05.09. | Album der Woche: daoud • OK
ACT!
Foto: Tanguy Delavet
Schutzraum für Gefühle
Der französische Trompeter daoud musste sich zunächst vom Musikerleben lösen, um jetzt durchzustarten. Mit »OK« veröffentlicht er sein zweites Album.
daoud, was hat Sie veranlasst, der Musik den Rücken zu kehren?
Ich glaube, ich habe das Trompetespielen aufgegeben, weil es mir so viel bedeutet hat, dass ich mir selbst beweisen musste, dass ich auch ohne existiere. Ich habe in Bars gearbeitet, in einem Beerdigungsinstitut, Fußball gespielt – keine Musik. Kein Plan. Ich wollte nur wissen: Bin ich genug, auch ohne Musiker zu sein?
Wie fanden Sie schließlich dazu zurück?
Meine Mutter wurde krank, ich zog zu ihr nach Toulouse. Dann kam der Corona-Lockdown. Ich hatte plötzlich Zeit und begann, wieder zu üben. Zunächst nur für mich. Ich habe ein bisschen unterrichtet, dann wieder gespielt. Immer mehr Leute kamen – und sie kamen immer wieder. Das hat mich überrascht – und motiviert.
Ihre Shows sprechen auch ein Publikum an, das keinen Jazz-Background hat.
Es gibt keine Eintrittshürde. Ich mache klar: Ihr müsst nichts über Jazz wissen. Das ist kein Test. Ich will nicht, dass sich jemand ausgeschlossen fühlt. Manchmal spiele ich mit der Stille, provoziere, lasse Dinge absichtlich unausgesprochen. Ich rede mit dem Publikum, mache absurde Pausen, reagiere auf Zurufe. Ich will nicht, dass mein Konzert berechenbar ist – nicht für mich, nicht fürs Publikum.
Zur Trompete sind Sie aufgrund einer Faszination für Clowns gekommen. Was machte diese Faszination aus?
Clowns haben zwei Leben: das echte und das auf der Bühne. Das hat mich als Kind fasziniert. Diese Freiheit, sich völlig auszudrücken, sich lächerlich zu machen, traurig oder wütend zu sein – und danach wieder ganz normal. Das ist Magie. Heute trage ich Bühnenkleidung, manchmal wäre mir sogar nach Make-up. Es ist ein Schutzraum, in dem ich traurig, wütend oder albern sein kann. Die Leute erkennen sich darin wieder. Das ist der Zauber. Und vielleicht auch der Grund, warum manche sechsmal im Jahr zu meinen Konzerten kommen.
Sie produzieren auch viele andere Künstler. Wie wichtig ist das für Ihre eigene Arbeit?
Sehr wichtig. Wenn ich nur mein eigenes Projekt mache, fehlt mir manchmal die kreative Distanz. Wenn ich für andere arbeite, kann ich mich selbst komplett rausnehmen. Ich muss nichts verteidigen, keine langfristigen Entscheidungen treffen. Ich bin einfach kreativ – und das tut mir gut. Das ist wie Regeneration nach einer intensiven Albumphase.

daoud
OK
ACT • 29. August
Unerwartete Wendungen, musikalische Vielfalt, Abzweigungen und eine breite emotionale Palette: daouds Musik klingt so, wie sich seine Biografie liest. Die Stücke, allesamt live und mit toller Band eingespielt, denken gar nicht daran, sich es in einer bestimmten Schublade bequem zu machen, auch wenn daoud jetzt bei einem Jazzlabel unter Vertrag steht. Stattdessen changieren sie zwischen energetischem Spiel, plötzlichen Brüchen und stillen Momenten. Beats, Pathos, Pop-Appeal: Alles da!
Markus Brandstetter