Steve Schapiro

Steve Schapiro

„Wer denkt, ein Foto lügt nicht, der irrt.“

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Zur Person

23. November 2018, Berlin. Eigentlich sollten wir Steve Schapiro schon am Vortag treffen, um mit ihm in aller Ruhe vor der Vernissage zur Andy Warhol-Ausstellung zu sprechen, zu der er Bilder beigesteuert hat. Doch dann wurde sein Flug aus Chicago verlegt, statt in einer Galerie in Berlin Mitte saß er sechs Stunden auf dem Flughafen in Kopenhagen fest. Umso erstaunlicher, dass der 84-jährige Fotojournalist am nächsten Morgen trotz Jetlag putzmunter zum Interview erscheint. Nicht weniger aufmerksam ist seine Frau Maura, die dem Gespräch gespannt lauscht und ihren Mann mit Zwischenfragen und Erläuterungen wieder in die Spur bringt.

Mr. Schapiro, an welches Foto denken Sie zuerst, wenn Sie sich Ihre fast 60 Jahre andauernde Karriere vor Augen rufen?

Eines meiner Lieblingsmotive entstand im Motel-Zimmer von Martin Luther King. Ich wurde kurz nach seiner Ermordung 1968 dorthin gerufen, kam also in diesen Raum und auf einem Beistelltisch lag ein geöffneter Koffer mit allen möglichen Dingen darin. Daneben einige Hemden und benutzte Styroporbecher. Der Fernseher an der Wand war eingeschaltet und hinter dem Moderator erschien ein Bild von King. Das Foto dieser Szene ist so stark, weil es verschiedene Ebenen vereint: King, der Aktivist, war zwar tot, seine Habseligkeiten aber existierten weiter – und er schwebte nach wie vor in gewisser Weise über uns.

Sie haben zahlreiche entscheidende Momente amerikanischer Zeitgeschichte dokumentiert. Realisiert man als Fotograf, dass sich gerade Großes vor der eigenen Kamera abspielt?

Nein. Viele dieser Bilder entstanden in den 60er- und 70er-Jahren, einer Goldenen Ära des Fotojournalismus. Galerien für Fotografien existierten damals nicht, und du hast eigentlich nie daran gedacht, dass deine Bilder auch in 50 Jahren noch relevant sein würden. Als Fotograf habe ich tagsüber fotografiert, dann meine Filmrollen weggeschickt und die Kontaktbögen mitunter wochenlang nicht gesehen. Meine Hauptsorge war: Wird eines meiner Bilder nächste Woche im Magazin gedruckt? Manchmal begriff ich natürlich, dass ich einen wichtigen Moment dokumentierte. Trotzdem beschränkte sich diese Bedeutung auf den jeweiligen Tag, vielleicht noch auf die Woche nach dem Ereignis. Aus einer übergeordnet historischen Perspektive, die wir heute einnehmen, betrachtete ich das nicht.

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