01.10. | Buch der Woche: Nelio Biedermann • Lázár

01.10. | Buch der Woche - Nelio Biedermann • Lázár

Mit gerade einmal 22 Jahren legt der Schweizer Nelio Biedermann einen Roman vor, der schon vor seinem offiziellen Erscheinungstermin als Sensation gefeiert wurde und Verlagskämpfe, einen sechsstelligen Vorschuss und zahlreiche Länderrechte einbrachte. In seinem zweiten Buch erzählt er die Geschichte einer ungarischen Adelsfamilie, deren Glanz im Laufe des 20. Jahrhunderts im Strudel von Kriegen, Diktaturen und persönlichen Zerwürfnissen zerfällt.

Die 336-Seiten starke Familiensaga ist inspiriert durch die eigene Herkunft des Autors (Biedermanns Familie väterlicherseits stammt aus ungarischem Adel, mit Fluchtgeschichte in den 1950er Jahren), erstreckt sich über mehrere Generationen und zeichnet die Umbrüche des 20. Jahrhunderts in Ungarn nach. Im Zentrum steht Lajos von Lázár, ein Kind, das in eine Welt geboren wird, die schon im Moment seiner Geburt zu zerfallen beginnt. Seinem Vater, dem Baron, ist er nicht geheuer – als ob er ein Geheimnis ahnt. Ab dem Zeitpunkt der Geburt des Kindes werden die Traditionen und die Identität der Familie Lázár Stück für Stück in Frage gestellt. Nach dem Zerfall des Habsburger Reichs, durch Kriege, politische Umwälzungen und Totalitarismen bis hinein in die sowjetische Herrschaft und Aufstände: Die Familie muss lernen, in Zeiten der Finsternis zu überleben. "Lázár" ist eine literarisch reife Leistung: Bildstarke Sprache, eine Atmosphäre, die bisweilen märchenhaft wirkt, dann wieder schmerzlich real; Reibungspunkte zwischen Traum und Wirklichkeit – all das verbindet sich zu einem eindringlichen Porträt einer Familie, die sich gegen die großen historischen Dramen behauptet. Kritiker loben besonders Biedermanns Erzähllust, seine Gabe, Figuren zu zeichnen, die voller Geheimnisse sind, und Momente großer Poesie ebenso wie Szenen des Schmerzes und der Entfremdung. Für Leser:innen, die Interesse an groß angelegten Familiengeschichten haben, an Mitteleuropa im Umbruch, an Geschichten, in denen das Persönliche und das Politische untrennbar sind, ist dieses Buch Pflicht.

Lars Backhaus


Alle Artikel in Literatur