Iryna Fingerova

Iryna Fingerova

„Gute Literatur muss so sein wie eine Zwiebel.“

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  • Viktoria Titareva
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Zur Person

Iryna Fingerova (geboren 1993 in Odessa) lebt seit 2019 in Deutschland und arbeitet als Ärztin, Journalistin und Schriftstellerin. Sie veröffentlichte Romane, Erzählungen, Essays, Theaterstücke und Kinderbücher. »Zugwind« ist ihr dritter Roman und der erste, den sie zum Teil auf Deutsch geschrieben hat. In Odesa gründete sie das »Theater der Ohren« für zeitgenössische Literatur, bei dem das Publikum Augenbinden trägt und Texte ausschließlich über das Hören erlebt. In Dresden brachte Fingerova das Konzept in Kooperation mit der Semperoper auf die Bühne. Sie engagiert sich zudem für das Projekt »Ukrainisches Haus« des Vereins Plattform Dresden e.V.

23. Februar 2026, Berlin. Kurz vor dem vierten Jahrestag des russischen Angriffs auf die Ukraine stehen draußen vor dem Colosseum in Prenzlauer Berg Hunderte Menschen Schlange. Drinnen ist es voll und laut. So laut, dass den Besucherinnen und Besuchern der Lesung von Iryna Fingerova Kopfhörer in die Hand gedrückt werden. Auch Fingerova selbst trägt welche. In der rechten Hand hält sie ein Mikrofon. Ihre Nägel sind in einem ähnlichen Ton lackiert wie der Löwenzahn auf dem Buchcover ihres neuen Romans »Zugwind«. Bei einer Lesung in Dresden, erzählt sie, habe eine Frau aus dem Publikum gesagt, Löwenzahn sei eine der zähesten Pflanzen im Garten. Man werde ihn kaum los. Fingerovas Buchvorstellung ist Teil des Café Kyiv. Die Veranstaltung fand erstmals 2023 im denkmalgeschützten Café Moskau an der Karl-Marx- Allee statt, das damals für ein paar Tage in »Café Kyiv« umbenannt wurde. Nach der Lesung treffen wir uns zum Gespräch, das die ukrainische Ärztin und Autorin später mit den Worten

Iryna Fingerova, in Ihrem Roman „Zugwind“ nimmt sich die Protagonistin Mira, eine Hausärztin, viel Zeit für ihre Patienten. Sie hört ihnen zu, wenn sie von Enkelkindern und Ehekrisen erzählen, und verschreibt ihnen nicht nur Antibiotika, sondern auch Vibratoren. Beim Lesen dachte ich: So eine coole Ärztin hätte ich gern.

Solche Ärztinnen gibt es. Meine Mutter ist auch Ärztin und ich habe schon früh gelernt, dass die Behandlung viel besser wirkt, wenn man Vertrauen zueinander hat. Wenn man als Ärztin wirklich hinschaut und fragt: „Wie geht es Ihnen? Sie hatten dreimal hintereinander eine Erkältung, ganz schön stressig in letzter Zeit, oder?“ Dann fangen die Patienten an zu erzählen, weil sie wissen, dass der Raum dafür da ist.

Das Klischee ist ja eher, dass Ärzte oft ruppig sind, weil sie keine Zeit haben.

Ja, im Krankenhaus ist das auch so. Der Zeitdruck ist enorm. Aber in der Hausarztpraxis kennt man sich, die Patientinnen und Patienten kommen regelmäßig, oft seit Jahren. Sie setzen sich hin und fangen einfach an zu erzählen. Das machen nicht nur ukrainische Patienten, bei denen das zur Mentalität gehört, sondern auch deutsche – besonders in kleineren Städten. Aber ich will es nicht idealisieren. Es gibt auch Tage, an denen so viele Patienten kommen, dass ich denke: „Ich will nur noch nach Hause.“

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