Joe Jackson

Joe Jackson

„Das Gefühl des Verlorenseins wird intensiver, je älter ich werde.“

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Zur Person

04. Dezember 2018, Berlin. Man weiß von vorangegangenen Begegnungen, dass der Großmeister der britischen Popmusik nicht gerade der einfachste Interviewpartner ist. Passt ihm ein Thema nicht, macht er gern mal dicht, man hörte auch schon von vorzeitig abgebrochenen Gesprächen. Es ist das letzte Interview des Tages, ein wenig müde ist er, zuweilen muss er sich ein herzhaftes Gähnen verkneifen. Doch den Fragen gegenüber ist er aufgeschlossen, letztlich gestattet er sogar ein sattes Überziehen der vereinbarten Interviewzeit. Ein Gespräch über die Freiheit von Kunst in einer zunehmend politisierten Welt, den Unsinn von Nostalgie und den bedeutsamen Unterschied zwischen Ironie und Zynismus.

Mr. Jackson, hier liegt das 20. Album Ihrer 40-jährigen Karriere auf dem Tisch – und es enthält nicht einen Hauch von Nostalgie. Sind Sie kein Typ dafür?

Ich verstehe zwar das Konzept von Nostalgie und verstehe auch, dass sie für manche Menschen interessant sein mag. Aber ich denke, als Künstler sollte man sehr vorsichtig mit der Verwendung von Nostalgie sein, das kann sehr schnell zu einer Freizeit-Droge werden. (lacht)

Weil sich Nostalgie negativ auf die Zeitlosigkeit von Kunst auswirkt?

Nicht nur auf die Kunst, sondern auch auf ihre Erzeuger. Ein Beispiel: Ich bin ein großer Fan der englischen Band Squeeze, und als die nach einer langen Phase der Stille ein neues Album veröffentlichten, war ich zutiefst enttäuscht, denn das ganze Album ist reine Nostalgie. Dabei hätte es mich wahnsinnig interessiert, was heute in den Köpfen dieser Musiker passiert. Stattdessen haben sie sich darauf verlegt, einige gute Momente ihrer Historie in vermeintlich neue Songs zu verpacken, die aber klingen wie die alten. Auf diese Weise wird Kunst schrecklich langweilig, zu einer berechenbaren Größe. Ich weiß noch, wie ich dasaß, ihre Platte hörte und bei jedem Song nur dachte: Oh nein! Tut das nicht! Bitte macht etwas Neues, irgendwas! Aus meiner Sicht gibt es nichts Langweiligeres als die Adaption von bereits Durchgekautem – mag sie noch so authentisch dargeboten werden. Denn sagen Sie mir: Welchen Zweck erfüllt Kunst, die einem nichts, aber auch gar nichts Neues zeigt? Mehr noch, ist das dann überhaupt noch Kunst – oder nicht eher Gebrauchsware? Aus meiner Sicht sollte Kunst stets zwei Dinge beherzigen: Sie sollte etwas über die Persönlichkeit ihres Erzeugers verraten. Und sie sollte zumindest in Spurenelementen neue Nuancen, etwas Unerwartetes beinhalten.

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