Monika Hauser
„Es gibt keine Alternative zum Handeln.“
11.07.2017, Köln. Die Frauenrechts- und Hilfsorganisation Medica Mondiale hat sich über mehrere Etagen im Kölner Agnesviertel ausgebreitet. Im Erdgeschoss desselben Gebäudes ist der Schwulen- und Lesbenverband Deutschlands zu Hause. Pünktlich begrüßt Monika Hauser mit außergewöhnlich festem Händedruck. Man merkt sofort, dass sie eine Frau der Tat ist, die nicht viel von Gerede hält. Dennoch nimmt sie sich für das Interview Zeit, binnen weniger Minuten befinden wir uns in einem intensiven Gespräch, das von Frauenrechten über die Flüchtlingskrise bis hin zu mangelnden Visionen in der aktuellen Politik führt.
Frau Hauser, Sie beschreiben Medica Mondiale als eine feministische Frauenrechts- und Hilfsorganisation. Was ist für Sie Feminismus?
Das ist eigentlich ganz einfach. Für mich bedeutet Feminismus, an der Seite von Frauen zu kämpfen und diese Welt für Frauen und Mädchen zu einem gerechteren Ort zu machen. Daher besitzen wir mit Medica Mondiale ein emanzipatorisches Selbstverständnis. Das bedeutet, dass wir uns als Kämpferinnen für die Frauenrechte verstehen. Es gibt sicher konservativere Organisationen, die das nicht so klar ausdrücken würden. Unsere Arbeit beruht auf der feministischen Analyse, und daraus haben wir einen emanzipatorischen Ansatz entwickelt. Das stellt natürlich das patriarchale Gefüge in Frage.
Können Sie diesen emanzipatorischen Ansatz erklären?
Wir beraten die Frauen, die sexualisierte Gewalt erlitten haben, ganzheitlich. Das bedeutet, dass wir nicht nur medizinische Unterstützung für Frauen organisieren, die nach einer Vergewaltigung beispielsweise eine Geschlechtskrankheit haben oder verstümmelt wurden, sondern auch psychosoziale und juristische Hilfe für die Bewältigung ihrer Traumata bereitstellen. Bei dieser direkten Art der Unterstützung haben wir immer im Blick, wie wir Entwicklungsmöglichkeiten und Perspektiven aufbauen können, sodass die Frau ihr Leben schließlich selbst in die Hand nehmen kann. Das unterscheidet sich ganz klar von einem karitativen Ansatz.
Ihr Ziel ist also, Frauen zu befähigen, eigenständig für sich und ihre Familie zu sorgen?
Natürlich, ja. Aber da hört es nicht auf. Es geht auch darum, dass die Überlebende an der Demokratisierung und der politischen Gestaltung ihres Landes mitwirken kann. Damit kann sie dazu beitragen, dass es in ihrer Region zu weniger sexualisierter Gewalt kommt. Da spielt Sinnhaftigkeit eine ganz große Rolle: Die oft schwer traumatisierten Überlebenden wandeln auf diese Art die furchtbaren Verbrechen, die ihnen widerfahren sind, zu etwas Sinnhaftem um. Als wir damals das Frauenzentrum in Liberia eingeweiht haben, hatten sich einige Frauen Papierhüte gebastelt, auf die sie verschiedene Slogans geschrieben hatten. Ich habe mich dann mit einer Liberianerin unterhalten, die auf ihrem Hut „Stop Rape“ stehen hatte. Sie hat mir erzählt, dass sie sich als ehemaliges Opfer jetzt sozusagen präventiv engagiert, damit ihrer Tochter nicht das gleiche Schicksal widerfährt wie ihr. Wenn die Überlebende sich dann als wirksam erlebt, weil ihr Engagement Früchte trägt, ist das auch therapeutisch sehr wertvoll.
Haben Sie ein konkretes Beispiel, wo Sie genau diese Entwicklung beobachten konnten?
Mir fällt sofort eine Bosnierin ein, die 1993 in ihrem Heimatland eine unserer ersten Klientinnen war. Sie hatte schreckliche Gewalt erlebt und war schwerst traumatisiert. Als sie bei uns im Therapiezentrum war, fand sie wieder zu ihrem Mann zurück, von dem sie durch die Kriegsführung getrennt worden war. Jahre später kommt sie als, strahlende Frau auf mich zu und fragt: „Monika, kennst Du mich nicht mehr?“ Da erst wurde mir klar, wer sie ist. Heute hat sie ihre eigene Selbsthilfegruppe in ihrem kleinen bosnischen Ort. Sie sagt, dass Medica Mondiale ihr dabei geholfen habe, in ihr Leben zurückzufinden und sie diese Hilfe nun auch an andere weitergeben möchte, die vielleicht noch gar keine Unterstützung erfahren haben. So gibt sie also etwas zurück.
„Für mich bedeutet Feminismus, an der Seite von Frauen zu kämpfen und diese Welt für Frauen und Mädchen zu einem gerechteren Ort zu machen.“
Es ist also auch Teil Ihres ganzheitlichen Ansatzes, die Überlebenden vor Ort so weiterzubilden, dass sie selber zu Ansprechpartnerinnen werden.
Genau. Das machen wir beispielsweise in Liberia so. Wir bilden sehr niedrigschwellig Community-Helferinnen und -Beraterinnen aus. Sie sind dann keine Fachberaterinnen, sondern können als erste Ansprechpartnerinnen fungieren, mit denen Überlebende über ihre Situation reden können. Die Beraterin vor Ort kann dann beurteilen, was der nächste Schritt sein sollte: Reicht es aus, wenn sie regelmäßig mit der Überlebenden redet, oder muss der Kontakt zu einer Fachberaterin von Medica Mondiale hergestellt werden? Muss sie außerdem vielleicht mit einer Juristin in Kontakt gebracht werden, weil sie Anzeige erstatten will? Dieses System haben wir Schritt für Schritt in den vergangenen 20 Jahren aufgebaut. Der Selbsthilfeansatz an sich war von Anfang an fester Bestandteil unseres Konzepts.
Sie arbeiten vor Ort nicht nur mit den einheimischen Frauen zusammen, sondern versuchen außerdem mit lokalen Schlüsselakteuren wie Ehemännern, Lehrern, der Polizei, dem Gericht oder religiösen Führern zu kooperieren. Wieso ist das notwendig?
Das machen wir tatsächlich schon seit unseren Anfängen in Bosnien, und seit 2002 arbeiten wir in Afghanistan verstärkt daran. Dort ist uns klar geworden, dass die eigentliche Arbeit mit den Frauen zwar ein zentraler Teil ist, dass dieser aber bei Weitem nicht ausreicht. Wir müssen direkt in die Gesellschaft einwirken und an den entsprechenden Schaltstellen sensibilisierte Menschen haben, weil die Problematik sonst niemals gelöst, sondern nur zugedeckt wird.
In solchen Bereichen arbeiten häufig viele Männer. Was sind ihre Erfahrungen, wenn sie versuchen, dort Sensibilisierungsarbeit zu leisten?
Die Erfahrungen sind sehr heterogen. Ein sehr positives Beispiel ist unsere Zusammenarbeit mit der kurdischen Regierung im Nordirak. Das ist die erste Regierung, die uns eingeladen hat, ihr Gesundheitspersonal mit unserem traumasensiblen Ansatz fortzubilden. Dort wird unsere Arbeit also nicht nur von der Regierung unterstützt, sondern sogar aktiv eingefordert. Das haben wir natürlich auch schon ganz anders erlebt.
Wo zum Beispiel?
Man muss sagen, dass es immer beide Formen der Reaktion gibt: einerseits Dankbarkeit für die Hilfe, die eigene Hilflosigkeit zu überwinden, andererseits gibt es natürlich viele Widerstände. Je dramatischer eine Nachkriegssituation ist, desto weiter spitzt sich die Gewaltspirale zu. Und je angespannter die Lage ist, desto schwieriger wird es, unsere emanzipatorischen Ansätze an den Mann und die Frau zu bringen – und dementsprechend mehr Widerstand schlägt einem entgegen. Aber wie sagen die Kolleginnen vor Ort: Es gibt keine Alternative zum Handeln. Das sage auch ich nach 25 Jahren immer noch. In Kabul beispielsweise müssen wir bei allem um Legitimation kämpfen.
Wie sieht dieser Kampf konkret aus?
Einerseits haben die lokalen Kolleginnen sehr viel Erfahrung. Sie haben einen von uns entwickelten Ausbildungsweg hinter sich und sind hochmotiviert: Die afghanischen Kolleginnen – unsere Organisation dort ist sehr groß geworden und umfasst derzeit rund 70 Frauen – lassen sich die Butter nicht mehr vom Brot nehmen, die gehen zu den Ministerien, zur Polizei und zu anderen Stellen, mit denen kooperiert wird, und sagen ganz klar: „Das haben wir besprochen, und so wollen wir jetzt weitermachen!“ Sie führen dann beispielsweise auch Trainings zum traumasensiblen Ansatz mit religiösen Autoritäten durch, da werden dann Fragestellungen geklärt wie: Was ist eigentlich Gewalt gegen Frauen? Welche Formen davon gibt es? Welche Gesetze gibt es in Afghanistan? Welche internationalen Konventionen hat Afghanistan ratifiziert? Was sind Menschenrechte? Gibt es einen Widerspruch dazu in deiner Scharia? Nein, du findest sogar Suren, die durchaus für Frauenrechte sprechen. Die Frauen unterstützen die religiösen Autoritäten also darin, aus ihrem eigenen Stoff Thesen herauszuziehen, die ihnen die Argumentation für Frauenrechte liefern. Danach hat so mancher Mullah plötzlich im Freitagsgebet gegen Gewalt gegen Frauen gewettert – und das wiederum hat natürlich enorme Auswirkungen auf die, die dort sitzen und zuhören.
Wann ist es klug, mit internationalen statt lokalen Kolleginnen zu arbeiten?
Im Krieg und unmittelbar danach ist es sinnvoll, als internationale Kollegin reinzugehen, da die Strukturen vor Ort komplett am Boden liegen. Da ist dann zunächst die Aufgabe, die zukünftigen Kolleginnen vor Ort erst einmal ausfindig zu machen und sie überhaupt in die Lage zu bringen, dass sie diese Arbeit tun können. Nach erfolgreichem Projektaufbau, der über ein Jahrzehnt gehen kann, legen wir die Arbeit vollkommen in die Hände einheimischer Kolleginnen. Medica Afghanistan hat mittlerweile ein sehr hohes Standing. Dort sind sie nach wie vor – so unglaublich das auch klingen mag – eine der wenigen Organisationen, die Unterstützungsstrukturen für vergewaltigte Frauen bietet. Frauenhäuser gibt es dort auch, aber traumaspezifische und empathisch auf Frauen ausgerichtete Hilfe eben nicht.
Würden Sie sagen, dass es generell eine latente Benachteiligung von Frauen im etablierten Hilfesystem gibt?
Tatsächlich gibt es kaum Unterstützung, die auf sexualisierte Gewalt abgestellt ist. Das liegt natürlich auch daran, dass das Thema immer noch extrem tabuisiert ist und diejenigen, die helfen, diskriminiert oder bedroht werden. Je patriarchaler eine Gesellschaft aufgestellt ist, desto gefährdeter sind jene, die diese Arbeit tun.
„Auf das Trauma der Vergewaltigung folgt das der Stigmatisierung. Und je patriarchaler eine Gesellschaft ist, desto mehr gilt dieser Satz.“
Wie äußert sich diese Bedrohung?
Das Harmloseste ist noch, dass der Vater oder Ehemann verbietet, dass die Frau weiterhin für uns arbeitet. Es geht aber soweit, dass Frauen SMS bekommen, in denen sinngemäß Dinge stehen wie: „Du dreckige Hure. Ich weiß genau, wo du wohnst. Warte mal ab was passiert, wenn du heute Abend nach Hause gehst.“ Viele belassen es nicht bei diesen Bedrohungsszenarien, sondern setzen ihre Worte auch in die Tat um. In Afghanistan wurden in den vergangenen 15 Jahren zahlreiche Frauenrechtlerinnen oder Politikerinnen umgebracht. Oft werden Frauen, die bei einer Frauenorganisation arbeiten, auch von ihrem sozialen Umfeld mit Unverständnis konfrontiert, sie sehen sich Fragen gegenüber wie: „Warum arbeitest du für diese internationale Organisation? Das ist doch nur eine Erfindung des Westens!“
Passiert es oft, dass Menschen die Hilfe nicht annehmen, weil sie glauben, dass es sich um eine vom Westen auferlegte Hilfemaßnahme handelt?
Das ist leider Propaganda, die konstant verbreitet wird – aber natürlich völliger Quatsch ist. Ein gutes Mittel, um sich zumindest die familiäre Akzeptanz zu sichern, ist, dass unsere lokalen Kolleginnen allesamt Geld verdienen – und von diesem Geld können dann viele weitere Familienmitglieder leben. Aber unsere afghanischen Kolleginnen haben auch eine ganz klare Antwort auf diese Vorwürfe, indem sie deutlich machen, dass die Frauenrechte universale Rechte sind, für die sie jeden Tag ihr Leben riskieren. In einem Land, in dem die Müttersterblichkeit und die Zwangsverheiratung von Kindern dermaßen hoch ist, in dem zwölf Jahre alte Mädchen bei der zweiten oder dritten Schwangerschaft sterben, da kann es doch nicht sein, dass Leute behaupten, dass die Notwendigkeit, diese Mädchen vor dem Tod zu bewahren, nur auf westlichen Werten basiert.
Frauen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben, haben häufig Scheu davor, von ihren Erlebnissen zu sprechen. Wie muss sich eine Gesellschaft entwickeln, damit sich das ändert?
Sprechen Sie jetzt von Deutschland oder Afghanistan?
Sie dürfen hier gerne differenzieren.
Meiner Meinung nach ist es ein systemimmanentes Problem, bei dem auf das Trauma der Vergewaltigung jenes der Stigmatisierung folgt. Und je patriarchaler eine Gesellschaft ist, desto mehr gilt dieser Satz. In vielen dieser hoch patriarchalen Gesellschaften, in denen wir arbeiten, wird die vermeintliche Ehre - die "Ehre" ist ja nicht mehr als ein soziales und kulturelles Konstrukt - mit dem Intimbereich des Mädchens oder der Frau verknüpft. In einer solchen Gesellschaft hat die Überlebende kaum eine Chance, über ihre Erlebnisse zu sprechen. Ich sage aber auch ganz klar, dass wir nicht so tun sollten, als wäre das hier in Deutschland nicht auch ein Problem.
Inwiefern?
Stellen Sie sich Folgendes vor: Das Semester beginnt wieder. Ein Student hat seinen Bruder bei einem Skiunfall im Urlaub verloren. Er kann darüber reden und ist sich der Anteilnahme aller sicher. Anders bei der Studentin, die in der Skifreizeit vergewaltigt worden ist. Kann die einfach mit ihren Kommilitoninnen darüber reden? Zunächst sicher nicht. Wenn überhaupt spricht sie vielleicht mit ihrer besten Freundin darüber. Auch in unserer aufgeklärten und hoch entwickelten Gesellschaft ist es für Frauen und Mädchen nach wie vor schwierig – und wohl noch schwieriger für Jungs – über sexualisierte Gewalterfahrungen zu sprechen. In einer BKA-Studie aus dem Jahr 2011 wurde festgestellt, dass von 313 weiblichen Mordopfern jedes Zweite durch die Hand seines Partners starb. Wir nennen das hierzulande Beziehungstat. Bei Familien mit türkischem Hintergrund würden wir vielleicht von einem Ehrenmord sprechen. Wäre es nicht interessant, mal zu recherchieren, ob viele dieser Beziehungstaten vielleicht auch eine Art von Ehrenmord waren?
Kürzlich äußerte sich auch Bundeskanzlerin Merkel zu sexualisierter Gewalt und erinnerte an die Übergriffe im Nordirak. Über sexualisierte Gewalt in Deutschland spricht sie jedoch nicht. Wie erklären Sie sich das?
Erst mal muss ich sagen, dass ich mich gleichzeitig gewundert, aber auch gefreut habe, dass das Thema nun auch endlich in konservativeren Kreisen angekommen zu sein scheint. Jedoch wird hier der Fehler gemacht, ausschließlich auf die sexualisierte Gewalt als Kriegsstrategie einzugehen. Dass nach dem Krieg auch häusliche Gewalt stark zunimmt oder sich UN-Soldaten vor Ort eine 15-jährige Kongolesin für fünf Dollar im Bordell kaufen – darauf wird nicht eingegangen. Wir sprechen hier von einem Kontinuum sexualisierter Gewalt im Krieg. Indem man sich lediglich auf kriegsstrategische Aspekte fokussiert, schiebt man dieses Thema wieder ganz weit weg von sich selbst und entzieht sich so zumindest teilweise auch der Verantwortung dafür. Aber Sie haben recht, die Verbindung zu sexualisierter Gewalt in Deutschland bleibt außen vor.
„In einer BKA-Studie aus dem Jahr 2011 wurde festgestellt, dass von den 313 weiblichen Mordopfern jedes Zweite durch die Hand seines Partners starb. Wir nennen das Beziehungstat. In Familien mit türkischem Hintergrund würden wir vielleicht von einem Ehrenmord sprechen.“
Haben Sie bei dem gerade genannten Beispiel das Gefühl, dass hier die sexualisierte Gewalt eher für politische Zwecke instrumentalisiert wird, als dass es tatsächlich um die Frauen geht?
Das ist eine schwierige Frage. Allgemein ist zu sagen, dass wir die Instrumentalisierung vergewaltigter Frauen für politische, juristische, mediale und auch fachliche Interessen seit 25 Jahren erleben. Dagegen kämpfen wir seit Gründung unserer Organisation, indem wir es als Instrumentalisierung benennen. Tatsächlich erleben wir aber immer wieder neue Wellen. Oft sogar eine ungeahnt heftigere Welle der Instrumentalisierung.
Denken Sie an die Silvesternacht in Köln 2015?
Ja, das ist mit Sicherheit ein passendes Beispiel. Die Ereignisse dieser Nacht wurden ganz klar von rechter Seite instrumentalisiert, um Fremdenhass zu schüren. Diese Ereignisse waren ein Geschenk für die rechten Parteien.
Ist die Zuweisung der Flüchtlinge als „die Bösen“ ein Mechanismus, um sexualisierte Gewalt möglichst weit von uns selbst wegzuschieben?
Genau. Der soziologische Begriff dafür ist „Othering“. Die anderen, der Fremde, der schwarze Mann. Da muss ich direkt an das Titelbild im Focus denken, mit den schwarzen Händen auf den weißen Frauenkörpern. Das illustriert ja im Kern genau dieses Denken. Wir dachten ja, das wäre längst verschwunden – ist es aber nicht. So wird der Fremde als Sündenbock benutzt, und so wird von sich selbst abgelenkt, so nach dem Motto „Wir Deutschen machen das ja auf keinen Fall.“ Diesen Mechanismus des Sündenbocks sehen wir auch sehr oft in politisch angespannten Situationen, bei denen es gesellschaftliche Veränderungen und ökonomische Krisen gibt. Das beste Beispiel ist die sogenannte Flüchtlingskrise. Ich benutze dieses Wort nur sehr ungern, denn meiner Meinung nach sind wir eher die Krise gewesen als die Flüchtlinge.
Wo lag denn der Fehler bei dem Umgang mit der Flüchtlingssituation?
Nur weil wir in Deutschland so schlecht aufgestellt sind, ist die Situation zu einer Krise geworden. Angela Merkel hat meiner Meinung nach einen entscheidenden Fehler gemacht. Nicht durch ihren Satz: „Wir schaffen das.“ Da stehen wir voll dahinter. Ich kann aber nicht einen solchen Satz sagen, ohne dem strukturell auch etwas folgen zu lassen. Ich muss dann konkret handeln und Runde Tische mit Fachleuten machen, die etwas von ihrer Sache verstehen. Die hätten sofort gesagt, dass wir mehr Sozialwohnungen brauchen, um Spannungen zu vermeiden. Mangelnder Sozialraum war schon vorher ein Problem, das nun durch die Flüchtlinge wie unter dem Brennglas verstärkt wurde. Und hier liegt ein ganz allgemeines Problem der Politik: Wir hätten unser Geld einfach für andere Dinge ausgeben sollen. Bankenrettung beispielsweise wurde zu einer Priorität. Wie viele Milliarden wurden dafür bewilligt? Davon hätte es nur einen Bruchteil gebraucht, um unser ganzes Land mit guten, sozialen Strukturen zu versorgen.
Wirtschaftlicher Erfolg ist wichtiger als soziale und psychische Gesundheit?
Tja, so funktioniert leider unsere Politik . Das ist aber ein großes Problem mit zerstörerischen Folgen. Da müssen wir doch nur mal auf unsere Kinder schauen. Was bieten wir denen denn? Bereits Kinder und Jugendliche zeigen zu einem hohen Prozentsatz Stresssymptome und haben psychische Krankheiten. In unserer Gesellschaft ist es auch für Erwachsene immer noch schwierig, zu sagen: „Ich habe eine psychische Krankheit.“ Und wenn das selbst hier in Deutschland immer noch ein solches Tabu ist, dann können Sie sich ausmalen, wie das in Afghanistan oder im Kosovo aussieht. In diesen Krisengebieten gibt es gar nichts an Hilfestellungen. Die Männer, die aus dem Krieg kommen, sind ja auch völlig traumatisiert. Das Patriarchat gibt ihnen dann Strukturen an die Hand, wie sie ihre Traumata ausagieren können. Die Frauen leiden darunter. Es ist ein regelrechter Teufelskreis.
Wäre sexualisierte Gewalt überwunden, wenn das Patriarchat verschwinden würde und es zur völligen sozialen und gesellschaftlichen Gleichstellung von Mann und Frau käme?
Es wäre ein guter Anfang, aber die Antwort auf diese Frage ist trotzdem ein klares: Nein. Die Gleichstellung ist erst eine Voraussetzung dafür, dass Gewalt abgebaut werden kann. Wir haben dann immer noch sehr viel Gewalt auf allen Ebenen unserer Gesellschaft, aber eine Gleichberechtigung von Mann und Frau würde den Frauen - und auch den feministischen Männern - ein Gerechtigkeitsgefühl geben, das deeskalierend wirken würde. Ein interessanter Beleg hierfür ist die EU-Studie aus dem Jahr 2014, übrigens die erste europaweite Studie, die sich mit diesem Thema beschäftigt. Wissen Sie, in welchem Land die meisten Frauen angegeben haben, schon mal sexualisierte Gewalt erlitten zu haben? In Dänemark. Das liegt natürlich nicht daran, dass die Dänen mehr vergewaltigen als die Italiener oder die Deutschen, sondern dass dort die meisten Frauen zu Beratungsstellen oder zur Polizei gegangen sind. Nach dieser Studie ist die dänische Gesellschaft also am weitesten entwickelt in Bezug auf Hilfestrukturen. Ein hohes Ausmaß an sexualisierter Gewalt gibt es dennoch.
„Die Männer, die aus dem Krieg kommen, sind völlig traumatisiert. Das Patriarchat gibt ihnen Strukturen an die Hand, wie sie ihre Traumata ausagieren können. Die Frauen leiden darunter. Es ist ein Teufelskreis.“
Nach den Ereignissen der Silvesternacht in Köln haben Sie sich von der Oberbürgermeisterin Henriette Reker ein Modellprojekt zu einer Stadt frei von sexualisierter Gewalt gewünscht. Ist sie Ihrer Forderung nachgekommen?
Nein. Leider habe ich von Frau Reker nie wirklich eine Antwort oder eine Reaktion bekommen. Es ist lediglich ein bisschen was für die folgenden Karneval- und Silvesterfeierlichkeiten verbessert worden. Das war aber auch alles.
Was wurde denn verbessert?
Es wurden präventiv Anlaufstellen eingerichtet. Wenn einer Frau also sexualisierte Gewalt widerfahren ist, standen Wagen bereit, an denen sie sich medizinische und psychologische Hilfe holen konnte.
Was hatten Sie weitergehend gefordert?
Einen viel systemischeren Ansatz, der in Indien bereits erprobt wird. Dazu gehört beispielsweise, dass in den Schulen Programme stattfinden, in denen sexualisierte Gewalt thematisiert und aufgeklärt wird. Aber nicht nur dort, sondern auch an den Universitäten, bei der Polizei, im Sozialwesen, eben bei allen wichtigen Strukturen. Das Ziel der Programme: Eine ganz klare Verurteilung von sexualisierter Gewalt von oben nach unten. Die Kölner Oberbürgermeisterin könnte sich hinstellen und ganz wichtige, emanzipatorische Aussagen machen, die eben das genaue Gegenteil von ihrer „Armlänge Abstand“-Äußerung wären. Aber es passiert nichts. Ich sehe in dieser aktuellen Politik einfach keine Visionen mehr.
Ihr Appell ist durchdacht und praxisnah. Warum wird er ignoriert?
Ach, gelesen worden ist der sicher. (lacht) Leider passiert es uns immer wieder, dass wir keine Reaktion bekommen. Doch das kann uns nicht vom Weg abbringen. Wir arbeiten einfach weiter, auch wenn diese Nicht-Reaktion schon von einer Respektlosigkeit zeugt, die ich ziemlich daneben finde. Ich denke, dass Frauen in politischen Machtpositionen, wie beispielsweise Frau Merkel, einfach Angst haben vor diesem Thema. Sie wollen sich nicht verdächtig machen, für die Frauensache zu kämpfen.
Warum?
Weil das in patriarchalen Gesellschaften nichts wert ist, da wird Erfolg an Gewinnmaximierung gemessen. Das Lebendige macht Angst und muss abgespalten werden.
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Zur Person
Monika Hauser ist 1959 in der Schweiz geboren und aufgewachsen. Als aufgeschlossene junge Frau verschlägt es sie nach dem Abitur in die Ferne. Nach Aufenthalten in Israel und Sri Lanka studiert sie in Innsbruck Medizin, wo sie 1984 promoviert. Nach dem Staatsexamen in Italien beendet sie ihre Ausbildung zur Fachärztin für Gynäkologie in Deutschland, wo sie in Köln schließlich ihren Lebensmittelpunkt findet. Als sie Ende 1992 in den Medien von den Massenvergewaltigungen von bosnischen Frauen erfährt, reist sie mitten ins Kriegsgebiet und gründet dort wenig später mit einheimischen Psychologinnen und Ärztinnen das Frauentherapiezentrum Medica Zenica. Ihr Engagement wurde mit zahlreichen Preisen wie beispielsweise dem „Right Livelihood Award“ geehrt, der als alternativer Nobelpreis gilt.
