Matze Hielscher

Matze Hielscher

„Ich glaube, es gibt eine große Sehnsucht nach intensiven Gesprächssituationen.“

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  • Meike Kenn
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Zur Person

14. Januar 2026, Berlin, München, Köln. Bei den Überlegungen, in welcher Form wir die 75. Ausgabe von GALORE feiern wollen, kamen wir schnell darauf, dass so ein Jubiläum ein guter Anlass ist, um uns selbst und unsere Leidenschaft in den Fokus zu rücken. Zum Beispiel in Form eines kollegialen Austauschs darüber, was es eigentlich bedeutet, ein »gutes Gespräch« zu führen. Wir fragten uns also, welche deutschen Medienformate ähnlich ticken, und kamen schnell auf »Hotel Matze«, den erfolgreichen Podcast von Matze Hielscher. Wir hören ihn regelmäßig, Hielscher wiederum ist GALORE-Abonnent und hat zu unserer Freude sofort zugesagt. Das Besondere an diesem Gespräch: Wir stellen nicht nur wie üblich die Fragen, sondern geben auch einigeAntworten. Als ehemaliger GALORE-Chefredakteur der ersten Phase und regelmäßiger Interviewer diskutiert André Boße mit Matze Hielscher, wodurch sich ein gutes Gespräch auszeichnet, warum lange Gespräche heute ein wichtiger Gegenpol zum Meinungsjournalismus sind und wie sich in einem Interview Augenhöhe herstellen lässt. Gerade dann, wenn einem jemand wie Angela Merkel gegenübersitzt.

Matze Hielscher, André Boße, warum sind ausführliche Gespräche heute wichtiger denn je?

MH: Ich glaube, das liegt an der großen Orientierungslosigkeit, die viele Menschen gerade erleben. Die Welt dehnt sich aus, und zwar nach innen und nach außen. Es stellen sich die großen Fragen: Wer bin ich eigentlich, wer will ich sein? Und: Wo geht das da draußen hin? Ich glaube, im Miteinander, im Gespräch, ergeben sich mögliche Orientierungspunkte. Und zwar nicht nur für die beiden, die sich unterhalten, sondern auch für diejenigen, die ihnen dabei zuhören oder es nachher lesen. Weil man sich in diesen Gesprächen selbst entdecken kann. Weil man die Fragen und Antworten auf sich selbst bezieht und weiterdenkt. Gespräche stellen also unter anderem Verbindungen her, und weil diese Verbindungen wichtiger denn je zu sein scheinen, gewinnen auch echte Gespräche an Bedeutung. Hinzu kommt: Gespräche dieser Art sind immer auch eine Form von Illusion.

Wie ist das gemeint?

MH: Wenn wir uns jetzt für ein, zwei Stunden unterhalten, dann haben wir die stille Vereinbarung getroffen, dass dieses Gespräch nicht unterbrochen wird. Nicht einmal durch das Handy. Wir nehmen uns Zeit, es soll nichts dazwischenkommen. Und ich glaube, dass es eine große Sehnsucht nach solchen intensiven Gesprächssituationen gibt. Ich bekomme viele Nachrichten von Hörerinnen und Hörern, die mich fragen, ob ich nicht mal sie interviewen könnte. Das sind keine Berühmtheiten, die der Meinung sind, auch mal an der Reihe zu sein, sondern ganz „normale“ – bewusst in An- und Abführung – Leute, die das Bedürfnis haben, sich für zwei Stunden in ein Gespräch mit einem anderen Menschen zu vertiefen. Womöglich fehlt ihnen die Gelegenheit, diese Erfahrung in ihrem Alltag zu machen. AB: Um noch einmal auf die Orientierungslosigkeit zurückzukommen: Eine Antwort vieler Medien darauf besteht darin, unzählige Meinungsformate aus dem Boden zu stampfen. Es gibt immer mehr Portale, die beinahe ausschließlich von Meinungen getrieben werden. Aber auch bei den großen Medienmarken nimmt die Anzahl der Kolumnen und Kommentare zu. Jeder hat noch einen Take oder einen Rant. Das ist eine Form von Ausrufezeichenjournalismus, dem wir bei GALORE das Fragezeichen entgegensetzen. Wir stellen Fragen. Wir sind neugierig, weil wir erfahren wollen, was wir noch nicht wissen. Und noch ein Punkt ist uns wichtig: Wir wollen stressfrei sein. In von Meinungen getriebenen Talkrunden fällt man sich ins Wort, man lässt sich nicht ausreden, reagiert negativ auf alles, was der andere sagt. Dem halten wir offene Neugier entgegen. Wobei wir bewusst Menschen ins Magazin nehmen, die nicht nur Meinungen zu bieten haben, sondern oftmals Erfahrungen teilen, Expertenwissen mitbringen und bereit sind, über die Welt und ihre Rolle darin zu reflektieren. MH: Stress ist das Letzte, was ich möchte. Schon das Wort allein stresst mich. Ich möchte weder Stress erzeugen noch Stress erleben, weder im beruflichen noch im privaten Kontext. Ich koche beispielsweise nicht gerne, weil es so viel zu beachten gibt: die vielen Gerichte, Zutaten und Kochutensilien, um Gottes Willen! (lacht) Auch das stresst mich. Im Gespräch auf Stress zu verzichten, heißt aber ja nicht, nicht auch mal kritische Sachen anzusprechen. Aber in Ruhe. Ich verstehe es nicht als meinen Job zu stressen. Und mein Job ist es auch nicht, mein Gegenüber zu stellen.

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