Gratis-Interview Vandana Shiva

Vandana Shiva

„Die Zerstörung der Erde ist die Basis von Armut.“

Fotos:
  • Getty Images
Leserbewertung:

22.11.2014, Dorint-Hotel Hamburg-Eppendorf. Vandana Shiva trägt ein silbernes Armband, an dem Symbole aller Weltreligionen hängen. Sie hat Aura und Charisma, ist aber sachlich und bodenständig zugleich. Nur ihre klare, deutliche Stimme fordert. Über 40 Jahre Kampf für die Rechte armer Leute und eine nachhaltige Umweltpolitik, die Artenvielfalt schützt und eine von Männern dominierte Marktmacht einschränkt, haben sie zu einer starken Frau geformt. Vandana Shiva war gerade Hauptrednerin auf dem Bundeskongress der Grünen. Am Vortag hat sie den Film „Der Bauer und sein Prinz“ im Abaton-Kino präsentiert, in dem ihr Freund Prince Charles eine tragende Rolle spielt.

GALORE

Frau Shiva, wenn wir über Ihre vielfältige Arbeit sprechen: Wo fangen wir da an? Was sind die wichtigsten Themen?

Vandana Shiva: Der Schwerpunkt meiner Arbeit hat sich in den letzten 40 Jahren mehr und mehr von allgemeinen ökologischen Fragen in Richtung ökologischer Landwirtschaft verlagert. Der Wendepunkt kam 1984 durch das Bhopal-Desaster. Damals gelangten im indischen Bhopal im Werk eines US-Chemiekonzerns aufgrund technischer Pannen mehrere Tonnen giftiger Stoffe in die Atmosphäre. 2.000 Menschen starben sofort, 8.000 in den Tagen danach, 30.000 waren es insgesamt. 100.000 leiden heute noch an den Spätfolgen, neugeborene Kinder haben aufgrund der Vergiftung Geburtsdefekte. Im selben Jahr spitzten sich die kriegerischen religiösen Auseinandersetzungen im landwirtschaftlich geprägten indischen Bundesstaat Punjab immer mehr zu. Zu dieser Zeit habe ich für das Programm „Peace and Global Transformation“ für die Vereinten Nationen gearbeitet.

Was war Ihr Job dabei?

Ich habe etwas über die Entwicklung der Landwirtschaft in Punjab geschrieben und die Probleme mit den Ressourcen analysiert. Ich habe für die UN dann eine Schrift über die Zusammenhänge von Gewalt und der sogenannten „Grünen Revolution“ verfasst, diese in den 60er-Jahren begonnene Entwicklung moderner landwirtschaftlicher Hochertragssorten und deren Verbreitung in Entwicklungsländern. Ich habe realisiert, dass Ausbeutung in der Landwirtschaft von einem gewaltsamen Modell herrührt, das seinerseits Wurzeln in kriegerischen Auseinandersetzungen hat.

Inwiefern?

Weil alle Chemikalien, die in der Landwirtschaft eingesetzt werden, ursprünglich auch im Krieg verwendet wurden. Also habe ich mich entschlossen, mein Leben und meine Arbeit darauf zu richten, nicht-gewaltsame ökologische Landwirtschaft zu unterstützen. Im Kern geht es um den Schutz von biologischer und kultureller Vielfalt des Saatgutes. Drei Punkte sind hierbei entscheidend: Erstens die Vermeidung genmanipulierten Saatguts. Zweitens das Ziel, ökologische organische Landwirtschaft zu unterstützen und drittens, die Ausbeutung durch den freien Handel zu stoppen. Den lokalen Farmern wurde das Saatgut weggenommen, dann patentiert und damit so getan, als wäre es eine Erfindung der großen Firmen. Dadurch wurde den Bauern großer Schaden zugefügt.

Um einen Schritt zurück zu treten: In den frühen 70er-Jahren haben Sie sich zunächst mit Nuklearenergie als beruflichem Betätigungsfeld beschäftigt. Was führte zur Kehrtwende in Ihrem Denken?

Ich wollte in diese Arbeit einsteigen, das stimmt. Ich wurde skeptisch, weil meine Schwester, eine Ärztin, mich über radioaktive Strahlung befragte und sich herausstellte, dass ich keine Ahnung davon hatte. Mit der Berechnung von physikalischer Reaktion kannte ich mich dagegen aus. Ich habe mein Studium dann abgebrochen und bin in den Bereich Theoretische Physik und Quantentheorie gewechselt. Ich habe in Kanada studiert und promoviert, bevor ich wieder nach Indien zurückgekehrt bin.

„Die industrielle Landwirtschaft geht davon aus, dass die Welt eine Maschine ist. Selbst Pflanzen und Essen seien nur Materie. Aber es ist natürlich wichtig, wie es hergestellt wird. Die Idee, es wäre nur ein mechanischer Prozess, ist primitiv und altmodisch.“

Sie haben danach nie wieder als Physikerin gearbeitet. Hat Sie das Studium trotzdem in Ihrer späteren Arbeit beeinflusst?

Ja, natürlich – gerade die Quantenphysik. Ich habe erkannt, dass die mechanische Physik zu limitiert ist. In der mechanischen Physik sind die Dinge, die nicht unmittelbar aufeinander Bezug nehmen, getrennt. Sie können nur durch den unmittelbaren Kontakt miteinander verbunden werden. In der Quantentheorie wiederum können Dinge auch über Distanz miteinander interagieren. Das heißt, alle Dinge sind miteinander verbunden, unabhängig von ihrer räumlichen und materiellen Entfernung. Auch die Dinge, die getrennt scheinen, sind in Wahrheit miteinander verbunden. Das Zweite, was die Quantentheorie lehrt, ist, dass es nicht um die direkte Verbindung geht, sondern um ein grundlegendes Potential, und das hat wiederum mit Wandel zu tun. Dieser ist in der Regel nicht bestimmbar, er folgt keinen starren Regeln. Diese Erkenntnis hat meine Arbeit maßgeblich beeinflusst.

Wo ziehen Sie hier die Parallele zwischen Quantenphysik und Ökologie?

Auch in der Ökologie sind alle Dinge miteinander verbunden. Es zählen auch hier nur die Prozesse: Etwa, wie Nahrung hergestellt wird oder wie ihre Herstellung die Atmosphäre beeinflusst. Es geht um Prozesse, um Potential. Es geht auch nicht losgelöst einfach nur um Saatgut, denn jede moderne Landwirtschaft basiert auf primitivem und modernem Saatgut. Wenn wir Saatgut ablehnen, lehnen wir die gesamte Produktion ab. Darum versuche ich, die Farmen, die organische Landwirtschaft betreiben, zu unterstützen und zu retten.

Zunächst scheint der Gedanke schwer nachvollziehbar, dass eine direkte Verbindung existiert zwischen der abstrakten Quantenphysik und dem einzelnen Bauern und seinem Saatgut...

Der einzelne Bauer muss auch nichts über Quantenphysik wissen, aber es existiert im Großen ein Zusammenhang. Was ich von der Quantenphysik gelernt habe, ist, dass der nichtmechanische Ansatz auch für die Landwirtschaft wichtig ist. Die industrielle Landwirtschaft geht davon aus, dass die Welt eine Maschine ist. Selbst Pflanzen und Essen seien nur Materie, egal wie es hergestellt wurde oder was drin ist. Aber es ist natürlich wichtig, wie es hergestellt wird. Die Idee, es wäre nur ein mechanischer Prozess, ist primitiv und altmodisch. Die industrielle Landwirtschaft basiert auf einer altmodischen mechanischen Philosophie. Wir brauchen aber eine ökologische, deren Prinzipien wiederum denen der Quantenphysik sehr ähnlich sind.

Neben dem lokalen Aspekt Ihrer Arbeit waren von Beginn an viele Frauen in Ihren Prozessen engagiert. Steckt dahinter ebenfalls eine langfristige Idee?

Ja. Selbst während meiner Zeit als Physikstudentin bin ich immer mit der Bewegung in meiner Heimatregion in Verbindung gewesen. Ich komme aus Uttar Pradesh, einem Bundesstaat in der Ganges-Ebene. Es ist ein Gebirgsstaat, mein Vater war Förster. Ich habe wunderschöne Wälder gekannt und musste dabei zusehen, wie diese durch die Industrie immer weiter abgeholzt wurden. Einmal war ich zu Besuch dort und wollte einen Wald und ein Stück Fluss meiner Kindheit sehen. Doch der Wald war weg und der Fluss ausgetrocknet. Also habe ich mich in einer Bewegung engagiert, die von Frauen gegründet wurde. Sie nennt sich „Chipko“, das heißt „Umarmung“. Wir wollten die Bäume und auch die Bewegung zu ihrer Erhaltung umarmen. Von diesen Frauen habe ich alles über biologische Vielfalt gelernt. Ich habe versprochen, ihre Idee in die ganze Welt zu tragen. Etwa, wie unterschiedlich Pflanzen beschaffen sind, dass die Eiche Wasser speichert, die Kiefer aber nicht. Seitdem arbeite ich auch immer an der „Graswurzel“ von Problemen. Nur so können sich die Dinge ändern.

Wie alt ist denn die Chipko-Bewegung? Wie lange engagieren sich Frauen in Indien bereits für die Umwelt?

Sie hat sich in den frühen 70ern gegründet. 1981 wurde dann die Holzrodung zur kommerziellen Nutzung eingestellt, 1982 wurde ich damit beauftragt, für die Bewegung den Bergbau zu begutachten, um die Ausbeutung durch Minenarbeit zu stoppen. Wir sind bis zum Obersten Indischen Gerichtshof gegangen.

„Die externen Kosten des Schadens für die Wirtschaft alleine durch den Einsatz von Chemie in der Landwirtschaft in Indien belaufen sich auf 1,2 Milliarden Dollar jährlich. Das bezahlt die Gesellschaft.“

Haben Sie je bereut, dass Sie unmittelbar nach Beendigung Ihres Studiums die ökologische Arbeit immer über Ihre Arbeit als Physikerin gestellt haben?

Nein. Was ich in 40 Jahren gelernt habe, ist die Arroganz der Experten. Du machst deinen Abschluss und glaubst, mehr zu wissen als andere. Aber das ist falsch. Die Frauen, über die ich rede, waren nie in der Schule, aber sie wissen mehr über den Wald als die Menschen mit den hohen Abschlüssen in der Waldwirtschaft. Ich habe Demut gelernt. Von ihrem Wissen habe ich auch gelernt, dass die Ausbeutung der Natur auf diese mechanische Reduzierung zurückzuführen ist. Alles dient dabei der Ausbeutung. Sie lehrten mich, dass es auch um Erhalt geht. Das basiert auf ganz unmittelbaren Beziehungen: Der Wald gibt Wasser, er gibt Luft, er hält den Boden zusammen.

Als GALORE-Abonnent*in erhalten Sie nicht nur sechs Ausgaben im Jahr frei Haus und eine Prämie, sondern auch kostenlosen Zugang zu unserem Online-Archiv mit mehr als 1100 Interviews - darunter auch die jeweils aktuellen.

Jetzt GALORE abonnieren

Seite 1 von 3