Ina Müller
„Mir geht diese übersteigerte Selbstbeobachtung auf die Nerven.“
Zur Person
Ina Müller wird am 25. Juli 1965 in Köthen bei Bremerhaven als vierte von fünf Töchtern geboren. Sie lernt auf dem elterlichen Bauernhof früh das Berufsleben des Landwirts kennen, in ihrem ersten Job den Apotheken-Alltag, danach das Bühnengefühl zunächst als Kabarettistin und später auch als Sängerin. Ihr beliebter Late-Night-Talk „Inas Nacht“ (NDR) läuft inzwischen im 18. Jahr und wurde Ende September zum dritten Mal mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet. Noch bis Juli 2027 ist in der ARD-Mediathek die 60-minütige Doku „Ina Müller – laut und leise“ verfügbar, die die facettenreiche Karriere der Entertainerin porträtiert. Ina Müller lebt in Hamburg.
30. September 2025, Hamburg. Ina Müller ist krank, sagt es nicht und verbirgt es gut. Eine Grippe sei es, eröffnet sie erst am Ende des Gesprächs in einem Loft an der Hamburger Außenalster. Aspirin und Nasenspray hatten ihr für eine Stunde den Kopf freigeblasen und sie reden lassen, als sei sie kerngesund. Ina Müller scheint zu funktionieren, wenn sie muss. Das brüllende Lachen, das man aus ihrem Kneipentalk kennt, ist genauso zu vernehmen wie die eine oder andere Provokation in Richtung ihres Gegenübers. Dass Deutschlands Werbefigur für Lebenslust aber zu guten Teilen eine Rolle ist, wird nicht nur an diesem Tag, sondern auch auf ihrem neuen Album „6.0“ deutlich. Sie singt von Einsamkeit, Vergänglichkeit, zwar immer schön verpackt in gefällige Melodien, aber die Melancholie dabei ist dennoch zu spüren. Darüber können auch satirische Spitzen gegen die Männerwelt nicht hinwegtäuschen.
Ina Müller, der Albumtitel „6.0“ suggeriert eine neue Version Ihrer selbst, ein neues Betriebssystem …
Das täuscht. Ich brauche nichts komplett Neues mehr in meinem Leben.
Oh.
Nein, sagen wir’s so: Ich möchte mein Leben nicht mehr komplett ändern, nicht mehr mit etwas ganz Neuem anfangen – weder musikalisch noch privat. „6.0“ hat nichts damit zu tun, moderner werden zu wollen, sondern eher damit, dass es etwas mit mir gemacht hat, 60 geworden zu sein. Die 60 klingt ja nicht wirklich sexy. Da ich mich aber seit Jahren mit den Albumtiteln an meinem Alter orientiere, musste ich mir was einfallen lassen. Und dann riet mir ein Freund, das Album „6.0“ zu nennen. Das heißt aber nicht, dass ich jetzt in eine neue Zukunft aufbreche. Ich mag zwar das Digitale, aber eigentlich bin ich ein Retro-Baby. Ich mag es, über meine Jugend zu singen. Ich mag es, den Augenblick des ersten Kusses noch einmal hochzuholen. Das ist doch der Spaß am Texte-Schreiben, sich an etwas zu erinnern, wie in dem Song „Mixkassettentage“. Wovon soll ich sonst zehren in meinem Leben, wenn nicht von den Erinnerungen?