dabei hat.« An dieser assoziativen Stelle sitzen auch die Texte der neuen Songs, die sich in schattenhafter Atmosphäre am wohlsten fühlen. Rieger singt davon, dass die Welt »schmal orchestriert« ist und fragt: »Wer will denn schon zugehörig sein?« Anstelle von durchsichtigen Liebesliedern bevorzugt der Sänger ein Spiel mit Ungewissheiten, bei dem Zerrissenheit und Zweifel im Vordergrund stehen. Auch das hat eine eigene Schönheit, denn wenn »Andere« zu Molltönen auf dem Klavier und gelegentlichen E-Gitarren-Ausbrüchen zu vibrieren beginnt, tut sich ein samtener und seltsam tröstlicher Abgrund auf. »Die Musik, die ich mache, lädt nicht mit offenen Armen ein«, gibt Rieger zu. »Vielen ist sie zu negativ. Mir geht es so, dass ich diesem Gefühl auch viel positive Lebensenergie abgewinnen kann. Es geht am Ende aber nicht um mich. Die Leute sollen sich das ja nicht nur anhören und denken: ›Oh Gott, ich hoffe, es geht ihm gut.‹ Man soll sich mit der Musik identifizieren können.« Das gelingt am besten, wenn man sich »Andere« alleine anhört, am Stück und möglichst im Dunkeln. Denn dann schleicht sich dieses Gefühl ein, dass die Verletzlichkeit in dieser Musik einen womöglich selbst beschreibt. »Es freut mich, wenn ich da einen wunden Punkt treffe«, sagt Max Rieger. »Denn das bedeutet ja, das irgendwas, das in mir vorgeht, nicht nur individuell ist. Dass selbst die negativen Gedanken eine Gemeinschaftlichkeit erzeugen können.«

enter image description here Fazit:
Der Bandname klingt beim Reinkommen furchterregend, Brutalität ist bei All diese Gewalt aber nicht zu befürchten. Eher geht es um das Labyrinth der Gefühle, das einen zwischen Licht und Dunkel, Stille und Sturm und dem Bedürfnis nach Abstand und Nähe gefangen halten kann. Mit seinen opaken Texten beschwört Max Rieger auf »Andere« einen Tanz der Gegensätze und liefert den gespenstischen Soundtrack zwischen Postpunk und Düsterpop gleich mit.

Foto: Bettina Theuerkauf

Markus Hockenbrink