Şeyda Kurt
„Als Kind war ich Beobachterin, als Erwachsene habe ich Handlungsmacht.“
Zur Person
Şeyda Kurt wurde 1992 in Köln-Kalk geboren und wuchs dort auf. Sie arbeitete als Journalistin unter anderem für Zeit Online und Deutschlandfunk Kultur, als Kuratorin für das Literarische Colloquium in Berlin und das Goethe-Institut. Mit Kolleginnen hat sie den preisgekrönten Podcast „190220 – Ein Jahr nach Hanau“ über den rassistischen Anschlag in Hanau mit neun Mordopfern 2020 produziert. Sie moderierte eine Gesprächsreihe am Schauspielhaus Bochum und schreibt für das Theater. Ihre Sachbücher „Radikale Zärtlichkeit. Warum Liebe politisch ist“ und „HASS. Von der Macht eines widerständigen Gefühls“ sind Bestseller geworden. Kurt pendelt zwischen Berlin und Köln-Kalk.
6. Juli 2026, Köln-Kalk. Şeyda Kurt schaltet sich per Video zu. Die Journalistin und Autorin pendelt zwischen Berlin und dem Viertel, in dem sie aufgewachsen ist. Die Sonnenbrille, die in ihren Haaren steckt, nimmt sie im Gespräch immer wieder ab. Nach zwei Sachbuch-Bestsellern hat sie nun ihren Debütroman "Zeit der Monster" veröffentlicht, der in einer Umgebung spielt, die an Kalk erinnert. Im Interview seziert sie ihre Erinnerungen an das Aufwachsen an einem Ort, der von außen oft als „Problemviertel“ und „Drogensumpf“ bezeichnet worden ist. Die 34-Jährige erklärt, warum sie dadurch politisiert wurde, sodass sie regelmäßig das Gespräch mit Nachbarn und Menschen aus dem Viertel sucht – und was sie dabei lernt.
Şeyda Kurt, Ihr Debütroman „Zeit der Monster“ spielt in einem Viertel, das stark an Köln-Kalk erinnert, wo Sie aufgewachsen sind. Den Namen der Stadt oder des Viertels erwähnen Sie aber nicht. Warum?
Einerseits wollte ich dem Ort, der mir aus unterschiedlichen Gründen sehr viel bedeutet, ein Denkmal setzen. Die Menschen, die mit Köln-Kalk vertraut sind, werden es wiedererkennen. Andererseits wollte ich mich von dem Realitätsanspruch lösen, der damit verbunden ist, wenn man über ein real existierendes Viertel oder Milieu schreibt. Mir ging es darum, eine universelle Geschichte mit zugleich fantastischen Elementen zu erzählen, die an vielen Orten auf der Welt angesiedelt sein kann. Kalk ist ein prekarisierter Ort, hier leben viele migrantische Menschen und Menschen ohne Erwerbseinkommen. Ich wollte das Viertel weder für meine Zwecke benutzen noch dazu beitragen, dass es als popkulturelles Relikt plötzlich en vogue oder gentrifiziert wird.
Wie war es für Sie, in Kalk aufzuwachsen?
Ich bin in einem Haus groß geworden, das so auch im Roman vorkommt – in der Sieversstraße 20. Wenn ich an meine Kindheit denke, ist da viel Leichtigkeit und Schönheit. Mit meinen Freundinnen aus der Grundschule bin ich herumgetobt. Wir haben uns wie die Herrscherinnen der Straße gefühlt, haben Orte erobert, zum Beispiel Verstecke auf Dachböden gebaut.