Monika Hauser
„Es gibt keine Alternative zum Handeln.“
Juli 2017 / Seite 2 von 2
Frauen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben, haben häufig Scheu davor, von ihren Erlebnissen zu sprechen. Wie muss sich eine Gesellschaft entwickeln, damit sich das ändert?
Sprechen Sie jetzt von Deutschland oder Afghanistan?
Sie dürfen hier gerne differenzieren.
Meiner Meinung nach ist es ein systemimmanentes Problem, bei dem auf das Trauma der Vergewaltigung jenes der Stigmatisierung folgt. Und je patriarchaler eine Gesellschaft ist, desto mehr gilt dieser Satz. In vielen dieser hoch patriarchalen Gesellschaften, in denen wir arbeiten, wird die vermeintliche Ehre - die "Ehre" ist ja nicht mehr als ein soziales und kulturelles Konstrukt - mit dem Intimbereich des Mädchens oder der Frau verknüpft. In einer solchen Gesellschaft hat die Überlebende kaum eine Chance, über ihre Erlebnisse zu sprechen. Ich sage aber auch ganz klar, dass wir nicht so tun sollten, als wäre das hier in Deutschland nicht auch ein Problem.
Inwiefern?
Stellen Sie sich Folgendes vor: Das Semester beginnt wieder. Ein Student hat seinen Bruder bei einem Skiunfall im Urlaub verloren. Er kann darüber reden und ist sich der Anteilnahme aller sicher. Anders bei der Studentin, die in der Skifreizeit vergewaltigt worden ist. Kann die einfach mit ihren Kommilitoninnen darüber reden? Zunächst sicher nicht. Wenn überhaupt spricht sie vielleicht mit ihrer besten Freundin darüber. Auch in unserer aufgeklärten und hoch entwickelten Gesellschaft ist es für Frauen und Mädchen nach wie vor schwierig – und wohl noch schwieriger für Jungs – über sexualisierte Gewalterfahrungen zu sprechen. In einer BKA-Studie aus dem Jahr 2011 wurde festgestellt, dass von 313 weiblichen Mordopfern jedes Zweite durch die Hand seines Partners starb. Wir nennen das hierzulande Beziehungstat. Bei Familien mit türkischem Hintergrund würden wir vielleicht von einem Ehrenmord sprechen. Wäre es nicht interessant, mal zu recherchieren, ob viele dieser Beziehungstaten vielleicht auch eine Art von Ehrenmord waren?
Kürzlich äußerte sich auch Bundeskanzlerin Merkel zu sexualisierter Gewalt und erinnerte an die Übergriffe im Nordirak. Über sexualisierte Gewalt in Deutschland spricht sie jedoch nicht. Wie erklären Sie sich das?
Erst mal muss ich sagen, dass ich mich gleichzeitig gewundert, aber auch gefreut habe, dass das Thema nun auch endlich in konservativeren Kreisen angekommen zu sein scheint. Jedoch wird hier der Fehler gemacht, ausschließlich auf die sexualisierte Gewalt als Kriegsstrategie einzugehen. Dass nach dem Krieg auch häusliche Gewalt stark zunimmt oder sich UN-Soldaten vor Ort eine 15-jährige Kongolesin für fünf Dollar im Bordell kaufen – darauf wird nicht eingegangen. Wir sprechen hier von einem Kontinuum sexualisierter Gewalt im Krieg. Indem man sich lediglich auf kriegsstrategische Aspekte fokussiert, schiebt man dieses Thema wieder ganz weit weg von sich selbst und entzieht sich so zumindest teilweise auch der Verantwortung dafür. Aber Sie haben recht, die Verbindung zu sexualisierter Gewalt in Deutschland bleibt außen vor.
„In einer BKA-Studie aus dem Jahr 2011 wurde festgestellt, dass von den 313 weiblichen Mordopfern jedes Zweite durch die Hand seines Partners starb. Wir nennen das Beziehungstat. In Familien mit türkischem Hintergrund würden wir vielleicht von einem Ehrenmord sprechen.“
Haben Sie bei dem gerade genannten Beispiel das Gefühl, dass hier die sexualisierte Gewalt eher für politische Zwecke instrumentalisiert wird, als dass es tatsächlich um die Frauen geht?
Das ist eine schwierige Frage. Allgemein ist zu sagen, dass wir die Instrumentalisierung vergewaltigter Frauen für politische, juristische, mediale und auch fachliche Interessen seit 25 Jahren erleben. Dagegen kämpfen wir seit Gründung unserer Organisation, indem wir es als Instrumentalisierung benennen. Tatsächlich erleben wir aber immer wieder neue Wellen. Oft sogar eine ungeahnt heftigere Welle der Instrumentalisierung.
Denken Sie an die Silvesternacht in Köln 2015?
Ja, das ist mit Sicherheit ein passendes Beispiel. Die Ereignisse dieser Nacht wurden ganz klar von rechter Seite instrumentalisiert, um Fremdenhass zu schüren. Diese Ereignisse waren ein Geschenk für die rechten Parteien.
Ist die Zuweisung der Flüchtlinge als „die Bösen“ ein Mechanismus, um sexualisierte Gewalt möglichst weit von uns selbst wegzuschieben?
Genau. Der soziologische Begriff dafür ist „Othering“. Die anderen, der Fremde, der schwarze Mann. Da muss ich direkt an das Titelbild im Focus denken, mit den schwarzen Händen auf den weißen Frauenkörpern. Das illustriert ja im Kern genau dieses Denken. Wir dachten ja, das wäre längst verschwunden – ist es aber nicht. So wird der Fremde als Sündenbock benutzt, und so wird von sich selbst abgelenkt, so nach dem Motto „Wir Deutschen machen das ja auf keinen Fall.“ Diesen Mechanismus des Sündenbocks sehen wir auch sehr oft in politisch angespannten Situationen, bei denen es gesellschaftliche Veränderungen und ökonomische Krisen gibt. Das beste Beispiel ist die sogenannte Flüchtlingskrise. Ich benutze dieses Wort nur sehr ungern, denn meiner Meinung nach sind wir eher die Krise gewesen als die Flüchtlinge.
Wo lag denn der Fehler bei dem Umgang mit der Flüchtlingssituation?
Nur weil wir in Deutschland so schlecht aufgestellt sind, ist die Situation zu einer Krise geworden. Angela Merkel hat meiner Meinung nach einen entscheidenden Fehler gemacht. Nicht durch ihren Satz: „Wir schaffen das.“ Da stehen wir voll dahinter. Ich kann aber nicht einen solchen Satz sagen, ohne dem strukturell auch etwas folgen zu lassen. Ich muss dann konkret handeln und Runde Tische mit Fachleuten machen, die etwas von ihrer Sache verstehen. Die hätten sofort gesagt, dass wir mehr Sozialwohnungen brauchen, um Spannungen zu vermeiden. Mangelnder Sozialraum war schon vorher ein Problem, das nun durch die Flüchtlinge wie unter dem Brennglas verstärkt wurde. Und hier liegt ein ganz allgemeines Problem der Politik: Wir hätten unser Geld einfach für andere Dinge ausgeben sollen. Bankenrettung beispielsweise wurde zu einer Priorität. Wie viele Milliarden wurden dafür bewilligt? Davon hätte es nur einen Bruchteil gebraucht, um unser ganzes Land mit guten, sozialen Strukturen zu versorgen.
Wirtschaftlicher Erfolg ist wichtiger als soziale und psychische Gesundheit?
Tja, so funktioniert leider unsere Politik . Das ist aber ein großes Problem mit zerstörerischen Folgen. Da müssen wir doch nur mal auf unsere Kinder schauen. Was bieten wir denen denn? Bereits Kinder und Jugendliche zeigen zu einem hohen Prozentsatz Stresssymptome und haben psychische Krankheiten. In unserer Gesellschaft ist es auch für Erwachsene immer noch schwierig, zu sagen: „Ich habe eine psychische Krankheit.“ Und wenn das selbst hier in Deutschland immer noch ein solches Tabu ist, dann können Sie sich ausmalen, wie das in Afghanistan oder im Kosovo aussieht. In diesen Krisengebieten gibt es gar nichts an Hilfestellungen. Die Männer, die aus dem Krieg kommen, sind ja auch völlig traumatisiert. Das Patriarchat gibt ihnen dann Strukturen an die Hand, wie sie ihre Traumata ausagieren können. Die Frauen leiden darunter. Es ist ein regelrechter Teufelskreis.
Wäre sexualisierte Gewalt überwunden, wenn das Patriarchat verschwinden würde und es zur völligen sozialen und gesellschaftlichen Gleichstellung von Mann und Frau käme?
Es wäre ein guter Anfang, aber die Antwort auf diese Frage ist trotzdem ein klares: Nein. Die Gleichstellung ist erst eine Voraussetzung dafür, dass Gewalt abgebaut werden kann. Wir haben dann immer noch sehr viel Gewalt auf allen Ebenen unserer Gesellschaft, aber eine Gleichberechtigung von Mann und Frau würde den Frauen - und auch den feministischen Männern - ein Gerechtigkeitsgefühl geben, das deeskalierend wirken würde. Ein interessanter Beleg hierfür ist die EU-Studie aus dem Jahr 2014, übrigens die erste europaweite Studie, die sich mit diesem Thema beschäftigt. Wissen Sie, in welchem Land die meisten Frauen angegeben haben, schon mal sexualisierte Gewalt erlitten zu haben? In Dänemark. Das liegt natürlich nicht daran, dass die Dänen mehr vergewaltigen als die Italiener oder die Deutschen, sondern dass dort die meisten Frauen zu Beratungsstellen oder zur Polizei gegangen sind. Nach dieser Studie ist die dänische Gesellschaft also am weitesten entwickelt in Bezug auf Hilfestrukturen. Ein hohes Ausmaß an sexualisierter Gewalt gibt es dennoch.
„Die Männer, die aus dem Krieg kommen, sind völlig traumatisiert. Das Patriarchat gibt ihnen Strukturen an die Hand, wie sie ihre Traumata ausagieren können. Die Frauen leiden darunter. Es ist ein Teufelskreis.“
Nach den Ereignissen der Silvesternacht in Köln haben Sie sich von der Oberbürgermeisterin Henriette Reker ein Modellprojekt zu einer Stadt frei von sexualisierter Gewalt gewünscht. Ist sie Ihrer Forderung nachgekommen?
Nein. Leider habe ich von Frau Reker nie wirklich eine Antwort oder eine Reaktion bekommen. Es ist lediglich ein bisschen was für die folgenden Karneval- und Silvesterfeierlichkeiten verbessert worden. Das war aber auch alles.
Was wurde denn verbessert?
Es wurden präventiv Anlaufstellen eingerichtet. Wenn einer Frau also sexualisierte Gewalt widerfahren ist, standen Wagen bereit, an denen sie sich medizinische und psychologische Hilfe holen konnte.
Was hatten Sie weitergehend gefordert?
Einen viel systemischeren Ansatz, der in Indien bereits erprobt wird. Dazu gehört beispielsweise, dass in den Schulen Programme stattfinden, in denen sexualisierte Gewalt thematisiert und aufgeklärt wird. Aber nicht nur dort, sondern auch an den Universitäten, bei der Polizei, im Sozialwesen, eben bei allen wichtigen Strukturen. Das Ziel der Programme: Eine ganz klare Verurteilung von sexualisierter Gewalt von oben nach unten. Die Kölner Oberbürgermeisterin könnte sich hinstellen und ganz wichtige, emanzipatorische Aussagen machen, die eben das genaue Gegenteil von ihrer „Armlänge Abstand“-Äußerung wären. Aber es passiert nichts. Ich sehe in dieser aktuellen Politik einfach keine Visionen mehr.
Ihr Appell ist durchdacht und praxisnah. Warum wird er ignoriert?
Ach, gelesen worden ist der sicher. (lacht) Leider passiert es uns immer wieder, dass wir keine Reaktion bekommen. Doch das kann uns nicht vom Weg abbringen. Wir arbeiten einfach weiter, auch wenn diese Nicht-Reaktion schon von einer Respektlosigkeit zeugt, die ich ziemlich daneben finde. Ich denke, dass Frauen in politischen Machtpositionen, wie beispielsweise Frau Merkel, einfach Angst haben vor diesem Thema. Sie wollen sich nicht verdächtig machen, für die Frauensache zu kämpfen.
Warum?
Weil das in patriarchalen Gesellschaften nichts wert ist, da wird Erfolg an Gewinnmaximierung gemessen. Das Lebendige macht Angst und muss abgespalten werden.
Zur Person
Monika Hauser ist 1959 in der Schweiz geboren und aufgewachsen. Als aufgeschlossene junge Frau verschlägt es sie nach dem Abitur in die Ferne. Nach Aufenthalten in Israel und Sri Lanka studiert sie in Innsbruck Medizin, wo sie 1984 promoviert. Nach dem Staatsexamen in Italien beendet sie ihre Ausbildung zur Fachärztin für Gynäkologie in Deutschland, wo sie in Köln schließlich ihren Lebensmittelpunkt findet. Als sie Ende 1992 in den Medien von den Massenvergewaltigungen von bosnischen Frauen erfährt, reist sie mitten ins Kriegsgebiet und gründet dort wenig später mit einheimischen Psychologinnen und Ärztinnen das Frauentherapiezentrum Medica Zenica. Ihr Engagement wurde mit zahlreichen Preisen wie beispielsweise dem „Right Livelihood Award“ geehrt, der als alternativer Nobelpreis gilt.
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