Jean-Remy von Matt
„Die Angst vor dem Shitstorm ist allgegenwärtig.“
Zur Person
Jean-Remy von Matt ist zwar Schweizer Staatsbürger, wurde aber am 02.11.1952 in Brüssel geboren und wuchs auch in Belgien auf. Nach seiner Ausbildung zum Werbekaufmann im schweizerischen Biel zog es ihn Mitte der 1970er nach Düsseldorf, seit jeher eines der internationalen Zentren der Werbebranche. Er durchlief bei einigen der führenden Agenturen alle Positionen der Kreativwirtschaft, bis hin zum geschäftsführenden Gesellschafter bei Springer & Jacoby. 1991 gründete er mit seinem Partner Holger Jung in Hamburg die Agentur Jung von Matt, die aufgrund ihrer unkonventionellen Ideen schon bald zu den Big Playern der Branche zählte und mittlerweile 24 Tochtergesellschaften in ganz Europa sowie eine hauseigene Kreativ-Kaderschmiede besitzt. Jean-Remy von Matt hat sich aus dem Tagesgeschäft zurückgezogen, sitzt aber weiterhin im Aufsichtsrat der mittlerweile zur Aktiengesellschaft umgewandelten Agentur. Er war viermal verheiratet, lebt in Berlin in einem selbstgestalteten Penthouse mit einem Dach, das aussieht wie eine weibliche Brust, und widmet seine freie Zeit inzwischen lieber der Kunst.
15. Juli 2025, Berlin. Mit seinem Namen dürfte jeder Deutsche jenseits der 30 vor allem eines verbinden: unkonventionelle und gerade deshalb gut funktionierende Werbekampagnen. Gemeinsam mit seinem Partner Holger Jung etablierte Jean-Remy von Matt eine der global erfolgreichsten Werbeagenturen und mit ihr eine völlig neue Unternehmenskultur innerhalb der Branche mit dem Ansatz: Die beste Idee ist stets jene, die vom Kunden viel Mut erfordert. Mittlerweile Privatier jenseits der 70, blickt von Matt nun zurück auf seine aktive Zeit als einer der radikalsten Kreativchefs der letzten 50 Jahre – sowohl in Form eines Buches als auch im Rahmen dieses Gesprächs. Er beschreibt, wie man zu seiner Zeit außergewöhnliche Ideen produziert hat und wie grundlegend sich die Werbung insgesamt durch die technologischen Entwicklungen verändert hat. Dabei wirkt er viel zu jugendlich und leidenschaftlich, um als Rentner durchzugehen – man spürt sofort, wie sehr von Matt noch immer für alle Ideen brennt, die einen Unterschied machen.
Jean-Remy von Matt, mein Vater, ebenfalls ein Werber, sagte während seines Berufslebens häufig: „Wir haben den zweitsichersten Job nach den Bestattern. Denn ebenso wie immer gestorben wird, wird auch immer geworben.“ Stimmen Sie zu?
Das ist ein sehr schönes, sehr optimistisches Statement, aber leider kann ich dem weniger denn je zustimmen. Es ist eindeutig sicherer, dass gestorben als geworben wird. Wahr ist allerdings, dass ein Unternehmen mittelfristig stirbt, wenn es nicht wirbt.
Haben Sie mit Ihrer weitreichenden Expertise vorab geahnt, wie sehr sich die gesamte Branche seit der Jahrtausendwende verändern würde?
Überhaupt nicht. Als ich in den 1970ern in die Werbung kam, waren das vergleichsweise ruhige, fast langweilige Zeiten. Im Grunde ist dann 30 Jahre lang erst mal fast gar nichts passiert, abgesehen davon, dass das Fernsehen, allen voran das Privatfernsehen, immer wichtiger wurde. Man könnte sagen: Bewegtbild brachte immer mehr Bewegung in die Werbung. Aber das war ja eine Entwicklung und kein Quantensprung. Anders verhält es sich seit dem Jahrtausendwechsel. Da können wir gleich mehrere Quantensprünge beobachten.