Musik

04.09. | Album der Woche

Bob Dylan • Rough And Rowdy Ways

Columbia

04.09. |  Album der Woche - Bob Dylan • Rough And Rowdy Ways

Foto: Sony Music

Nobelpreisbestätigend

Nach acht Jahren endlich wieder ein Großwerk von Bob Dylan: Ein Blick auf amerikanischen Mythos mit all seinen Legenden.

»Rough And Rowdy Ways« ist nach gängiger Zählweise das 39. Album von Bob Dylan – und es ist eines der Werke, dem die Fans entgegengefiebert haben: keine Cover- oder Weihnachtsplatte, sondern das erste Hauptwerk seit acht Jahren. Das Album hat zwei Teile, der erste besteht aus neun Songs zwischen vier und neun Minuten Länge, es folgt »Murder Most Foul«, eine fast 17 Minuten lange Abhandlung über den Mord an John F. Kennedy, gesungen im Stil eines belesenen Narren, der aus dem Stegreif die Geschichte eines Tages im November und das Schicksal einer ganzen Nation besingt. Die Wörter fließen, die Musik ist erhaben, alles klingt wie die Assoziation eines Dichters zu einem geloopten Sound, Nick Cave und seine Bad Seeds arbeiten ganz ähnlich: Ob Dylan sich von ihnen inspirieren ließ, oder ob er davon gar nichts mitbekommt? Die neun Songs zuvor besitzen nicht diese besinnliche Wucht, von hoher Klasse sind sie dennoch. Dylan spielt ein paar Identitäts-Scharaden, »I Contain Multitudes« heißt ein Song, ein anderer »My Own Version Of You«, es gibt Anspielungen auf andere Künstler, man darf das ruhig einen postmodernen Ansatz nennen. Berührend sind aber auch die Lieder, die ohne diese doppelten Böden auskommen: »I’ve Made Up My Mind To Give Myself To You« ist ein Leidens- und Liebeslied im Dreivierteltakt, im Hintergrund singt ein Männerchor, wie ihn auch Leonard Cohen in Szene gesetzt hätte. »Key West (Philosopher Pirate)« ist eine weitere wunderbare Abhandlung über das Sehnsuchtsland Amerika, über »Key West« als magischen Ort der Unsterblichkeit, über die falsche Seite der Gleise, auf der Dylan geboren wurde, und die unglaubliche Kraft der Piraten-Radiosender, die alle Jungs von der falschen mit der Musik von der richtigen Seite versorgt haben. Seine treue Band spielt zu dieser Erzählung mit einer Mischung aus Erhabenheit und Meditation, nur das Akkordeon traut sich, Dylans Stimme ein paar eigene Nuancen entgegenzustellen. Am Ende klingen dessen Vocals einige Male brüchig, natürlich wird das im Studio aber nicht nachpoliert: Diese Stimme ist, wie sie ist. Sie singt, was sie will. Und sie findet dabei Worte (und Melodien!), die nicht nur vom Mythos erzählen, sondern auch Teil des Mythos sind. Und weil es halt keinen Nobelpreis für Kultur im Allgemeinen gibt, ist der Preis für Literatur bei diesem Größten unter den Singer/Songwritern in allerbesten Händen.

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Fazit: Nicht, dass Bob Dylan unfehlbar wäre: Eine Standardbluesnummer wie »Crossing The Rubicon« mit ihren immer gleichen Akkorden kann auch von den rostigen Worten des großen Dichters nicht gerettet werden. Doch dieser überaus langweilige Moment bleibt die Ausnahme: »Rough And Rowdy Ways« klingt eben nicht nach rauem Rowdytum (Dylans Titelgebung führt nur selten auf die richtige Fährte), sondern in vielen Songs nicht nur weise, sondern überraschend elegant.

André Bosse