Liya Yu

Liya Yu

„Wir brauchen einen neuen demokratischen Eros.“

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  • Lena Giovanazzi
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Zur Person

Liya Yu (geboren 1986 in Changsha in der chinesischen Provinz Hunan) wuchs als Tochter chinesischer Einwanderer in Deutschland auf, lebte seitdem in China, Großbritannien, den USA, Finnland und Taiwan. Sie ist neuropolitische Wissenschaftlerin, Autorin und Künstlerin, studierte in Cambridge und in New York an der Columbia University, wo sie in Politikwissenschaften promovierte. Es folgten Lehrtätigkeiten an der University of Virginia und an der Columbia University sowie aktuell Gastforschung an der LMU München und der National Taiwan University. An der Universität der Künste Berlin verbindet sie in einem Seminar Performancekunst mit der Neuropolitik der Dehumanisierung. Liya Yu ist Mutter eines Sohnes und lebt in Berlin.

3. Juli, 2026, Berlin. Liya Yu sitzt vor einer hellblauen Wand in einem Café in Berlin-Charlottenburg. Die Sonne scheint. Ihr Buch liegt neben der Tasse Ingwertee auf dem Tisch. Sie wähle dieses Café gerne für Interviews, weil es hier so schön ruhig sei, sagt sie. Uns empfiehlt sie einen Matcha, den wir auch bestellen und trinken, während die neuropolitische Philosophin Antworten gibt, die assoziationsreich verbinden: Gustav Mahler, Moralin und Metal. Als es gegen Ende des Gesprächs um die Verquickung von Perfomancekunst und Neuropolitik geht, steht Yu auf und macht raumgreifende Schritte durch das Café. Beim Abschied ist klar: Man sollte lernen, Räume für sich einzunehmen.

Liya Yu, was hätten Sie heute Morgen gemacht, wenn wir uns nicht getroffen hätten?

Meine Morgen sind eigentlich für Bewegung und Denken reserviert. So ist es am gesündesten für das Gehirn. Als Mutter eines zwölfjährigen Sohnes und als neuropolitische Philosophin vereine ich zwei sehr entgegengesetzte Denkweisen in mir: Während das Muttergehirn sehr viel Verantwortung trägt und gebunden ist, verlangt das neuropolitische Denken eine gewisse Freiheit. Morgens nehme ich mir diese Freiheit, schreibe – derzeit an dem literarischen Pendant zu meinem Sachbuch – und konsumiere Medien von Menschen außerhalb meiner Bubble, um meine Toleranz zu trainieren. Eine Zeit lang habe ich zum Beispiel einen sehr rechten Metal-Podcast gehört, in dem über toxische Männlichkeit gesprochen wurde, die dort natürlich nicht als toxisch empfunden wird.

Gelingt es Ihnen, dabei gelassen zu bleiben?

Ja. Ich gehe an diese Medien bereits in der Erwartung heran, dass Dinge zur Sprache kommen, mit denen ich nicht übereinstimme. Mir geht es nicht darum, diese Menschen zu verurteilen, sondern darum, sie zu mentalisieren. Das bedeutet, dass ich sie nachvollziehe – auf eine Art, die eben nicht emotionsgeladen ist. Das ist im Übrigen eine Fähigkeit, die alle Menschen kulturübergreifend bis zum vierten Lebensjahr entwickeln.

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