Stephan Grünewald

Stephan Grünewald

„Deutschland spielt auf Halten.“

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  • Marina Weigl
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Zur Person

10. November 2025, Köln. Stephan Grünewald hat für das Gespräch in seinem Marktforschungsinstitut rheingold den Raum „San Francisco“ reserviert. Es ist später Nachmitttag, draußen bereiten sich die Kölner auf den Start der Karnevalsession am 11.11. vor. Drinnen geht es im Interview um die Befindlichkeit des Landes. Alle paar Jahre führt Grünewald Tiefeninterviews mit ausgewählten Deutschen. Die Erkenntnisse fließen jeweils in ein Buch ein. Das aktuelle heißt „Wir Krisenakrobaten“ und bietet das „Psychogramm einer verunsicherten Gesellschaft“. Was das mit Schneckenhäusern, Vampirfilmen und den Bremer Stadtmusikanten zu tun hat, erklärt der Psychologe im Interview.

Stephan Grünewald, Sie hatten die Deutschen zuletzt 2019 auf die Couch gelegt, nun haben Sie mit Ihrem Institut rheingold Tausende neue Tiefeninterviews geführt. Wie haben sich die Befindlichkeiten in den vergangenen sechs Jahren verändert?

2019 hatte ich noch beschrieben, dass die Deutschen das Gefühl haben, in einem „Auenland“ zu leben: wirtschaftlich stabil, mit einer guten Gesundheitsversorgung und niedriger Arbeitslosigkeit. Und dann sind wir 2014 auch noch Fußballweltmeister geworden. Kurz: Es lief. Das „Grauenland“ fand sich außerhalb der Landesgrenzen. Hinzu kam, dass die meisten Deutschen das Gefühl hatten, mit Mutter Merkel eine überparteiliche Kanzlerin zu haben, der man vertrauen konnte, weil sie schon dafür sorgen würde, dass alles so weitergeht. Dieses Vertrauen ist nun weg, es ist einer Unsicherheit und Beunruhigung gewichen.

Was war dafür ausschlaggebend?

Erste Risse gab es bereits im Jahr 2015, als die vielen syrischen Flüchtlinge nach Deutschland kamen. Nicht wenige Deutschen bekamen damals das Gefühl, dass – überspitzt gesagt – Mutter Merkel die fremden Kinder mehr mag als ihre eigenen. In Teilen der Bevölkerung entstand ein Gefühl des Wertschätzungsdefizits: Wir rackern uns ab – bekommen aber nicht den großen Bahnhof, den die Menschen aus Syrien bekommen. Teile der Bevölkerung stellten sich die Frage: Zählt der Syrer mehr als der Sachse?

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