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Prof. Dr. med. Dr. phil. Klaus Michael Beier

„Kein Täter werden“

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14.03.2017, Berlin. Professor Beier sitzt, eingerahmt von Bücherregalen, in seinem Universitätsbüro im Institut für Sexualwissenschaft. In genau diesen Räumlichkeiten entdeckte und beschrieb Robert Koch 1882 das Tuberkel, und von diesem Ambiente erhofft sich Beier ähnliche wissenschaftliche Durchbrüche. Sie kämen zur rechten Zeit, denn sein Präventionsprojekt „Kein Täter werden" steckt sich seit 2005 ehrgeizige Ziele. Es geht darum, Pädophilen ein Leben in der Mitte der Gesellschaft zu ermöglichen und Kinder auf diese Weise vor sexualisierter Gewalt zu schützen.

Professor Beier, Sie forschen seit fast 30 Jahren im Bereich der Sexualwissenschaft. Was hat Sie auf das Thema Pädophilie gebracht?

Ich habe Medizin und Philosophie studiert, und zwar mit Bedacht, nämlich aus einem sehr weitgefächerten Interesse am Menschen. Sexualwissenschaft ist die Disziplin, in der genau das erforderlich ist. Man braucht einen Blick, der mehrere Erkenntnisebenen integriert, und das war in der Sexualmedizin der Universität Kiel möglich. Hier habe ich zu Beginn meiner wissenschaftlichen und klinischen Laufbahn begutachtete Sexualstraftäter nachuntersucht. Mehr als 300 Interviews habe ich damals geführt und dabei fiel auf, dass es eine Gruppe gibt, die seit dem frühen Erwachsenenalter eine sexuelle Ausrichtung auf das kindliche Körperschema, also eine pädophile Sexualpräferenz, aufweist und im weiteren Leben immer wieder Übergriffe auf Kinder begeht. Diese Ansprechbarkeit für das kindliche Körperschema bleibt in der Regel weitgehend stabil, und das Rückfallrisiko ist enorm, wenn diese Menschen nicht behandelt werden. 80 % der sogenannten Kernpädophilen, also derjenigen, die sich ausschließlich zu Kindern hingezogen fühlen, werden ohne Behandlung rückfällig.

Vielleicht kurz zur Klärung: Es gibt Pädophilie, und es gibt Menschen, die sexualisierte Gewalt gegen Kinder ausüben. Das müssen nicht notwendigerweise dieselben sein.

Das ist tatsächlich eine Unterscheidung, die manchen schwerfällt, aber das gilt grundsätzlich für die Unterscheidung zwischen der Phantasieebene und der Verhaltensebene. Auf der Ebene der Phantasie zeigt sich uns, wie ein Mensch sexuell ausgerichtet ist. Die präorgastischen Masturbationsphantasien sind da der Schlüssel, und wer darüber wahrheitsgemäß Auskunft gibt, der teilt mit, wie seine Ausrichtung ist.

Und diese pädophile Ausrichtung ordnen Sie neben die klassische homo- und heterosexuelle Neigung ein?

Das müssen wir. Ich bin nun schon sehr lange klinisch auf diesem Gebiet tätig und meine, so gut wie alle Erscheinungsformen sexueller Präferenzbesonderheiten des Menschen zu kennen. Und der Beginn liegt meist in der Pubertät. Nehmen Sie als Beispiel den Stiefelfetischismus. Da wird Ihnen der Betroffene auch sagen, dass der Stiefel für ihn im Jugendalter diese besondere Bedeutung bekam, ohne dass er sich das erklären konnte. Und dass er mit 50 diese Ansprechbarkeit immer noch hat. Bei einem Mann, der sich an Frauen orientiert, wird die sexuelle Ausrichtung für ihn auch in der Pubertät erkennbar. Darüber macht sich aber keiner Gedanken. Zu mir ist noch nie ein Mann gekommen, der gesagt hat: Ich stelle mir Geschlechtsverkehr mit Frauen vor, bitte helfen Sie mir. Aber mir sind sehr viele Menschen begegnet, die einer Minorität angehören, Schwierigkeiten in ihren Beziehungen bekommen und einen Leidensdruck verspüren. Um beim Stiefelfetischismus zu bleiben: Diese Menschen brauchen diesen Stimulus, um erregt zu werden, und sind infolgedessen in Sexualkontakten, bei denen dieser keine Rolle spielt, nicht ausreichend erregt. Bei der Pädophilie verhält es sich genauso - der kindliche Körper ist der erregungssteigernde Stimulus, ob derjenige das möchte oder nicht. Der Ausgangspunkt für einen Sexualwissenschaftler ist die Erkenntnis, dass wir uns einer großen Vielzahl sexueller Ansprechbarkeiten gegenübersehen, ohne die menschliche Sexualität nicht zu haben ist. Diese Erkenntnis fällt Kulturen grundsätzlich schwer. Ich sage den Studierenden: Die Natur liebt die Vielfalt - und die Kultur hasst sie.

„Ich wüsste nicht, warum ein Mensch, der pädophil ist und sich voll unter Kontrolle hat, keinen Anspruch auf soziale Teilhabe haben sollte.“

Könnte das auch damit zusammenhängen, dass man sich die jeweiligen Ursachen nicht erklären kann?

Wir können in der Tat nicht erklären, warum der eine einen Stiefelfetischismus entwickelt hat, der andere eine Pädophilie und wieder ein anderer auf das erwachsene Körperschema von Frauen ausgerichtet ist. Es gibt verschiedene Achsen, auf denen sich die sexuelle Präferenz ausprägt. Einmal das Geschlecht, auf das man orientiert ist: männlich oder weiblich. In wenigen Fällen sind es beide Geschlechter. Dann das Körperschema: kindlich, jugendlich, erwachsen. Wobei es auch Menschen gibt, die das Greisenalter ansprechbar finden - und auch damit zurechtkommen müssen. Schließlich die Praktiken, die mit dem präferierten Partner vorgestellt werden. Wir schauen hier also auf einen Querschnitt von Menschen, die alle für sich integrieren müssen, was sich in ihrer Pubertät für eine sexuelle Präferenz entwickelt hat. Sie können nicht darauf hoffen, dass sich diese irgendwie irgendwann verändern wird. Schicksal und nicht Wahl. Die meisten kommen damit auch klar. Aber es ist auch keine Leistung, auf das Gegengeschlecht und das erwachsene Körperschema orientiert zu sein. Da sollte man sich nichts drauf einbilden.

Pädophilie hat es demnach auch schon immer gegeben?

Davon bin ich überzeugt. Der Beweis ist natürlich schwer zu führen. Zum Teil kann man das schriftlichen Dokumenten noch entnehmen, aber wenn Sie an vorgeschichtliche Ethnien denken, geht das natürlich nicht mehr. Ich glaube, dass Pädophilie immer ein Teil der menschlichen Sexualität gewesen ist und auch immer sein wird, und dass dieser Teil wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge bei etwa einem Prozent der Männer liegt.

Warum nur bei Männern? Wäre es nicht denkbar, dass Pädophilie auch bei Frauen auftritt?

Das ist auch so. Es gibt einige wenige Beispiele, die aber sehr rar sind. Wir haben mehr als zehn Jahre Erfahrung hier, und dabei standen 2.000 Männer, die bei uns Hilfe suchten, 20 Frauen gegenüber, bei denen alle - bis auf eine - nicht pädophil waren, sondern nur Angst hatten, es zu sein.

Was also definiert die Pädophilie?

Pädophilie ist die sexuelle Ansprechbarkeit auf das vorpubertäre Körperschema von Kindern, die sich in Begleitphantasien bei sexueller Erregung erkennen lässt. Das lässt sich genau erfassen, denn der Übergang vom Kind zum Erwachsen ist in verschiedene Stadien einteilbar, die sogenannten „Tanner"-Stadien der körperlichen Pubertätsentwicklung. Die Betroffenen können ganz präzise das Körperschema beschreiben, das sie erregt - wenn sie offen und kooperativ sind, also ehrlich Auskunft geben wollen.

„Die Natur liebt die Vielfalt - und die Kultur hasst sie.“

Also ähnlich wie bei Menschen, die auf den Erwachsenenkörper orientiert sind?

Sicher. Sie können schon bei Jugendlichen erkennen, ob das erwachsene Körperschema einen Reiz auf sie ausübt und in ihren Begleitphantasien auftaucht. Heute spielt der Konsum von Pornografie eine beträchtliche Rolle, der aber auch entsprechend den sexuellen Ausrichtungen einzuordnen ist. Bei Menschen, die auf Kinder orientiert sind, ist bei dem großen Angebot im Internet leider die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass sie sich Missbrauchsabbildungen anschauen. Hier können sie sexuelle Handlungen zwischen Kindern oder zwischen Kindern und Erwachsenen sehen, sowie etwa explizit erotisches Posing, in dem Kinder ihre Genitalien zeigen. Diese Materialien werden zur Masturbation genutzt, weil es dem entspricht, was von den Phantasien her bekannt ist. Seit 2014 bieten wir daher auch für Jugendliche mit sexuellem Interesse für Kinder Diagnostik und Behandlung an.

Was versprechen sich Pädophile von den Missbrauchsabbildungen einerseits und andererseits von den Beziehungen zu Kindern, die sie im echten Leben führen wollen?

Bei den Missbrauchsbildungen ist es so, dass Pädophile nach einer Konkretisierung ihrer sexuellen Phantasien suchen, die sie dann in dieser Bilderwelt finden wollen. Die Kinder in den Phantasien sind bei vielen sehr genau beschreibbar. Beispielsweise ein blonder Junge, der eine bestimmte Pose einnimmt. Da würde derjenige, der das phantasiert, versuchen, genau diese Pose mit einem blonden Jungen als reale Abbildung zu finden. Etwas anderes ist der Wunsch nach Bindung, den wir alle haben. Das ist ein biologisches Programm, das für uns Menschen verbindlich ist. Wenn man Kummer hat, würde man immer versuchen, sich an Menschen zu wenden, die einem Unterstützung geben oder Schutz bieten, selbst wenn man Fehler gemacht hat. Dieses in der Evolution entstandene Bindungsprogramm findet man bei allen sozial organisierten Säugetieren. Und es ist auch wichtig, um Stress zu regulieren. Wenn es Ihnen schlecht geht und Sie einen Menschen haben, der Ihnen nahesteht, dann wird diese Verbindung, insbesondere, wenn sie körperlich ist, eine heilsame Wirkung auf Sie haben.

Was bei Kindern natürlich nicht gegeben ist, da man hier von Einvernehmlichkeit oder sexueller Selbstbestimmung gar nicht reden kann.

So ist es. Die Möglichkeit, mit Kindern partnerschaftliche Bindungen zu verwirklichen entfällt genauso wie die Realisierung sexueller Kontakte.

Und das ist den Betroffenen bewusst?

Manchen eben leider nicht. Und das ist ein enormes Dilemma, denn sie haben ja auch diese natürlichen psychosozialen Grundbedürfnisse nach Annahme, Sicherheit, Schutz und Vertrauen. Diese Dinge entstehen nur zwischen Menschen, die können Sie nicht aus sich alleine schöpfen. Sie können sich nicht alleine trösten.

Wie fühlt es sich Ihren eigenen Erkenntnissen zufolge an, wenn einem das ein Leben lang verwehrt bleiben muss?

Das ist ein extrem schwieriger Part im Leben von Menschen, die eine sexuelle Ausrichtung haben, die eine Verwirklichung unmöglich macht. Für einen Menschen mit pädophiler Neigung bedeutet das, sein Leben so zu organisieren, dass er die Verantwortung übernimmt und dafür Sorge trägt, dass er seine sexuellen Wünsche nicht an ein Kind heranträgt. Diese Enthaltsamkeit ist unabdingbar und ohne Alternative. Sicher könnte man sagen, das Leben ist unfair, wenn es Menschen aufgrund ihrer Präferenzbesonderheit eine solche Abstinenz zwingend abverlangt, aber das Leben ist zu vielen Menschen unfair, die ihr Schicksal zu tragen haben.

Wo setzen Sie hier mit Ihrem Präventionsprojekt an?

Wir ermutigen die Betroffenen, soziale Beziehungen auszubauen, denn sie sind oft sehr isoliert und vereinsamt, was auch immer ein Risikofaktor ist. Als eine der Behandlungsstrategien versucht man, das soziale Back-Up zu erweitern, um die Bindungsdimension auf diese Weise erfüllbar zu machen. Es geht im Endeffekt darum, dass man einer klinisch bekannten Gruppe von Menschen Hilfen anbietet, die sie im Leben stabilisieren und ihre psychischen Belastungen verringern sollen, mit dem Ziel, dass sie niemals Kindern schaden. Und zwar weder durch sexuelle Übergriffe noch durch die Nutzung von Missbrauchsabbildungen. Wir kennen inzwischen die Risikofaktoren, die dazu führen, dass jemand mit pädophiler Neigung sein Verhalten in diesem Sinne nicht kontrollieren kann. Also beeinflussen wir diese Risikofaktoren und helfen den Betroffenen, ihre pädophile Sexualpräferenz adäquat in ihr Selbstkonzept zu integrieren und ihre Bindungswünsche in einer Weise zu erfüllen, die Kindern nicht schadet.

„Je mehr wir gesellschaftlich aufklären und ein gesamtgesellschaftliches Zeichen setzen, dass wir Missbrauch nicht dulden, umso größer sind die Chancen, dass es gar nicht erst zu Übergriffen kommt.“

Wie geht das konkret?

Das kann man sich konkret so vorstellen, dass wir den Menschen zunächst sehr gut kennenlernen. Zunächst, was seine Präferenz betrifft, die ja nicht bei allen Pädophilen gleich ist. Das hängt mit den erwähnten Achsen zusammen, auf denen sich die sexuelle Präferenz ausprägt. Manche werden erregt, wenn sie das Kind sehen, wollen es gar nicht anfassen, andere stellen sich direkte Kontakte bis hin zur Penetration vor. Wenn wir die individuellen Sexualpräferenzen kennen, können wir Verhaltensbereitschaften gut vorhersagen und damit die Risiken benennen. Wir können aber eins nicht: Eine Veränderung der Präferenzen in Aussicht stellen. Wir müssen im Gegenteil von deren Stabilität ausgehen, wie wir gerade mit einer Längsschnittuntersuchung zeigen konnten. Das wissen die Betroffenen auch, die sich häufig genug vergeblich eine solche Veränderbarkeit gewünscht haben. Aber sie wissen ebenfalls, dass sie eine gute Chance haben, ihre Verantwortung so zu erfüllen, dass niemand zu Schaden kommt, wenn sie ihre Wünsche auf der Phantasieebene belassen.

Aber wie kann man eigentlich den Erfolg messen, wenn sich ein Projekt wie Ihres ganz wesentlich im Dunkelfeld abspielt?

Es stimmt, dass das Dunkelfeld durch diese Forschungen jetzt erst bekannter wird. Früher hatte man nur den Zugang zum Hellfeld, also zu angeklagten oder verurteilten Sexualstraftätern, und das ist natürlich eine Selektion. Aber man kann Risikofaktoren messen. Das sind zum Beispiel Wahrnehmungsverzerrungen, die die Betroffenen haben. Wenn zum Beispiel ein pädophiler Lehrer den Eindruck bekommt, ein Schüler wäre an einer besonderen Beziehung zu ihm interessiert, etwa weil er ihn immer wieder mal in den Schulpausen anspricht und um Rat fragt. Hier muss der Betreffende lernen zu erkennen, wie er in diese Wahrnehmungsverzerrung hineingerät und sich frühzeitig selber zu korrigieren. Die Opferempathie ist ebenfalls ein wichtiger Punkt: Die Betroffenen müssen dafür sensibilisiert werden, wie es dem Kind in Wirklichkeit geht, was es wirklich braucht. Und was es eben nicht braucht.

Sollte man nicht meinen, dass die Einsicht in das, was man da als Pädophiler anrichten könnte, auch ohne Therapie zu haben sein sollte?

Ich bin sicher, dass es eine Gruppe von Menschen mit Pädophilie gibt, die ein so hohes Verantwortungsgefühl und so starke Gewissenskräfte haben, dass sie keine therapeutische Hilfe brauchen, um verhaltensabstinent zu leben. Allerdings, und da bin ich auch sicher, ist das oftmals mit einer erheblichen Belastung durch psychische Probleme verknüpft, meist sind es Symptome von Depression und Angst. Das Projekt selbst, aber auch die Nachuntersuchungen zeigen, dass es für die Betroffenen eine Richtung gibt, die sie einschlagen können und die zu einem lebenswerten Leben führt, sie also von diesen Symptomen entlastet. Sie haben dann nicht mehr das Gefühl, von ihren Phantasien dominiert zu werden, sondern diese eingrenzen zu können. Es ist ja nicht verboten zu masturbieren, auch zu Phantasien, egal, wie sie sein mögen. Aber dieses Gefühl: Ich kann das managen, ich bin dem nicht ausgeliefert, ich habe da Möglichkeiten gegenzusteuern - das stärkt die Betroffenen. Wenn sie diese Möglichkeit dagegen nicht fühlen - und das ist eine weitere Gruppe im Dunkelfeld - dann kann sie eine Begegnung mit einem Kind unvorbereitet treffen, eben weil sie sich nicht damit auseinandergesetzt haben.

Die Therapie dauert ein Jahr, und auch danach stehen den Betroffenen die Türen weiter offen. Wenn Sie nichts mehr von ihnen hören - ist das ein gutes Zeichen?

Das nehmen wir an, aber wir wissen es nicht. Bei unseren Nachuntersuchungen erreichen wir beispielsweise nicht alle, sondern ungefähr die Hälfte. Es gibt immer frühere Teilnehmer, die sich zu einer erneuten Untersuchung nicht bereit erklären und uns über die Gründe dafür nicht informieren. Umgekehrt können alle Teilnehmer auch nach Abschluss der Therapie von sich aus jederzeit den Kontakt wiederherstellen, was auch passiert. Wir haben hier in Berlin mittlerweile zwei Nachsorgegruppen und eben unser Netzwerk, wo wir bundesweit mit elf Standorten vertreten sind.

„Pädophilie ist eine Diagnose, kein Verbrechen.“

In der medialen Öffentlichkeit wird Pädophilie oft immer noch tabuisiert, während über die Täter und die Taten gerne reißerisch berichtet wird. Als Opfer könnte man da schnell den Eindruck gewinnen, hier ginge es eher um Dämonisierung als um Opferhilfe.

Beide Beobachtungen sind aus meiner Sicht korrekt. Zum einen ist die gesellschaftliche Befassung mit diesem auch zahlenmäßig großen Problem bis vor zehn, zwanzig Jahren ziemlich unterbelichtet gewesen. Nicht nur was die Häufigkeit sexuellen Kindesmissbrauchs angeht, die in Deutschland bei etwa 10% der Kinder liegt und die in anderen, auch europäischen, Ländern zum Teil sogar noch höher ist. Das hängt auch immer davon ab, wie eine Kultur mit Traumatisierung insgesamt umgeht und inwieweit sie bereit ist, sich für etwas zu engagieren, wo das genauere Hinschauen emotional belastend ist. Das wird nämlich gerne vermieden.

Sie gehen davon aus, dass 10% der Kinder und mehr Opfer von sexualisierter Gewalt werden?

Ja. Ich muss davon ausgehen, weil die Studiendaten diesen Schluss nahelegen. In einem bevölkerungsreichen Land wie Indien liegt die Prävalenz deutlich höher, nämlich bei 20%. Durch meine Mitwirkung an dortigen Präventionsbemühungen ist mir die Bedeutung der Kultur für die Aufrechterhaltung und sogar Förderung von sexuellem Kindesmissbrauch sehr bewusst geworden. Massive Tabuisierung des Sexuellen, Entwertung der Frau, Vorrechte nach Geburtsstand und Kastenzugehörigkeit sowie die weit verbreitete Strategie, alle Probleme innerhalb der Familie lösen zu wollen, befördern ein Abschirmen vor allem des innerfamiliären Missbrauchs, nicht selten in der Überzeugung, das Richtige zu tun. So würde man bei dem Missbrauch eines Mädchens deshalb von einer Anzeige absehen, um deren Heiratschancen nicht zu verringern. Das Dunkelfeld ist dementsprechend riesig und die Täter haben selten mit Konsequenzen zu rechnen.

Das Netzwerk

Das Präventionsnetzwerk „Kein Täter werden“ bietet kostenlose und schweigepflichtgeschützte Behandlung für Personen, die eine sexuelle Neigung zu Kindern verspüren und therapeutische Hilfe suchen. Mittlerweile wird das Projekt an Standorten in Berlin, Kiel, Regensburg, Leipzig, Hannover, Hamburg, Stralsund, Gießen, Düsseldorf, Ulm und Mainz angeboten. Darüber hinaus gibt es seit 2015 eine Nebenstelle des Regensburger Standortes in Bamberg. Die Standorte haben sich im Präventionsnetzwerk „Kein Täter werden" zusammengeschlossen und arbeiten nach gemeinsamen Qualitätsstandards. Die Behandlung folgt einem strukturierten Therapieplan, berücksichtigt aber die individuellen Bedürfnisse und erfolgt in Absprache mit den Teilnehmern. Sie integriert psychotherapeutische, sexualwissenschaftliche, medizinische und psychologische Ansätze sowie die Möglichkeit einer zusätzlichen medikamentösen Unterstützung.

Das hat dann aber nichts mehr mit Pädophilie zu tun, oder?

Wir haben es, generell zusammengefasst, mit zwei Gruppen von Männern zu tun, die Kinder missbrauchen. Die einen sind die mit der Ausrichtung auf das kindliche Körperschema, und die gibt es auch in Indien. Genauso eingebunden in den familiären Nahraum wie alle anderen - das ist dann der Onkel, von dem sich die Kinder möglichst fernhalten wollen, weil ihnen die Nähe unangenehm ist. Und dann gibt es die, die sogenannte Ersatzhandlungen begehen. Das sind Menschen, die Kinder sexuell missbrauchen, weil es für sie aus verschiedenen Gründen nicht umsetzbar ist, erwachsene Partner zu finden. Diese Taten werden beispielsweise von sexuell unerfahrenen Jugendlichen oder von Menschen mit einer Persönlichkeitsstörung oder einer geistigen Behinderung begangen - es sind Ersatzhandlungen für eigentlich erwünschte sexuelle Kontakte mit erwachsenen Partnern. Das passiert in Indien wahrscheinlich noch viel häufiger als in Deutschland, weil ja Jugendlichen - seitens der Familie - sexuelle Beziehungen untersagt sind. Sie müssen bis zur Eheschließung warten - die im Übrigen in den meisten Fällen arrangiert ist, also Ausdruck der Familienpolitik. Ein Smartphone besitzen aber alle Jugendlichen - selbst in den Slums - und haben somit auf diese Weise Zugang zu pornographischen Materialien. Die Annahme ist nicht abwegig, dass soziosexuelle Erfahrungen dann verstärkt mit Kindern aus dem Umfeld angestrebt werden könnten.

Um bei Deutschland zu bleiben: Was würden Sie sich von den verschiedenen Akteuren wünschen? Also von den Tätern, von den Opfern, von der Gesellschaft insgesamt?

Ich wünsche mir ein Ineinandergreifen von Verantwortungsübernahme auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen: einen Ausbau des Opferschutzes, Aufklärung und Prävention an Schulen, aber auch Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen für Lehrkräfte und andere Berufsgruppen. Je mehr wir gesellschaftlich aufklären und ein gesamtgesellschaftliches Zeichen setzen, dass wir Missbrauch nicht dulden, umso größer sind die Chancen, dass es gar nicht erst zu Übergriffen kommt. Es sollte klar sein, dass sexueller Missbrauch die psychosozialen Grundbedürfnisse von Kindern und Jugendlichen tangiert, also ihr Bedürfnis nach Nähe, nach Anerkennung, nach Zärtlichkeit, Zuwendung und Geborgenheit. Die meisten Taten werden von Menschen begangen, denen Kinder und Jugendliche ihr Vertrauen geschenkt haben. Der Missbrauch dieses Vertrauens prägt das Schicksal der Betroffenen und darum bedarf es eines funktionierenden Hilfesystems, um ihnen für ihr weiteres Leben möglichst rasch wieder Vertrauen in das Gelingen von Beziehungen zurückzugeben. Zudem bedarf es aber auch des Ausbaus primärpräventiver Diagnostik- und Behandlungsangebote, um potenzielle Täter, wie Menschen mit pädophiler Neigung, zu erreichen, bevor es zu Taten kommt.

Worauf können die Betroffenen hoffen, die sich an Ihr Präventionsprojekt wenden? Und was sollten sie mitbringen?

Sie können davon ausgehen, dass sie hier niemand wegen ihrer pädophilen Neigung verurteilt. Pädophilie ist eine sexuelle Präferenzbesonderheit, die bei 1 % der männlichen Bevölkerung vorkommt und sich zunächst einmal in den Phantasien äußert. Phantasien sind keine Taten, und wenn sie Phantasien bleiben, gibt es keine Opfer. Pädophilie ist eine Diagnose, kein Verbrechen. Was ich von Betroffenen erwarte ist Offenheit, weil wir nur dann unsere Expertise adäquat einsetzen können. Und ich erwarte Verantwortungsübernahme - nämlich selber anzustreben, dass Kinder nicht sexuell traumatisiert werden. Dann können wir sehr gut dazu beitragen, dass die Betroffenen zum einen lernen, ihre sexuelle Ausrichtung zu akzeptieren und in ihr Selbstbild zu integrieren und zum anderen dauerhaft in ihrem Leben in der Lage sind, ihr Verhalten so zu kontrollieren, dass Kinder keinen Schaden nehmen. Dafür bekommen sie unsere volle Unterstützung und verdienen aus meiner Sicht auch gesellschaftliche Anerkennung: Ich wüsste nicht, warum ein Mensch, der pädophil ist und sich voll kontrollieren kann, keinen Anspruch auf soziale Teilhabe haben sollte - nämlich so, wie jeder andere auch.

Hat Sie die fast 30 Jahre andauernde wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesen Themen auch als Person verändert?

Es hat meinen Blick auf die menschliche Existenz enorm erweitert, was ich als große Bereicherung empfinde. Ich lerne von buchstäblich jedem Patienten dazu, und das gibt mir ein immer breiteres Bild über die menschliche Sexualität, die ich für einen Schlüssel zum Menschen überhaupt halte. Es gibt keine Spezies, die diese Vielfalt sexueller Erscheinungsformen aufweist, es muss also mit dem menschlichen Gehirn und mit der Kultur zu tun haben. Und das Faszinierende ist das Zusammenspiel zwischen Gehirn und Kultur - es sorgt für diese unendliche Vielfalt, die nach wie vor dazu angetan ist, die Neugier in mir wachzuhalten.

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Zur Person

Prof. Dr. med. Dr. phil. Klaus Michael Beier, geboren 1961, ist Direktor des Instituts für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin an der Berliner Charité. Der promovierte Mediziner und Philosoph leitet seit 2005 das Forschungsprojekt Kein Täter werden zum Thema Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch im Dunkelfeld. Das weltweit beachtete Therapieangebot wird mittlerweile in elf deutschen Städten angeboten, aktuell laufen Nachuntersuchungen ehemaliger Teilnehmer. Seit 2014 gibt es unter seiner Leitung auch ein entsprechendes Präventionsprojekt für Jugendliche. Beier lebt in Berlin.

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