Thierry Amsallem
„Rockstars sind wie große Kinder.“
Zur Person
Thierry Amsallem, geboren 1964, studiert Computerwissenschaften in Paris, als er mit Anfang Zwanzig die Bekanntschaft von Claude Nobs macht, der ihn wenig später für das Montreux Jazz Festival rekrutiert. Es ist auch deshalb eine fruchtbare Zusammenarbeit, weil Amsallem die technische Expertise mitbringt, um Nobs’ Traum zu verwirklichen, das gesamte musikhistorische Erbe des Festivals aufzuzeichnen und für die Nachwelt zu konservieren. Nach dem Tod des Festivalgründers 2013 nimmt die UNESCO die Sammlung in ihr Weltdokumentenerbe auf; Amsallem gründet parallel dazu die Claude Nobs Foundation, die sich ganz dem Andenken des einflussreichen Impresarios verschrieben hat.
23. April 2026, Montreux. Hoch über der Stadt und zu jeder Jahreszeit mit einer historischen Zahnradbahn zu erreichen liegt das Chalet von Claude Nobs, dem Gründer des legendären Montreux Jazz Festivals, das in diesem Jahr sein 60. Jubiläum feiert. Nobs ist schon seit 2013 nicht mehr unter den Lebenden, aber sein Partner Thierry Amsallem hält die Erinnerung an ihn wach. Und damit an das Wirken eines Mannes, der einer Menge berühmter Menschen so nah kam wie sonst kaum jemand. Der Besuch vor Ort ist relativ exklusiv und relativ märchenhaft zugleich. Es ist, als betrete man ein popkulturelles Nimmerland, in dem sich Peter Pan bis zuletzt sehr wohlgefühlt hätte.
Thierry Amsallem, wissen Sie noch, wann Sie Claude Nobs zum ersten Mal getroffen haben und womit er Sie beeindruckt hat?
Das ist eine lustige Geschichte. Wir haben uns quasi im Internet kennengelernt, aber lange bevor es Tinder oder Ähnliches gab. In Frankreich existierte bereits Anfang der Achtzigerjahre ein Onlinedienst namens Minitel, über den man schon damals kommunizieren konnte wie später in den Internet-Chatrooms. Als Techniker war ich von dem System sofort begeistert und habe darüber dann auch irgendwann Claude kennengelernt. Unglaublich: Er war tatsächlich die erste Person in der Schweiz, die diesen Dienst nutzte. Wir haben uns in Paris verabredet, und sobald ich mit meinem Masterstudium in Computerwissenschaften fertig war, bin ich ihm nach Montreux gefolgt.
Wussten Sie, auf was für ein Leben Sie sich damit einließen?
Nicht sofort. Ich weiß aber noch, dass ich keine Woche wieder in der Schweiz war, als das Telefon klingelte und ein gewisser David dran war. Ich sagte ihm, Claude würde zurückrufen, sobald es gehe, und dachte mir nichts weiter dabei. Als Claude wieder da war, war er ganz begeistert: „David ist hier!“ Und erst dann habe ich langsam begriffen, dass es sich um David Bowie gehandelt hat. Ich weiß auch noch, dass es der 31. Juli war, der Tag vor dem Schweizer Nationalfeiertag, und Claude wollte etwas Besonderes für seine Freunde von Queen organisieren, die auch gerade in der Stadt waren, um in den Mountain Studios an einem neuen Album zu arbeiten. Seine Idee war, sie in sein Chalet einzuladen, damit sie sich alle gemeinsam das Feuerwerk über dem Genfersee ansehen konnten. Mir fiel die Aufgabe zu, rüber auf die französische Seite nach Evian zu fahren und einen Haufen Feuerwerkskörper zu kaufen, damit wir da oben unser eigenes Spektakel inszenieren konnten. Der Feuerwerker in Evian hat mir dann sechs riesige Bomben verkauft mit dicken Rohren, die man von vorne laden musste wie Kanonen auf einem Piratenschiff. Abends nach dem Raclette kam dann meine große Stunde. Aber bevor ich die Dinger zünden konnte, verlangten Freddie Mercury und die anderen Sonnenbrillen. Sie wollten sich die Explosionen aus kürzester Distanz angucken, was aus gutem Grund natürlich verboten ist. Das war denen aber egal. Das war eine meiner ersten Begegnungen mit Claudes Universum.