06.08. | Buch der Woche: Dora Zwickau • Gesellschaftsspiel
Piper
Weimarer Republik 2.0
Signalisiert die Allgegenwärtigkeit des Internets das Ende der Demokratie oder womöglich den Aufbruch in eine Utopie? In »Gesellschaftsspiel« wagt Dora Zwickau ein interessantes Gedankenexperiment.
Die Lebensentwürfe von Isabelle und Annika könnten unterschiedlicher nicht sein. Während die eine als alleinerziehende Mutter in Weimar lebt, ist die andere nach Kalifornien geflohen, wo ihr Lebensgefährte ordentlich Karriere im Silicon Valley macht. Als ihre Mutter einen Schlaganfall erleidet und wenig später für hirntot erklärt wird, treffen sich die beiden Schwestern noch einmal zum Abschiednehmen. Eigentlich wäre es die perfekte Gelegenheit für stille Einkehr und angeregten Austausch, aber eine Nachricht von internationaler Tragweite macht ihnen einen Strich durch die Rechnung. Offenbar beabsichtigt der Tech-Milliardär Zobeir Zeenavand, 500 Millionen Euro in ein ehrgeiziges soziales Experiment namens »Syndicate« zu stecken – und zwar ausgerechnet im beschaulichen Weimar. Seine Idee: direkte Demokratie per Internet und Schwarmintelligenz, eine neue, smartere Alternative zum staatlichen Angebot. Auf diese Weise sollen Politikverdrossenheit und Reformstau abgebaut, die Stadt und die Gesellschaft fit gemacht werden für eine utopische Zukunft ganz nach dem Mehrheitswillen der Bewohner. Die Mitwirkung ist explizit erwünscht, und weil Zobeir Zeenavand alias »Double Z« auch Skeptikern als altruistischer Machertyp gilt, erwarten die meisten Weimeraner den Launch von »Syndicate« mit hoffnungsvoller Nervosität.
»Gesellschaftsspiel« ist insofern ein hybrider Roman, als dass er sich einerseits mit einer klassischen Familiengeschichte beschäftigt, andererseits auch als gesellschaftspolitischer Kommentar funktioniert und eine Vielzahl aktueller Fragen erörtert. Die haben ganz maßgeblich mit dem Zusammenhang von Internetkultur und Demokratiekrise zu tun, der sich in so unterschiedlichen Phänomenen wie Online-Hass, Corona-Leugnung, AfD-Erfolgen und genereller Entgrenzung zeigt. »Woher kommt diese Lust an der Grenzüberschreitung?« fragt Dora Zwickau, die offenbar selbst lange genug im Internet unterwegs war, um die »digitale Verwahrlosung« persönlich begutachtet zu haben. Und wenn man schon dabei ist: Woher kommt die Bewunderung für Typen wie Elon Musk, die bei allem Reichtum von staatsbürgerlicher Mündigkeit weit entfernt sind? In »Gesellschaftsspiel« kollidiert der Verdacht, dass soziale Fragen längst unter einer bloßen Benutzeroberfläche verschwunden ist, mit dem hartnäckigen Optimismus, dass man sich aus diesem Dilemma irgendwie wieder heraustechnologisieren kann – dank Eingriff von oben. Zumindest theoretisch. Zunächst einmal sorgt die Ankündigung, mit »Syndicate« einen utopischen Stadtstaat zu gründen, aber nur für einen Immobilienboom in Weimar. Und der Mitmachgedanke des Experiments zieht nicht nur Isabelle und die von ihr unterrichtete elfte Klasse in ihren Bann, sondern auch die üblichen Internet-Trolle. Lässt sich die berühmte schweigende Mehrheit also wieder mobilisieren, indem die politische Willensbildung direkt an die Menschen übertragen, transparent gemacht und mit einem Haufen Geld gefördert wird? Kann man den Anstand wieder lernen, wenn man die Konsequenzen seiner Entscheidungen genauso schnell ins Haus geliefert bekommt wie eine Internetbestellung? Es ist eine Idee, der Dora Zwickau mindestens ambivalent gegenübersteht, wer so wie sie den Internet-Jargon beherrscht, wirkt aber auch schnell abgeklärt. Bei aller Unterhaltsamkeit schwant Leserinnen und Lesern: Zynismus wird in Zukunft sicher nicht aus der Mode kommen – mit der Demokratie mag das unter Umständen schon ganz anders aussehen.
Dora Zwickau
Gesellschaftsspiel
Piper • 288 Seiten • 24,00 €
Markus Hockenbrink