Literatur

04.12. | Buch der Woche

Volker Kutscher • Olympia

Piper

04.12. | Buch der Woche - Volker Kutscher • Olympia

VOLKER KUTSCHER
Olympia
Piper • 544 Seiten

Mehr Schein als Sein

Olympia 1936, Berlin. Die Nazis wirken tolerant, kredenzen kunterbunte Maskeraden. Inmitten all des Trubels bedrohen Tote, Morde ihre Show. Gereon Rath soll helfen.

Erst gleiten sie hinein, ganz unbemerkt, all jene Menschen. Dann wird es plötzlich ernst, Freunde, Nachbarn und Verwandte verschwinden. Die Leute stumpfen ab – oder verzweifeln, sterben im Innersten ihres Seins. Fritze, Volker Kutschers jüngster Protagonist, reflektiert mit seinen 15 Jahren intuitiv und filterlos, was ihn umgibt. Aufmüpfige Gedanken verharren nicht in Schwarz und Weiß. Fritze ist Teil des Ehrendienstes, der 1936 olympische Delegierte aus aller Herren Länder in Berlin betreut: Burger, Coke, im Gegenzug gibt’s Autogramme. Einst Gossenjunge, fühlt sich Fritze im Fahrwasser nationalsozialistischer Gemeinschaft stark. Doch bald schon klärt sich seine Sicht: Wer hier nicht spurt, der wird verlacht, schikaniert und ausgegrenzt. Schwärmerei für Leistung, Sport, nicht einzelne Nationen – ein Dorn im Auge der Rassisten: „Das schmerzte Fritze, weil zwei Dinge, für die er sich begeistern konnte, das neue Deutschland und Sportler wie Dave Albritton und Jesse Owens, nicht miteinander zu vereinbaren waren.“ Volker Kutscher nimmt die historische Berliner Olympiade als Bühne, erweckt sie und seinen Kommissar Gereon Rath zu neuem Leben: Ein einmaliger Fake sind diese Spiele, ein Maskenball. Doch seltsame Tode bedrohen ihr Gelingen. Rath ermittelt zwischen Nazi-Apparat und kriminalistischer Passion, entlarvt das faule Sommermärchen: „Ja, das alte Berlin mochte unfreundlicher gewesen sein und schroffer – aber es war auch eine Stadt ungeahnter Freiheiten gewesen, eine Stadt der Verheißungen.“ Symbolisch dafür zelebriert der Autor seine Fetische: Zigaretten, Armbanduhren, analoge Telefone. So wie der deutsche Terrorstaat wirken all diese Dinge heute antiquiert, als wären sie Äonen weit entfernt von aller Lebensrealität. Doch sind sie das tatsächlich? 300 Seiten lang bewegt sich dieser achte Teil des Rath’schen Kosmos im Schneckentempo Richtung Ziel. Perspektivisch variierte Wiederholung, vielfach bemühte Floskeln und Klischees setzen olympische Zähigkeit voraus. Allein, es lohnt sich, denn der Wettlauf mit dem unsichtbaren Feind, er nimmt noch Fahrt auf, spät zwar, aber doch. Kutscher erwacht wie aus dem Winterschlaf, vermag es plötzlich, Freundschaft, Romantik, Liebe nicht mehr nur banal zu formulieren, sondern sie als Kern des Menschseins rauschhaft verdichtend zu verhandeln. Aufflammende Sehnsucht nach Veränderung teilt er seinem Helden zu wie amerikanische Touristen, die kein Hotelzimmer mehr ergattern konnten: Frank Miller mitsamt seiner Mischpoke landet im Allerheiligsten des Kommissars, in seinem Schlafzimmer – Rath selbst übernachtet auf dem Flur. Und so sehr sich der Ermittler an immer freundlichen Amerikanern stört, es ist der unscheinbare Mister Miller, der abrupt und voller Konsequenz die Reißleine zieht, als Gestapo-Schergen seinen Sohn misshandeln. Keine Sekunde länger wird seine Familie bleiben. Koffer gepackt, ab nach Paris. Was in ihm ungebremst nach oben steigt, ist diesem Deutschland längst schon fremd: gesunder, hochansteckender Menschenverstand.

Christian Lamping