Jim Jarmusch

Jim Jarmusch

„Ich lerne eine Menge von Tieren.“

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Zur Person

05. April 2023, Upstate New York. Jim Jarmusch, Regisseur und Multi-Künstler, wählt sich telefonisch in den Zoom-Call ein, er verbringt diese Frühlingstage in seinem »Paradies«, wie er sagt, einem Studio in den Wäldern nördlich von New York. Eine menschenlose Gegend, dafür mit umso mehr Tieren: Vögel und Eichhörnchen, Biber und Bären. Jarmusch, seit vielen Jahren vegan lebend, beobachtet seine tierischen Nachbarn, erfreut sich an der Neugier der Insekten, identifiziert Pilzkulturen. Zwischendurch hat der Independent-Filmer zu seinem 70. Geburtstag die Karriere als Musiker wieder in Schwung gebracht: Mit seinem bereits 2009 gegründeten Duo-Projekt Sqürl bringt er jetzt das erste richtige Album heraus. Jarmusch nimmt in dieser Konstellation die Rolle als Gitarrist und Sänger ein. Im Interview erzählt er langsam und bedächtig von der Magie der Musik, dunklen Tagen in Berlin und dem Humor von Ratten.

Jim Jarmusch, Sie haben einem Song auf dem Album Ihrer Band Sqürl den Namen „Berlin ‘87“ gegeben. Das Stück klingt düster und bedrückend – geht diese Stimmung mit Ihren Erinnerungen an das Berlin Mitte und Ende der 80er-Jahre einher?

Ich hatte dort eine sehr interessante, aber in der Tat beengende und düstere Zeit. Die New Yorker Szene, in der ich mich zuvor bewegte, hatte angefangen, mich zu deprimieren. Ich musste raus aus dieser Stadt und sagte zu, als ich 1987 die Gelegenheit bekam, für einige Zeit nach Berlin zu gehen. Die Mauer stand noch, die Stadt war eingeschlossen, die Atmosphäre dadurch sehr besonders. Und: Es lebten damals viele bemerkenswerte Charaktere in Berlin. Nick Cave, der sich zu dieser Zeit als Literat versuchte, an seinem Roman „Und die Eselin sah den Engel“ schrieb und seine Begleitband The Bad Seeds zusammenstellte. Blixa Bargeld von den Einstürzenden Neubauten, der bei den Bad Seeds Gitarrist war. Gudrun Gut und Bettina Köster von der Band Malaria!, die ich sehr interessant fand. Mit diesen Leuten hing ich damals herum, das war eine bemerkenswerte Szene. Und doch habe ich diese Zeit in Berlin als sehr einsam in Erinnerung, sehr trost- und freudlos. Ich habe Stunden damit verbracht, durch die Stadt zu laufen, später auch zu fahren: Wim Wenders hatte seiner Freundin, der wunderbaren Schauspielerin Solveig Dommartin, die in seinem Film „Der Himmel über Berlin“ mitgespielt hatte, einen alten, flottgemachten VW-Käfer geschenkt. Die beiden lebten zwar in Berlin, waren aber ständig unterwegs …

… wahrscheinlich, um dem langen Berliner Winter zu entfliehen.

Ja genau, und immer wenn für die zwei wieder einmal ein Trip anstand, sagte Solveig zu mir: „Jim, du kannst den Käfer haben und damit durch die Gegend fahren.“ Also fuhr ich mit diesem Auto durch die Stadt – ein New Yorker in einem alten Volkswagen! Das Problem war nur: So viel Gegend gab es in dieser eingemauerten Stadt leider nicht. (lacht)

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