Ildikó von Kürthy
„Ich habe es satt, dass Jung gut und Alt schlecht bedeutet.“
Zur Person
Ildikó von Kürthy, geboren am 20.1.1968 in Aachen, wurde an der Henri-Nannen-Journalistenschule in Hamburg ausgebildet und arbeitete danach als Redakteurin bei der „Brigitte“ und beim „Stern“. Heute ist sie eine der erfolgreichsten deutschen Schriftstellerinnen. Nach ihrem Erstling „Mondscheintarif“, den sie 1999 veröffentlichte, folgten neun weitere Romane. Ihre Bücher wurden in 21 Sprachen übersetzt und erreichten eine Auflage von sieben Millionen Exemplaren. Seit November 2020 betreibt sie den Podcast „Frauenstimmen“, in dem sie 14-tägig mit klugen und nachdenklichen Frauen spricht. Ildikó von Kürthy lebt mit ihrem Mann, dem Journalisten und Autor Sven Michaelsen, ihren beiden Söhnen und Hundemädchen Hilde in Hamburg.
14. Januar 2026, Hamburg. Ildikó von Kürthy schaltet sich in den Videocall. Sie ist außer Atem, musste noch schnell eine App installieren, denn in ihrer Straße ist aufgrund von Bauarbeiten der Strom ausgefallen. Der Computer funktioniert nicht, also muss das Handy herhalten. Ein kleines, aber farbenfrohes Bild überträgt sich: eine pastellgrüne Wand, daran montiert ein goldener Kerzenhalter, in dem eine rosafarbene Kerze steckt. Davor eine gut gelaunte Autorin in ebenfalls rosafarbenem Wollpulli, die überlegt, ob sie ihre Lebensmittel aus dem Kühlschrank lieber draußen in den Schnee legen soll, solange der Strom fehlt. Jetzt ist aber erst mal ein Gespräch über ihr neues Buch „Alt genug“ an der Reihe, das bislang persönlichste der Bestsellerautorin, die in ein paar Tagen 58 Jahre alt wird. Darin zu finden sind viele Gedanken darüber, wie es ist, als Frau zu altern beziehungsweise „wacker zu welken“, wie von Kürthy es nennt.
Ildikó von Kürthy, wofür sind Sie alt genug?
Ich war jetzt erst mal alt genug, um dieses Buch zu schreiben. Dachte ich. Dann stellte sich heraus, dass ich es doch noch nicht war. Ich musste nämlich erst noch ein halbes Jahr leben und Abenteuer erleben, um alt genug für das Buch zu werden.
Zu diesen Abenteuern gehörte, zum schlammigen Musikfestival Wacken zu fahren, sich bei Germany's Next Topmodel als „Best-Ager“ zu bewerben und zum ersten Mal trotz Klaustrophobie allein nach New York zu fliegen.
Ich habe für mein Buch eine Liste von Herausforderungen, denen ich mich stellen wollte, und von Erfahrungen, die ich sammeln wollte, angefertigt. Und musste fast 60 werden, um diese Wagnisse einzugehen. Ich habe es satt, dass Jung gut und Alt schlecht bedeutet. Sprüche wie: „Hauptsache, man ist innerlich jung geblieben.“ Was soll denn das heißen? Als ich jung war, war ich total bescheuert und naiv! Man kann doch froh sein, wenn man reift, klüger und älter wird. Noch so ein Spruch: „Man ist so alt, wie man sich fühlt.“ Das stimmt. An guten Tagen fühle ich mich so alt, wie ich bin. Und damit ganz schön erfahren und weise. Weise ist ein großes Wort, aber ich bin gereift und dem Leben nicht mehr so ausgeliefert, wie ich es mit 25 war. Für Etliches ist man eben keineswegs zu alt, sondern endlich alt genug. Ich mag diese Sichtweise sehr, denn damit gehen so eine Unerschütterlichkeit und ein Wohlwollen diesem Reifeprozess gegenüber einher, die mir manchmal in der Gesellschaft fehlen.