Musik

05.10. | Album der Woche

Twenty One Pilotes • Trench

05.10. | Album der Woche - Twenty One Pilotes • Trench

Twenty One Pilotes

Trench

Warner • 05. Oktober

Ein neues Album aufzunehmen, wenn das letzte unerwartet durch die Decke gegangen ist und man mit „Stressed Out“ für eine der größten Hymnen der vergangenen Jahre gesorgt hat, ist eine knifflige Aufgabe. Tyler Joseph (29, Gesang, Instrumente) und Josh Dun (30, Schlagzeug), die wir in London zum Gespräch trafen, haben es trotzdem gewagt und wissen mit „Trench“ auf ganzer Linie zu überzeugen.

Tyler, ist es wahr, dass Ihre Mutter früher auf der Straße Tickets für Ihre Konzerte verkauft hat?

Tyler Joseph (lacht): Oh ja, das hat sie. Vor allem in unserer Heimatstadt Columbus/Ohio und Umgebung. Unsere Mütter waren von Anfang an unsere größten Fans, und sie sind es noch immer.

Josh Dun: Für unsere Eltern ist das, was mit uns passiert ist, noch weniger greifbar und real als für uns selbst. Wir hatten eine gewisse Idee davon, wie das Leben aussehen könnte, wenn Twenty One Pilots erfolgreich würden. Für uns war das dann normaler, als es passierte.

Ihr Album „Blurryface“, das 2015 erschien, war unglaublich erfolgreich, die Single „Stressed Out“ lief auf der ganzen Welt nonstop im Radio, Sie sind von Chile bis Korea durch alle erdenklichen Länder getourt. Wie war es, heimzukommen und mit der Arbeit an neuer Musik zu beginnen?

Joseph: Ehrlich? Wie Einzelhaft. Mein Studio ist in meinem Keller daheim in Columbus, ich habe fast das komplette Jahr nach der Tour daheim verbracht und versucht, dort unten Ideen zu sammeln und zu sortieren. Irgendwie verlor ich dabei die Orientierung. Es gab manchen Moment, in dem ich dachte, ob ich nicht lieber alles hinschmeißen und Immobilienmakler werden sollte.

Sind Sie eigentlich erleichtert, dass Sie dank Ihres Erfolgs nicht mehr erklären müsst, warum Sie sich in so vielen verschiedenen Musikgenres tummeln und Einflüsse aus EDM, Rock, Pop und HipHop in Ihre Songs einbauen?

Tyler Joseph: Tja, wenn dem mal so wäre. Alle wollen wissen, warum die Lieder so unterschiedlich sind, und ich habe immer noch keine Ahnung, wie ich das erklären soll (lacht). Obwohl, doch, letzte Nacht lag ich wach und dachte darüber nach, dass jedes unserer Lieder eine eigene kleine Persönlichkeit ist. Ein Song kann für uns sein, was immer er möchte, er ist frei. Wir haben am Anfang unseres Musikmachens, so 2011 ungefähr, nicht gewusst, dass es sozusagen Vorschriften gibt, wie etwas zu klingen hat. Wir haben uns alles selbst beigebracht, und so ergibt unsere Musik teilweise für andere Menschen keinen Sinn. Für uns aber schon. Wir sind stolz darauf, dass dieses Album wirklich von uns beiden gemacht wurde, dass es nicht wie heute üblich durch die Zuarbeit anderer Menschen verzerrt und verunreinigt wurde.

„Trench“ ist eine Phantasiewelt, und im Stück „Morph“ etwa singen Sie davon, sich in jemand anderen zu verwandeln. Ein Trick, um sich weniger unter Druck zu setzen?

Joseph: Ja, ein Trick und ein Verteidigungsmechanismus. Der „Jumpsuit“ aus dem Song ist zum Beispiel diese Kraft, die ich in meiner Parallelwelt finde und die mir eine zusätzliche Portion Selbstvertrauen, Schutz und Energie gibt.

Ihre Songs behandeln häufig ernste Themen wie Ängste, Unsicherheiten, Einsamkeit und Depressionen. Wundern Sie euch, dass sich so vielen Menschen mit Ihren Songs verbunden fühlen?

Joseph: Ehrlich gesagt nicht. Als Teenager denkst du ja immer, dass du der einzige bist, der an der Welt verzweifelt und am Leben leidet. Als wir dann anfingen, unsere Musik vor Publikum zu spielen, hatten wir endlos viele Gespräche mit Kids, die ganz ähnliche Erfahrungen durchmachen. Zu spüren, dass wir nicht allein sind, war für uns eine coole und sehr bewegende Erfahrung.

Sie sind jetzt 30. Wird es besser?

Joseph: Ja. Ich habe ein anderes Selbstbewusstsein als mit 15. Und ich bin sehr froh, dass ich kein Teenager mehr bin. Freilich wird es immer Herausforderungen geben. In mancherlei Hinsicht ist mein Leben heute glücklicher, in mancherlei Hinsicht auch nicht. Das wirklich Schöne ist das Wissen, dass man lernt, mit negativem Mist klarzukommen.

Finden Sie es seltsam, dass Sie mit Ihren ernsten und bedeutsamen Songs da oben in diesen schrecklich oberflächlichen Popcharts mitmischen?

Joseph (lacht): Das haben Sie jetzt aber schön ausgedrückt. Wie soll ich sagen? Ja. Wir machen schmerzhaft ehrliche und emotionale Musik und erreichen damit viele Menschen. Man sollte die Hörer nicht unterschätzen. Die sind smarter, als man denkt. Und smarter als wir (lacht).

Interview: Steffen Rüth

Fazit Die beiden Nerds aus der US-amerikanischen Provinz knüpfen mit „Trench“ gekonnt an ihr Album „Blurryface“ an. Stilistisch windet sich das Album wie ein Aal, Tyler Joseph singt mal im Falsett („Bandito“), mal rappt er („Morph“). Als Neuerung hat Joseph die Bassgitarre ausgepackt, was zusätzlich Tiefe und eine gewisse musikalische Härte verleiht.