Jean Ziegler

Jean Ziegler

„Die kannibalische Weltordnung muss gestürzt werden!“

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Zur Person

03. April 2019, Wien. Dieser Mann ist ein Charmeur! Immer wieder schwärmt Jean Ziegler, dass die „Frauen der klügere Teil der Menschheit sind“. Das klingt wie Koketterie, aber man nimmt es dem Schweizer ab. Zumal er offen zugibt, dass seine Frau Erica sofort erkennt, wenn er lügt. Der Soziologie-Professor und Kapitalismuskritiker schont weder sich noch die anderen, die er in der Vergangenheit mitunter „Räuber, Schurken und Halunken“ genannt hat. So rebellisch seine öffentlichen Auftritte auch sind, im Interview ist bei allem Engagement und Ernst zu spüren: Ziegler, 85 Jahre alt, besitzt viel Humor. Wie er bisweilen an seinem Brillenbügel kaut, hat etwas Märchenonkelhaftes, aber man sollte sich nicht täuschen lassen: Weder versiegt sein Zorn über die Ungerechtigkeiten auf dieser Erde noch seine Leidenschaft für das Leben.

Herr Ziegler, als Kind wurden Sie Hans gerufen, das ist Ihr Geburtsname, erst Simone de Beauvoir gab Ihnen den Namen Jean. Gibt es heute noch jemanden, der Sie Hans nennt?

Simone de Beauvoir war eine unerbittliche Frau, kalt wie Eis. Sie redigierte meinen allerersten Artikel überhaupt, zu dem ich von Jean-Paul Sartre motiviert wurde. Er handelte von den Widerstandskämpfen im Kongo und erschien in den 60er-Jahren in der französischen Zeitschrift „Les Temps Modernes“, die damals für die europäischen Linken fast so etwas war wie das Wort Gottes. Als Simone de Beauvoir meinen Vornamen las, sagte sie kopfschüttelnd: „Mais Hans, das ist doch kein Name.“ Ohne mich zu fragen, strich sie ihn durch und ersetzte ihn durch Jean. Um Ihre Frage zu beantworten: Meine Schwester, die zweieinhalb Jahre jünger ist und immer noch in Thun lebt, im Berner Oberland, wo wir aufgewachsen sind, ist die einzige, die mich Hans nennt.

Sie waren acht Jahre lang UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung und kämpfen seit Jahrzehnten für eine gerechtere Welt ohne Hunger. Sie sind Globalisierungskritiker und Kapitalismusgegner. Für die einen gelten Sie als Rebell, für die anderen als Nestbeschmutzer, denn Sie bezeichneten die Schweiz unter anderem als ein „von Banken und Banditen beherrschtes Disneyland“. Wie blickt Ihre Schwester auf diesen Lebensentwurf?

Wissen Sie, wir lieben uns sehr. Auch wenn wir im Leben ganz unterschiedliche Wege eingeschlagen haben. Meine Schwester hat das calvinistische Bürgertum nie verlassen und einen klugen Industriellen geheiratet. Ich respektiere das, aber für mich wäre es nie eine Option gewesen, in Thun zu bleiben. Wäre es nach meinem Vater gegangen, hätte ich studieren sollen, Notar oder Anwalt, dann Heirat, dann Kinder. Das ist die calvinistische Prädestinationslehre, die absolute Vorbestimmung. Mein Vater hämmerte mir ein: „Mach di Sach.“ Und: „Die Welt kannst du nicht verändern.“ Ich habe mein Leben wie eine einzige Repetition vor mir gesehen, wie ein Eingeschlossensein in einer Betonzelle. Es war nicht vorgesehen, daraus auszubrechen.

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