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Monika Hauser

„Es gibt keine Alternative zum Handeln.“

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11.07.2017, Köln. Die Frauenrechts- und Hilfsorganisation Medica Mondiale hat sich über mehrere Etagen im Kölner Agnesviertel ausgebreitet. Im Erdgeschoss desselben Gebäudes ist der Schwulen- und Lesbenverband Deutschlands zu Hause. Pünktlich begrüßt Monika Hauser mit außergewöhnlich festem Händedruck. Man merkt sofort, dass sie eine Frau der Tat ist, die nicht viel von Gerede hält. Dennoch nimmt sie sich für das Interview Zeit, binnen weniger Minuten befinden wir uns in einem intensiven Gespräch, das von Frauenrechten über die Flüchtlingskrise bis hin zu mangelnden Visionen in der aktuellen Politik führt.

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Frau Hauser, Sie beschreiben Medica Mondiale als eine feministische Frauenrechts- und Hilfsorganisation. Was ist für Sie Feminismus?

Das ist eigentlich ganz einfach. Für mich bedeutet Feminismus, an der Seite von Frauen zu kämpfen und diese Welt für Frauen und Mädchen zu einem gerechteren Ort zu machen. Daher besitzen wir mit Medica Mondiale ein emanzipatorisches Selbstverständnis. Das bedeutet, dass wir uns als Kämpferinnen für die Frauenrechte verstehen. Es gibt sicher konservativere Organisationen, die das nicht so klar ausdrücken würden. Unsere Arbeit beruht auf der feministischen Analyse, und daraus haben wir einen emanzipatorischen Ansatz entwickelt. Das stellt natürlich das patriarchale Gefüge in Frage.

Können Sie diesen emanzipatorischen Ansatz erklären?

Wir beraten die Frauen, die sexualisierte Gewalt erlitten haben, ganzheitlich. Das bedeutet, dass wir nicht nur medizinische Unterstützung für Frauen organisieren, die nach einer Vergewaltigung beispielsweise eine Geschlechtskrankheit haben oder verstümmelt wurden, sondern auch psychosoziale und juristische Hilfe für die Bewältigung ihrer Traumata bereitstellen. Bei dieser direkten Art der Unterstützung haben wir immer im Blick, wie wir Entwicklungsmöglichkeiten und Perspektiven aufbauen können, sodass die Frau ihr Leben schließlich selbst in die Hand nehmen kann. Das unterscheidet sich ganz klar von einem karitativen Ansatz.

Ihr Ziel ist also, Frauen zu befähigen, eigenständig für sich und ihre Familie zu sorgen?

Natürlich, ja. Aber da hört es nicht auf. Es geht auch darum, dass die Überlebende an der Demokratisierung und der politischen Gestaltung ihres Landes mitwirken kann. Damit kann sie dazu beitragen, dass es in ihrer Region zu weniger sexualisierter Gewalt kommt. Da spielt Sinnhaftigkeit eine ganz große Rolle: Die oft schwer traumatisierten Überlebenden wandeln auf diese Art die furchtbaren Verbrechen, die ihnen widerfahren sind, zu etwas Sinnhaftem um. Als wir damals das Frauenzentrum in Liberia eingeweiht haben, hatten sich einige Frauen Papierhüte gebastelt, auf die sie verschiedene Slogans geschrieben hatten. Ich habe mich dann mit einer Liberianerin unterhalten, die auf ihrem Hut „Stop Rape“ stehen hatte. Sie hat mir erzählt, dass sie sich als ehemaliges Opfer jetzt sozusagen präventiv engagiert, damit ihrer Tochter nicht das gleiche Schicksal widerfährt wie ihr. Wenn die Überlebende sich dann als wirksam erlebt, weil ihr Engagement Früchte trägt, ist das auch therapeutisch sehr wertvoll.

Haben Sie ein konkretes Beispiel, wo Sie genau diese Entwicklung beobachten konnten?

Mir fällt sofort eine Bosnierin ein, die 1993 in ihrem Heimatland eine unserer ersten Klientinnen war. Sie hatte schreckliche Gewalt erlebt und war schwerst traumatisiert. Als sie bei uns im Therapiezentrum war, fand sie wieder zu ihrem Mann zurück, von dem sie durch die Kriegsführung getrennt worden war. Jahre später kommt sie als, strahlende Frau auf mich zu und fragt: „Monika, kennst Du mich nicht mehr?“ Da erst wurde mir klar, wer sie ist. Heute hat sie ihre eigene Selbsthilfegruppe in ihrem kleinen bosnischen Ort. Sie sagt, dass Medica Mondiale ihr dabei geholfen habe, in ihr Leben zurückzufinden und sie diese Hilfe nun auch an andere weitergeben möchte, die vielleicht noch gar keine Unterstützung erfahren haben. So gibt sie also etwas zurück.

„Für mich bedeutet Feminismus, an der Seite von Frauen zu kämpfen und diese Welt für Frauen und Mädchen zu einem gerechteren Ort zu machen.“

Es ist also auch Teil Ihres ganzheitlichen Ansatzes, die Überlebenden vor Ort so weiterzubilden, dass sie selber zu Ansprechpartnerinnen werden.

Genau. Das machen wir beispielsweise in Liberia so. Wir bilden sehr niedrigschwellig Community-Helferinnen und -Beraterinnen aus. Sie sind dann keine Fachberaterinnen, sondern können als erste Ansprechpartnerinnen fungieren, mit denen Überlebende über ihre Situation reden können. Die Beraterin vor Ort kann dann beurteilen, was der nächste Schritt sein sollte: Reicht es aus, wenn sie regelmäßig mit der Überlebenden redet, oder muss der Kontakt zu einer Fachberaterin von Medica Mondiale hergestellt werden? Muss sie außerdem vielleicht mit einer Juristin in Kontakt gebracht werden, weil sie Anzeige erstatten will? Dieses System haben wir Schritt für Schritt in den vergangenen 20 Jahren aufgebaut. Der Selbsthilfeansatz an sich war von Anfang an fester Bestandteil unseres Konzepts.

Sie arbeiten vor Ort nicht nur mit den einheimischen Frauen zusammen, sondern versuchen außerdem mit lokalen Schlüsselakteuren wie Ehemännern, Lehrern, der Polizei, dem Gericht oder religiösen Führern zu kooperieren. Wieso ist das notwendig?

Das machen wir tatsächlich schon seit unseren Anfängen in Bosnien, und seit 2002 arbeiten wir in Afghanistan verstärkt daran. Dort ist uns klar geworden, dass die eigentliche Arbeit mit den Frauen zwar ein zentraler Teil ist, dass dieser aber bei Weitem nicht ausreicht. Wir müssen direkt in die Gesellschaft einwirken und an den entsprechenden Schaltstellen sensibilisierte Menschen haben, weil die Problematik sonst niemals gelöst, sondern nur zugedeckt wird.

In solchen Bereichen arbeiten häufig viele Männer. Was sind ihre Erfahrungen, wenn sie versuchen, dort Sensibilisierungsarbeit zu leisten?

Die Erfahrungen sind sehr heterogen. Ein sehr positives Beispiel ist unsere Zusammenarbeit mit der kurdischen Regierung im Nordirak. Das ist die erste Regierung, die uns eingeladen hat, ihr Gesundheitspersonal mit unserem traumasensiblen Ansatz fortzubilden. Dort wird unsere Arbeit also nicht nur von der Regierung unterstützt, sondern sogar aktiv eingefordert. Das haben wir natürlich auch schon ganz anders erlebt.

Wo zum Beispiel?

Man muss sagen, dass es immer beide Formen der Reaktion gibt: einerseits Dankbarkeit für die Hilfe, die eigene Hilflosigkeit zu überwinden, andererseits gibt es natürlich viele Widerstände. Je dramatischer eine Nachkriegssituation ist, desto weiter spitzt sich die Gewaltspirale zu. Und je angespannter die Lage ist, desto schwieriger wird es, unsere emanzipatorischen Ansätze an den Mann und die Frau zu bringen – und dementsprechend mehr Widerstand schlägt einem entgegen. Aber wie sagen die Kolleginnen vor Ort: Es gibt keine Alternative zum Handeln. Das sage auch ich nach 25 Jahren immer noch. In Kabul beispielsweise müssen wir bei allem um Legitimation kämpfen.

Wie sieht dieser Kampf konkret aus?

Einerseits haben die lokalen Kolleginnen sehr viel Erfahrung. Sie haben einen von uns entwickelten Ausbildungsweg hinter sich und sind hochmotiviert: Die afghanischen Kolleginnen – unsere Organisation dort ist sehr groß geworden und umfasst derzeit rund 70 Frauen – lassen sich die Butter nicht mehr vom Brot nehmen, die gehen zu den Ministerien, zur Polizei und zu anderen Stellen, mit denen kooperiert wird, und sagen ganz klar: „Das haben wir besprochen, und so wollen wir jetzt weitermachen!“ Sie führen dann beispielsweise auch Trainings zum traumasensiblen Ansatz mit religiösen Autoritäten durch, da werden dann Fragestellungen geklärt wie: Was ist eigentlich Gewalt gegen Frauen? Welche Formen davon gibt es? Welche Gesetze gibt es in Afghanistan? Welche internationalen Konventionen hat Afghanistan ratifiziert? Was sind Menschenrechte? Gibt es einen Widerspruch dazu in deiner Scharia? Nein, du findest sogar Suren, die durchaus für Frauenrechte sprechen. Die Frauen unterstützen die religiösen Autoritäten also darin, aus ihrem eigenen Stoff Thesen herauszuziehen, die ihnen die Argumentation für Frauenrechte liefern. Danach hat so mancher Mullah plötzlich im Freitagsgebet gegen Gewalt gegen Frauen gewettert – und das wiederum hat natürlich enorme Auswirkungen auf die, die dort sitzen und zuhören.

Wann ist es klug, mit internationalen statt lokalen Kolleginnen zu arbeiten?

Im Krieg und unmittelbar danach ist es sinnvoll, als internationale Kollegin reinzugehen, da die Strukturen vor Ort komplett am Boden liegen. Da ist dann zunächst die Aufgabe, die zukünftigen Kolleginnen vor Ort erst einmal ausfindig zu machen und sie überhaupt in die Lage zu bringen, dass sie diese Arbeit tun können. Nach erfolgreichem Projektaufbau, der über ein Jahrzehnt gehen kann, legen wir die Arbeit vollkommen in die Hände einheimischer Kolleginnen. Medica Afghanistan hat mittlerweile ein sehr hohes Standing. Dort sind sie nach wie vor – so unglaublich das auch klingen mag – eine der wenigen Organisationen, die Unterstützungsstrukturen für vergewaltigte Frauen bietet. Frauenhäuser gibt es dort auch, aber traumaspezifische und empathisch auf Frauen ausgerichtete Hilfe eben nicht.

Würden Sie sagen, dass es generell eine latente Benachteiligung von Frauen im etablierten Hilfesystem gibt?

Tatsächlich gibt es kaum Unterstützung, die auf sexualisierte Gewalt abgestellt ist. Das liegt natürlich auch daran, dass das Thema immer noch extrem tabuisiert ist und diejenigen, die helfen, diskriminiert oder bedroht werden. Je patriarchaler eine Gesellschaft aufgestellt ist, desto gefährdeter sind jene, die diese Arbeit tun.

„Auf das Trauma der Vergewaltigung folgt das der Stigmatisierung. Und je patriarchaler eine Gesellschaft ist, desto mehr gilt dieser Satz.“

Wie äußert sich diese Bedrohung?

Das Harmloseste ist noch, dass der Vater oder Ehemann verbietet, dass die Frau weiterhin für uns arbeitet. Es geht aber soweit, dass Frauen SMS bekommen, in denen sinngemäß Dinge stehen wie: „Du dreckige Hure. Ich weiß genau, wo du wohnst. Warte mal ab was passiert, wenn du heute Abend nach Hause gehst.“ Viele belassen es nicht bei diesen Bedrohungsszenarien, sondern setzen ihre Worte auch in die Tat um. In Afghanistan wurden in den vergangenen 15 Jahren zahlreiche Frauenrechtlerinnen oder Politikerinnen umgebracht. Oft werden Frauen, die bei einer Frauenorganisation arbeiten, auch von ihrem sozialen Umfeld mit Unverständnis konfrontiert, sie sehen sich Fragen gegenüber wie: „Warum arbeitest du für diese internationale Organisation? Das ist doch nur eine Erfindung des Westens!“

Passiert es oft, dass Menschen die Hilfe nicht annehmen, weil sie glauben, dass es sich um eine vom Westen auferlegte Hilfemaßnahme handelt?

Das ist leider Propaganda, die konstant verbreitet wird – aber natürlich völliger Quatsch ist. Ein gutes Mittel, um sich zumindest die familiäre Akzeptanz zu sichern, ist, dass unsere lokalen Kolleginnen allesamt Geld verdienen – und von diesem Geld können dann viele weitere Familienmitglieder leben. Aber unsere afghanischen Kolleginnen haben auch eine ganz klare Antwort auf diese Vorwürfe, indem sie deutlich machen, dass die Frauenrechte universale Rechte sind, für die sie jeden Tag ihr Leben riskieren. In einem Land, in dem die Müttersterblichkeit und die Zwangsverheiratung von Kindern dermaßen hoch ist, in dem zwölf Jahre alte Mädchen bei der zweiten oder dritten Schwangerschaft sterben, da kann es doch nicht sein, dass Leute behaupten, dass die Notwendigkeit, diese Mädchen vor dem Tod zu bewahren, nur auf westlichen Werten basiert.

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