Judit Polgár
„Beim Schach kommt es auf das Spielniveau an, nicht auf das Geschlecht.“
Zur Person
Judit Polgár wurde 1976 in Budapest geboren und begann im Alter von fünf Jahren, Schach zu spielen. Das Lehrer-Paar László und Klara Polgár wollte ursprünglich Mathegenies heranziehen, Schach wurde es, weil sich die Erstgeborene Zsuzsa in das Spiel verliebte. Der Vater stand mit einem Bein im Gefängnis, weil die drei Töchter zu Hause unterrichtet wurden. Um Trainer und Sparringspartner bezahlen zu können, arbeiteten die Eltern in mehreren Jobs gleichzeitig. Als Judit zwölf Jahre alt war, löste sie Zsuzsa als Nummer eins der Frauen-Weltrangliste ab. Mit 15 Jahren holte sie den Großmeistertitel. 2004 stieß sie als erste Frau in die Top Ten vor und spielte 2005 als bisher einzige Frau in einem WM-Finale. Die Schacholympiade 2014 war ihr letztes Turnier. Seitdem widmet sie sich ihrer Stiftung, die Schach in Schulen bringt. Sie ist Keynote- Sprecherin, Schachautorin und arbeitet außerdem als Kommentatorin und Expertin bei renommierten Schachveranstaltungen, darunter klassische und Freestyle-Turniere.
15. Februar 2026, Weissenhaus. Mit gerade einmal 15 Jahren schrieb sie Schachgeschichte als jüngste Gewinnerin des Großmeistertitels. Als erste Frau stieß Judit Polgár dauerhaft zur männlichen Weltelite und ist bis heute die einzige, die es unter die Top Ten der Weltrangliste geschafft hat. Im Rahmen der FIDE Freestyle-Schach-Weltmeisterschaft im Schlossgut Weissenhaus an der holsteinischen Ostseeküste erwischen wir die vielbeschäftigte Ungarin für ein Gespräch über das Aufwachsen in einer Schachfamilie, das Wagnis ihrer Eltern, die an ein radikal anderes Bildungsmodell glaubten, die Situation von Frauen im Schach, den Hype um Freestyle-Schach und über Schach in der Bildung. Und dann gibt Judit Polgár auch noch eine Prognose über die nächste Frau an der Weltspitze ab.
Judit Polgár, Sie waren 15 Jahre und vier Monate alt, als Sie einen jahrzehntealten Rekord von Bobby Fischer brachen und zum jüngsten Großmeister wurden. Inzwischen hält diesen Rekord Abhimanyu Mishra, ein Amerikaner indischer Herkunft, der den Titel schon mit zwölf Jahren und vier Monaten errang. Sein Vater erzählte mir, dass Abhi schon mit zweieinhalb Jahren angefangen habe, Schach zu spielen, es allerdings weitere zweieinhalb Jahre gedauert habe, bis er anfing, das Spiel zu mögen. Was brachte Sie zum Schach: Zwang oder Liebe?
Es war eindeutig Liebe. Meine beiden älteren Schwestern spielten bereits Schach, als ich mit fünf Jahren ganz selbstverständlich auch anfing. Es war der natürliche Weg in der Familie. Ich vertiefte mich sehr in das Spiel, spielte viel, und vor allem gewann ich und blieb dran. Wie kann ein Kind etwas nicht mögen, wenn es dabei erfolgreich ist? Unser Vater zeigte uns all diese spektakulären Opferpartien des letzten Jahrhunderts – legendäre Duelle, bei denen Spieler bestimmte Figuren aufgeben, um positionelle Vorteile oder ein Matt zu erzwingen. Ich war von der Taktik fasziniert und wollte selbst in diesem Stil spielen. Ich mochte es, meinen Gegner zu schlagen, und ich mochte das positive Feedback, das ich bekam – es war genau mein Spiel.
Haben Sie sich je ein Leben ohne Schach ausgemalt?
Nein, niemals.