Michael Wollny

Michael Wollny

„Man hat Sachen in den Fingern, die man nicht einmal im Kopf hat.“

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Zur Person

20.04.2016, Leipzig. Gemeinhin wird Michael Wollny als das neue Genie der Jazzmusik beschrieben – nicht nur hierzulande, sondern international. Der Pianist entdeckt neue Welten der Improvisation, füllt die größten Konzerthäuser – und ist einer der jüngsten Professoren für Musik. Um die Ecke seiner Leipziger Hochschule treffen wir ihn in einem Café und lassen uns zunächst den Jazz erklären: Wie funktioniert er? Wie geht das mit der Improvisation? Im weiteren Verlauf kommen dann andere Themen zum Tragen: Etwa die Inspiration durch Horrorfilme oder die Freiheit, die im Musizieren steckt, wenn man hoffnungslos übermüdet ist.

Herr Wollny, haben Sie heute schon etwas entdeckt auf dem Piano?

Ja. Ein paar Sachen habe ich sogar schon entdeckt. Ich habe heute Vormittag unterrichtet, und das Schöne am Unterrichten ist, dass die Inhalte so auf einen zukommen. Da kommt dann ein Student oder Kollege mit irgendeiner Situation, dann arbeitet man da gemeinsam dran und findet plötzlich irgendwelche Akkorde oder Ideen, die man so vorher noch nicht hatte. Gerade heute war ein Schlagzeuger da, mit dem ich derzeit über Komposition spreche, und er hat ein Stück für Soloklavier geschrieben – nur ein paar ganz seltsam organisierte, nicht tonale, aber auch nicht zu kryptische Takte. Das brachte uns zu einem Gespräch über gestische Musik, denn in seiner Musik steckten ganz starke Gesten. Beim Nachdenken darüber, wie man diese erweitern und ausbauen kann, formuliert man dann plötzlich Sachen, die man so noch nie gesagt hat. Selbst wenn man denkt, man weiß Bescheid, durch das Sprechen und den Austausch entdeckt man tatsächlich Neuland.

Musik ist für Sie also eine Sprache, die niemals zu Ende formuliert werden kann?

Ich habe mal mit einer Neurowissenschaftlerin vom Max-Planck-Institut ein Gespräch geführt, in dem sie mir Folgendes erklärte: Es gibt die Idee einer Art Sprachbaum, auf dem einerseits die Laute und die Melodie und andererseits die Sprache mit ihrer abstrakten Bedeutung entstanden sind. Das heißt, Musik und Sprache besitzen neurowissenschaftlich tatsächlich den gleichen Stamm. Das fand ich sehr interessant, weil ich das selber beim Spielen schon immer so empfunden habe. Natürlich sind die Inhalte, die man dabei verhandelt, verschieden – weshalb man über Musik auch so schlecht sprechen kann. Es bleiben aber zwei verwandte Bereiche.

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