Thea Dorn

Thea Dorn

„Auch der unabhängigste Geist braucht seine sozialen Wärmestuben.“

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  • Peter Rigaud
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Zur Person

18. Januar 2021, Berlin. Wie war das damals bei unserer ersten Begegnung für GALORE? Viereinhalb Jahre ist das jetzt her. Thea Dorn löffelte eine Suppe, ihre Zehen waren orangefarben lackiert, an der Wand hing ein riesiges Gemälde mit einer alttestamentarischen Szene: Judith enthauptet Holofernes. Dieses Mal gibt es keine optischen Impressionen. Social Distancing ist das Gebot der Stunde – wir telefonieren. In ihrem neuen Buch schreibt die Autorin über etwas, das wir, die einen mehr, die anderen weniger, gerade in diesen Tagen und Wochen gut brauchen können: Trost. Auch wenn wir uns, und hier greifen wir den Gesprächsfaden vom letzten Mal wieder auf, damit abfinden müssen, dass wir alle sterblich und darüber untröstlich sind. Oder wütend. Der Zorn, auch so ein Thema für Thea Dorn. Dagegen helfe die Oper „Elektra“, laut aufgedreht.

Thea Dorn, unser letztes Treffen fand in Ihrer Wohnung statt. Heute telefonieren wir. Inwiefern hat Distanz einen Charme?

Im konkreten Fall fände ich es deutlich charmanter, wenn wir wieder beisammensäßen. Mit jedem Tag, den diese Distanzhalterei länger anhält, wird mir klarer: Wer sind die Menschen, mit denen ich physisch gern zusammen bin, weil ich ihre körperliche Präsenz als angenehm empfinde? Und wer sind die Menschen, bei denen ich denke: Schön, dass wir einen gemeinsamen Humor haben, aber den kann ich auch fernmündlich teilen. Mir fällt es, zugegeben, jedoch nach einem Jahr des Abstandhaltens und Menschenmeidens immer schwerer, den Charme-Aspekt dieser Lebensform zu betonen.

Ihrem Tonfall nach gefällt Ihnen das überhaupt nicht.

Ich spüre mit jeder Woche mehr, was alles fehlt. Der Mensch ist so gemacht, dass er sich danach sehnt, mit anderen beisammen zu sein – sofern er kein Hardcore-Einsiedler ist. Der Hardcore-Einsiedler ist aber der Held der Stunde. Ich bin selbst überrascht, dass ich so rede, denn ich würde sagen, ich befinde mich auf der Skala des Einsiedeln-Könnens ziemlich weit oben. Sonst wäre ich nicht Schriftstellerin geworden. Ein Schriftsteller, der nicht auch ein existenzielles Bedürfnis nach dem Alleinsein hat, hat seinen Beruf verfehlt. Wenn es nun sogar mir schon so geht, dass ich zu denken beginne, hey, jetzt wär aber wirklich mal wieder Zeit für ein ausgelassenes Gelage zu zehnt, dann mag ich mir nicht vorstellen, wie es in den Gemütern von Menschen aussieht, die ihrer Grundausstattung nach zu den geselligeren Menschen zählen.

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