05.08. | Hörbuch der Woche: Dirk Gieselmann • Zeit ihres Lebens
Hörbuch Hamburg
»Manchmal musste ich sogar kurz innehalten.«
Schauspieler Thomas Arnold liest Dirk Gieselmanns traurig-schöne Geschichte um ein Liebespaar, das weder Vergangenheit noch Zukunft kennt. Ein Gespräch über Vergänglichkeit und die Freude am Vorlesen.
»Zeit ihres Lebens« erzählt von der lebenslangen Liebe zwischen Frieda und Georg. Was macht diese Liebe aus?
Ich will nicht zu viel verraten, aber: Es handelt sich um eine herzergreifende Liebes- und Lebensgeschichte, weil sie so schön einfach daherkommt und trotzdem einige Überraschungen bereithält.
Was hat Sie an dieser Geschichte um die beiden berührt?
Die Vergänglichkeit, das Endliche unseres Lebens, das berührt mich immer und immer wieder – insbesondere, je älter ich werde. Manchmal musste ich daher sogar kurz innehalten, um professionell weiterlesen zu können.
Als Schauspieler, Hörbuchsprecher und auch in Ihren literarisch lyrischen Soloprogrammen erzählen Sie Geschichten. Wann wurde Ihnen bewusst, dass das Ihr Ding ist? Als ich fünf Jahre alt war, setzte mein Vater mich vor ein Tonbandgerät mit Mikrofon und ließ mich drauflossprechen. Ich las damals buchstäblich alles, was mir an Schrift begegnete. Auf der Schauspielschule habe ich mich dann vor allem auf das Sprechenlernen konzentriert und wie Ronaldo noch lange »Freistöße« geübt, während alle anderen schon beim Bier saßen. Von dem Begrüßungsgeld, das ich als DDR-Bürger bei meiner Einreise nach Westdeutschland bekam, habe ich mir dann auch einen Kassettenrekorder mit Mikro gekauft und mich damit zum Beispiel beim Hochdeutsch-Lernen aufgenommen.
Was macht Ihnen am meisten Freude beim Vorlesen?
Es handelt sich um eine extreme Konzentrationsleistung und meiner Meinung nach die schwierigste Form der Schauspielkunst. Wenn also eine Passage schlussendlich genau so klingt, wie ich sie mir in meinen tollkühnsten Vorstellungen erdacht habe, ist das hocherfreulich.
Inwiefern passen Sie Ihr Sprechen an den Stil eines Textes an?
Das geschieht instinktiv. Wenn mir ein Text, beziehungsweise ein Autor, gefällt, so wie es hier der Fall war, dann lass’ ich das raushören. Ich weiß nicht, wie genau ich das mache, aber man spürt die Bewunderung. Der Respekt vor dem geschriebenen Wort klingt durch. Ich bemühe mich, künstlerisch wertvolle Formulierungen so zu sprechen, dass sie künstlerisch wertvoll bleiben.
Wie lässt sich die Sprache von Autor Dirk Gieselmann in »Zeit ihres Lebens« beschreiben?
Ich musste sofort an Brechts Kurzgeschichten denken, nur etwas künstlerisch komprimiert. Gieselmann ist wie Brecht ein Meister im Weglassen. Das Gegenteil von selbstgefällig. Das mag ich sehr. Dieser Stil ist zwar herausfordernd beim Lesen, macht aber auch viel Spaß, wenn es gelingt.
Sie sind an zahlreichen Hörbuch und Hörspielproduktionen beteiligt. Gab es etwas, das bei »Zeit ihres Lebens« einzigartig war?
Ich will auch hier nicht vorgreifen, aber die Figur der Frieda hat mich schon sehr beeindruckt.
Welche Gedanken haben Sie aus der Geschichte mitgenommen? Dass alles vergänglich ist. Keiner von uns kommt hier lebend raus. Daher sollte man die Feste feiern, wie sie fallen. Schiffe sind im Hafen am sichersten, aber dafür meist nicht gebaut. Nichts ist ohne sein Gegenteil wahr.
Dirk Gieselmann
Zeit ihres Lebens
gelesen von Thomas Arnold
Hörbuch Hamburg • 5 Std. 44 Min.
Lars Backhaus