Jochen Brühl

Jochen Brühl

„Armut wird sichtbar, obwohl man sie verstecken möchte.“

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Zur Person

21. Oktober 2019, Berlin. Die Räumlichkeiten der Tafel Deutschland liegen in einem Gewerbegebiet und sehen entsprechend zweckmäßig aus. Ebenso geerdet begegnet einem Jochen Brühl, der ehrenamtliche Vorsitzende des Vereins, der bundesweit überschüssige Lebensmittel an Menschen verteilt, die wenig Geld haben. Brühl ist für sein Buch „Volle Tonne, leere Teller“ durch die Lande gereist und hat mit den verschiedensten Persönlichkeiten über Licht- und Schattenseiten seiner Arbeit gesprochen. Um Armut und Reichtum ging es auch im Gespräch, insbesondere um die vielen Ambivalenzen. Eines wird dabei klar: Jochen Brühl ist keiner, der in Schwarz-Weiß denkt.

Herr Brühl, wo fängt für Sie Armut an?

Eine schwierige Frage. Das hat ja viel mit subjektiver Wahrnehmung zu tun. Ich erlebe gerade bei der Tafel viele Menschen, für die Armut in erster Linie materielle Armut bedeutet. Dafür gibt es in Deutschland offizielle Berechnungen. Armut macht sich in meinen Augen aber auch dort bemerkbar, wo ein Kind zwar die Kosten für die Klassenfahrt erstattet bekommt, aber dann als einziges kein Geld dabei hat für eine Pause bei McDonald’s oder gemeinsames Shopping. Oder wenn eine Mutter mir erzählt, dass ihre Söhne am Montag in der Schule wieder die einzigen sein werden, die über den neuen Film nicht mitreden können, der gerade ins Kino gekommen ist. Ein Freund von mir ist Lehrer. Der fragt am Ende der Sommerferien schon gar nicht mehr, wo die Schüler im Urlaub waren, wie es auch bei mir in der Schule noch üblich war. Weil er weiß, dass viele Kinder in den Ferien wieder nur bei der Stadtranderholung waren. Natürlich kann man immer die politischen Maßstäbe mit Richtlinien, Zahlen, Einkommenshöhen heranziehen. Aber was mir bei der Tafel oft klar wird, ist, dass man Armut vielfach nicht wahrnimmt. Und dass sie ausgrenzt.

Wann wird Ihnen das deutlich?

Ich habe lange Zeit Advents-Essen für Obdachlose organisiert, auch um deutlich zu machen, was Armut heißt. Nach vielen Jahren sagte einer der Betroffenen zu mir: Wissen Sie, Herr Brühl, weshalb ich hierherkomme? Wegen des Essens, schon klar. Aber Ihnen die Hand zu geben – das ist der einzige Körperkontakt, den ich im Jahr habe. Menschen schämen sich ihrer Armut. Sie ziehen sich zurück, laden niemanden nach Hause ein, haben das Gefühl, nicht dazuzugehören, oder Angst davor, dass der Weihnachtsmarkt eröffnet, weil die Kinder dann Riesenrad fahren oder eine Bratwurst essen wollen – und sie wissen, dass sie sich das nicht leisten können.

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