Vincent Munier
„In der Natur kann man nicht schummeln.“
Zur Person
1976 im französischen Épinal geboren, wuchs Vincent Munier in den Vogesen auf. Im Alter von zwölf Jahren machte er, verborgen unter einem Tarnnetz und zitternd vor Aufregung, sein erstes Tierfoto – von einem Reh. Um sich den Traum eines ersten Teleobjektivs zu erfüllen, nahm er jahrelang Gelegenheitsjobs an. 2002 folgte er schließlich konsequent seiner Berufung und widmete sich ganz der Naturfotografi. Heute gilt Munier international als einer der Größten seines Fachs. Er wurde mehrfach mit dem Wildlife Photographer of the Year Award ausgezeichnet und gewann 2022 den César in der Kategorie Bester Dokumentarfilm für »Der Schneeleopard«.
21. Januar 2026, Épinal. Vincent Munier grüßt aus seinem Garten in den Vogesen, während die Wintersonne tief über den Feldern und Wäldern sinkt, die sich hinter seinem Haus bis zum Horizont erstrecken. Die Kälte dürfte ihm kaum etwas anhaben – aus der Antarktis und aus Sibirien zum Beispiel ist der preisgekrönte Naturfotograf weitaus extremere Tempera- turen gewohnt –, doch für das Interview zieht er sich ins gemütliche Wohnzimmer zurück. Munier strahlt Ruhe und Wärme aus, als lausche man einem Freund am Lagerfeuer. Er spricht über den Wert des Wartens und die Fähigkeit zu staunen. Mit seinem neuen Film „Das Flüstern der Wälder“ will Vincent Munier diese Dinge, die viele von uns verlernt haben, auf poetische Weise wieder erfahrbar machen.
Vincent Munier, Sie verbringen sehr viel Zeit allein – wartend, beobachtend, oft unter extremen Bedingungen. Man sagt, in solchen Situationen lernt man sich selbst kennen. Stimmen Sie zu?
Sich selbst kennenzulernen, ist ein fortlaufender Prozess. Schon als Kind haben mir meine Eltern den Freiraum gegeben, viel Zeit allein in der Natur zu verbringen, in der Stille, im Wald. Dieses Bedürfnis, im Einklang mit meiner Umgebung zu sein, begleitet mich bis heute. In Extremsituationen fühle ich mich gleichzeitig lebendig und geborgen. Gerade uns Männern fällt es gesellschaftlich oft schwer, wirklich authentisch zu sein. Wir spielen Rollen, verherrlichen uns selbst. In der Natur funktioniert das nicht. Dort kann man nicht schummeln, man ist gezwungen, wirklich ganz man selbst zu sein. Vielleicht habe ich genau das gelernt, besonders auf meinen Soloexpeditionen.
Wir leben in einer Welt, in der Warten zunehmend eliminiert wird: Alles soll am besten sofort verfügbar sein. Was passiert mit uns – als Individuen, als Gesellschaft –, wenn das Warten verschwindet?
Ohne es wirklich zu merken, sind wir Opfer einer Zeit geworden, die sich immer weiter beschleunigt, vor allem durch unsere digitalen Werkzeuge und den permanenten Optimierungsdruck. Der Erfolg meines Films in Frankreich hat mich überrascht und beruhigt, denn dass ein Dokumentarfilm fast eine Million Menschen ins Kino lockt, ist etwas Außergewöhnliches. Die Zuschauer erzählen uns, dass sie dankbar sind, durch den Film wieder einen natürlicheren Rhythmus gespürt zu haben, der näher an dem liegt, was sie eigentlich brauchen und was ihnen guttut. Sie entdecken Bedürfnisse wieder, die fast verschwunden waren und dabei doch so existenziell sind: Innehalten, Geduld haben, Offenheit für das Ungewisse. In einer Welt, in der nicht mehr alles gleich verfügbar, planbar oder konsumierbar ist, gewinnt genau das wieder an Bedeutung. Vielleicht hat der Film deshalb für viele eine fast schon therapeutische Wirkung.