03.10. | Album der Woche: Daniil Trifonov • Tchaikovsky
Deutsche Grammophon
Foto: Dario Acosta
Mit Tschaikowsky hinauf in den Klassik-Olymp
Daniil Trifonov zählt zu den weltbesten Pianisten. Ob live oder auf einem Tonträger: Dieser Musiker versteht es, lyrische Momente mit eruptiver Kraft zu vereinigen. Auf seinem neuen Album widmet er sich ganz Tschaikowsky. Unter seinen Händen blühen dunkle Wehmut oder bittersüße Gefühle auf. Mitreißend und anrührend.
Daniil Trifonov scheint jemand zu sein, der Stillstand hasst. Während unseres Video-Gesprächs über sein neues Tschaikowsky-Album ist der Pianist durchgehend in Bewegung. Im Grunde lag es auf der Hand, dass er diese Aufnahme eines Tages machen würde. Die Musik des Komponisten bescherte dem gebürtigen Russen, der in New York lebt, 2011 beim Tschaikowsky-Wettbewerb in Moskau seinen internationalen Durchbruch. »Ich habe dort zum ersten Mal Tschaikowskys erstes Klavierkonzert gespielt«, erinnert er sich. »Natürlich war der Tschaikowsky-Wettbewerb sehr wichtig für mich.« Schon während seiner Kindheit hat Tschaikowskys Musik den heute 34-Jährigen begleitet, im Laufe der Jahre hat er dessen Werke immer wieder interpretiert. »Viele wirken auf den ersten Blick trügerisch einfach, doch man muss ihre Subtilität phrasieren können«, konstatiert Trifonov. »Das erfordert sowohl ein gutes Instrument als auch die Fähigkeit, die Klänge wirklich kontrollieren zu können. Es macht einen Unterschied, ob man Tschaikowsky als junger Student oder als erfahrener Musiker spielt.«
Stichwort Jugend: Tschaikowskys Frühwerk fasziniert Daniil Trifonov ebenso wie seine späteren Stücke. Deswegen findet sich auf seiner Aufnahme auch die Klaviersonate cis-Moll op. 80, die er bereits als Studierender in Moskau entdeckte. »Sie entstand, als Tschaikowsky noch am Konservatorium war«, erzählt Daniil Trifonov. »Erst nach seinem Tod wurde sie veröffentlicht.« Aus gutem Grund findet er: »Die Klaviersonate zeigt ein wenig, wie Tschaikowsky zu dem Komponisten wurde, der er später war.« Daniil Trifonov ist davon überzeugt, dass die Studienjahre für jeden Musiker sehr prägend sind: »Das ist eine spannende Phase, in der sich vieles entwickelt. Einerseits erkennt man bereits, wohin die künstlerische Reise einmal gehen wird. Auf der anderen Seite bieten die Frühwerke Raum für Experimente abseits dessen, was für einen Komponisten normalerweise typisch ist.«
Gemeinhin gilt Tschaikowsky zwar als gequälte Seele, doch er war definitiv ein Familienmensch. Besonders zu seiner Mutter hatte er ein enges Verhältnis. Es heißt, Tschaikowskys Kindheit endete für den 14-Jährigen ziemlich abrupt, nachdem sie an Cholera gestorben war. Daniil Trifonov ist sich sicher: »Der Tod seiner Mutter war definitiv ein traumatisches Erlebnis für ihn.« Wie sehr Tschaikowsky sie geliebt hat, spiegelt sich in seinem »Kinderalbum« wider, das Daniil Trifonov ebenfalls eingespielt hat. Ein Stück trägt sogar den Titel »Mama«. Denkt der Pianist an seine eigene Mutter, wenn er es interpretiert? »Manchmal ja, manchmal nein«, antwortet er. »Es kommt immer auf den jeweiligen Auftritt an.« Für Daniil Trifonov besteht nicht der geringste Zweifel daran, dass sich Tschaikowskys »Kinderalbum« an Robert Schumanns »Kinderszenen« anlehnt: »Beide Komponisten verstanden es geradezu meisterlich, ganz verschiedene Ideen in ihren Miniaturen einzufangen.« Durch sie wird der Pianisten zuweilen wieder in seine eigene Kindheit zurückkatapultiert, die ihm vor allem positiv in Erinnerung geblieben ist. Beide Eltern spielen Klavier, sein Vater ist Komponist, seine Mutter unterrichtet Musiktheorie: »Als klar war, dass in der Musik meine Zukunft liegen würde, sind meine Eltern mit mir von Nischni Nowgorod nach Moskau gezogen. Damit haben sie ein großes Opfer für mich gebracht.« Zunächst hatte ihr Sohn allerdings breit gefächerte Interessen. Bevor Musik endgültig das Rennen machte, interessierte er sich für Sprachen, Mathematik oder Kunst. Nach dem Umzug ging er zudem oft mit seinen Eltern ins Ballett. Er liebte Märchen, vor allem »Dornröschen«. Darum führte für ihn kein Weg an Mikhail Pletnevs Konzertsuite aus dem Ballett »Dornröschen« vorbei: »Während Tschaikowskys Prolog gut zwei Minuten lang ist, erstreckt sich Pletnevs Prolog über beinahe sieben Minuten. Er scheint Passagen aus dem gesamten Ballett genutzt zu haben, um etwas Neues zu kreieren.« Was Daniil Trifonov am Gesamtwerk besonders gefällt: »Pletnev behandelt das Klavier wie ein Orchester, statt die Instrumente des Orchesters nachzuahmen.«

Daniil Trifonov
Tchaikovsky
Deutsche Grammophon • 3. Oktober
Daniil Trifonov war nie jemand, der sich strikt an populäre Stücke geklammert hat. Insofern ist man eigentlich nicht überrascht, wenn man auf seinem Tschaikowsky-Album die selten gespielte Klaviersonate cis-Moll entdeckt. Sie ist bei diesem Pianisten berauschend-exzessiv, er macht keine Kompromisse. Den »Six Morceaux« huldigt er mit Einfallsreichtum – kühne Experimente inklusive. Mit »Kinderalbum« zieht er seine Hörer in eine Welt hinein, in der mal Freude und mal Trauer regiert. Egal, welches Tschaikowsky-Werk der Russe gerade interpretiert, er durchlebt mit der Musik Gemütszustände. Das verschlägt einem zuweilen den Atem, denn aus jeder Note spricht die technische Brillanz dieses Musikers. Zudem hat er keine Angst, an Grenzen zu gehen. Gerade deshalb ist diese Aufnahme authentisch.
Dagmar Leischow