Gratis-Interview Helge Schneider

Helge Schneider

„Ich bin eigen und dabei nicht dumm.“

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  • Nils Müller / Helge Schneider
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11.01.2018, an der spanischen Küste. Helge Schneider hat GALORE exklusiv in seine Finca eingeladen und gewährt einen selten privaten Eindruck in sein Leben, seine Gedanken und Motivationen. Ob Jazz oder Politik, Oldtimer und gutes Handwerk, das Zirpen der Grillen oder den Lausbefall seiner Kakteen: Es gibt kaum ein Thema, über das man mit dem selbst erklärten "Neo-Intellektuellen" nicht sprechen kann. 24 intime Stunden mit dem speziellsten Komiker und Musiker Deutschlands.

GALORE

Die Reise beginnt mit einem Flug nach Malaga, von dort geht es gut 200 Kilometer nordöstlich entlang der Küste. Helge Schneider empfängt mich am Zielbahnhof. Wir steigen in seinen Jeep und fahren aus der Stadt. Er hält kurz an, kauft für mich ein Abendessen, Wein aus der Region, spanische Pasteten. „Ich ess' heute nix mehr“, sagt er, „ich hatte so üppiges Mittagessen.“ Kaum fahren wir in die Richtung seines Hauses, hören die endlosen Gewächshaus-Reihen plötzlich auf, stattdessen entfaltet sich eine herrliche, hügelige, recht grüne Landschaft. Zunächst gelangen wir an einen Strand, der im Gegensatz zu den anderen Stränden auf dem Weg unserer Reise komplett unbebaut ist. Drum herum: ein wunderschönes Tal, zwar ebenfalls karg in der Vegetation, aber sehr ursprünglich. Viele blühende Agaven. Außer uns sind nur zwei andere Menschen in der gesamten Bucht. Wir gehen am Strand spazieren, das Gespräch kommt ohne große Absprache in Gang, Helge Schneider redet über seine Arbeit. Irgendwann drücke ich den Aufnahmeknopf, wir setzen uns und blicken wahlweise aufs Meer oder schauen der Sonne beim Untergehen zu.

...ich muss einfach arbeiten, so ganz ohne ginge das nicht. Und damit meine ich nicht Arbeit für mich alleine im Studio, sondern draußen in der Welt. Ich muss mich inkludieren in die Welt, sonst würde ich wahrscheinlich irgendwann irre werden.

Brauchen Sie die Arbeit als Halt, als Anker gegen das Verlorengehen?

Ja. Genau so. Ich brauche die Arbeit für mich selbst, wie auch das Spazierengehen. Man kann ja auch nicht einfach nur zu Hause sitzen.

Warum nicht? Sie fühlen sich ja sehr wohl hier in Spanien. Was wäre denn, wenn Sie ganz hierhin gingen, das Touren in Deutschland sein ließen und nur noch Bücher schrieben, Platten aufnähmen?

Ganz einfach: Dann würde ich mich hier eindeutig weniger wohl fühlen, weil etwas Entscheidendes fehlte. Nicht ohne Grund habe ich mir die Bühne als Arbeitsplatz ausgesucht. Ich kann das gar nicht richtig in Worte fassen… Auf der Bühne zu sein, das ist eben mein Beruf.

Denken Sie an so etwas wie Ruhestand?

Ach, das könnte ich mir schon vorstellen, aber dann müsste alles drum herum gesichert sein.

Ist es das noch nicht?

Nein. Dafür sind beispielsweise meine jüngsten Kinder noch viel zu klein, als dass ich jetzt entscheiden könnte: Ich mach mal auf Rente.

Sie sagten auch in einem Interview: „Anscheinend muss ich immer weitermachen.“ Wofür steht dieses „anscheinend“ – für einen inneren Drang? Oder Überquellen der Ideen? Oder einfach nur Verantwortung für die Kinder?

Nee, das ist schon der Drang. Ich bin einfach nicht der Typ, der sagt: Jetzt habe ich aber die Schnauze voll. Das mache ich nie. Klar bin ich auch mal erschöpft und kann nicht mehr. Aber trotzdem mache ich weiter. Das hat aber nicht nur mit mir selbst zu tun, es geht nicht darum, dass ich mich ständig verwirklichen muss. Das ist vielmehr die ganze Situation, mit der Bühne und allem. Wenn ich irgendwohin komme und dann sind da all diese Leute, die einem zuhören, dann ist auch das wichtig. Klar, ich kann schön zu Hause Klavier spielen und Aufnahmen machen, aber ich brauche das Publikum, und ich bin mir sicher: Das Publikum braucht mich auch.

Warum sind Sie sich da so sicher?

Weil es darum doch am Ende geht: dass ich ein Teil von etwas bin, das nicht nur mit mir zu tun hat. Es geht nicht darum, dass ich mich ständig produziere um meiner selbst willen. Das habe ich auch noch nie so gesehen. Ich habe das alles immer aus Spaß gemacht, und daraus ist etwas geworden, was die Leute irgendwie zusammenbringt. Was nicht heißt, dass das immer besonders viele sein müssen, meine Karriere ist keine Rakete, die immer weiter nach oben geht, sodass ich plötzlich in Stadien spiele. Nein, es heißt einfach nur, dass ich gerne Arbeit machen möchte, die Qualität hat. Und wenn es einige Leute gibt, die mit dieser Qualität etwas anfangen können oder diese brauchen, dann finde ich das gut. Das ist wie ein Schuster, der gute Schuhe aus schönem Leder anfertigt, mit denen die Leute dann angenehm herumlaufen können. So sehe ich meinen Beruf.

Ihre Arbeit, ist das eine Mischung aus Handwerk, Freigeist und Improvisation?

Ja, auf jeden Fall. Mir fehlen noch: Fantasie und Rhythmus. Gerade Rhythmus ist für mich sehr wichtig, das ist sogar der Mittelpunkt. Rhythmus meint hier vor allem das Timing. Etwa, das Richtige zur passenden Zeit zu machen. Wobei das wiederum auch gelungene Improvisation ist. Ich freu mich darüber, wenn ich auf der Bühne diesen Rhythmus spüre. Daher freue mich jetzt auch sehr auf die anstehende Tournee mit 40 Auftritten. Diese Tourneen haben viel Rhythmus in sich.

„Ich bin ein Mensch, der immer Frieden und Harmonie haben möchte. Für Krieg bin ich von meiner Persönlichkeit her einfach nicht geeignet.“

Haben Sie denn jetzt, zehn Tage vor dem ersten Konzert, eine ungefähre Ahnung, was da jeden Abend auf der Bühne passieren wird?

Nee, eben nicht. Aber genau darum ist ja der Rhythmus so wichtig. Bald kommt erst mal meine Band hierhin, und dann üben wir ein paar Tage. Aber was genau wir üben, das weiß ich auch noch nicht. Das einzige, was ich gerade weiß, ist: Ich will einfach ein bisschen Musik machen. Daraus entwickelt sich dann alles Weitere. Wobei die Proben keine Garantien geben, es kam schon vor, dass ich beim ersten Auftritt aus einem Gefühl heraus einige Sachen spontan weggelassen habe, die wir einstudiert hatten. Dafür habe ich dann was anderes gemacht. Auf die Bühne zu gehen, ist ja auch ein Abenteuer, und das soll es auch bleiben.

Was genau ist das für ein Abenteuer? Dass auch nach 30 Konzerten der nächste Abend einer Tour immer noch total unvorhersehbar bleibt?

Genau. Oder zumindest das Abenteuer, dass man jeden Abend eine gewisse Perfektion anstrebt, sodass alles, was an diesem Abend mitwirkt, zu einem System verwächst. Dass alles zusammen gut funktioniert und in sich rund und stimmig wird.

Wie oft gelingt das?

Das gelingt sehr oft. Je weniger ich darüber nachdenke, umso öfter passiert es.

Ist an Ihren Auftritten überhaupt irgendetwas kognitiv gesteuert, oder ist alles Gefühl?

Der Anfang wird schon meistens genau gesteuert, und trotzdem ist es ein Gefühl, das mich dazu bewegt, einige Entscheidungen zu treffen. Der Auftritt, also aus der Garderobe raus und rauf auf die Bühne, das ist der Sensor für alles Weitere. Und dann geht’s los. Oder auch mal nicht, aber auch das ist ein Losgehen. Das Schöne ist ja, dass ich mir mit meinem Beruf etwas erfunden habe, bei dem ich überhaupt keine Angst haben muss. Ich kann ja machen, was ich will. Und trotzdem gebe ich mir große Mühe.

Womit genau?

Ach, mit vielem. Ich gebe mir zum Beispiel sehr große Mühe damit, besonders die Leute zu verstehen, die nicht verstehen, was da auf der Bühne passiert. Ich bin ein Mensch, der immer Frieden und Harmonie haben möchte. Für Krieg bin ich von meiner Persönlichkeit her einfach nicht geeignet. Deshalb interessiere ich mich immer für diejenigen, die mir ablehnend gegenüberstehen.

Was ist denn mit den Leuten los, die das nicht verstehen? Was fehlt denen?

Tja, wie soll man das beschreiben? Wissen Sie, als wir eben hier runtergefahren sind durch dieses wunderschöne Tal, da fielen mir auch Leute ein, die selbst sowas nicht mögen. Es gibt ja auch viele kranke Menschen, die nur deshalb krank sind, weil sie bestimmte Sachen ablehnen. So ist eben unsere Welt, das muss man akzeptieren, aber nicht immer auch erklären können. Man kann diese Leute nur immer wieder ansprechen, sie abholen und ihnen sagen: Komm mal mit und schau dir das an. Man hört eben einfach nicht damit auf, den Leuten das zu zeigen, was man schön findet. Mehr kann man ja gar nicht machen. Das ist hier mit diesem Tal nicht anders als mit meiner Musik oder mit dem Quatsch, den ich da auf der Bühne mache.

Aber warum muss man es diesen Leuten überhaupt immer wieder zeigen?

Weil ich den Leuten letztlich nur zeigen will, wie unwichtig wir sind in diesem Universum. (lacht)

Ist das tatsächlich die Kernidee des Ganzen?

Genau das ist es: die Kernidee des Ganzen. (grinst) Nee, aber es ist doch tatsächlich so, dass viel zu viele Menschen viel zu viel Stress haben durch Sachen, die überhaupt nicht wichtig sind. Wie viele Leute heutzutage haben denn Berufe, die totaler Quatsch und die völlig unwichtig sind? Ich nenne solche Berufe „Unglücksberufe“. Ein Frisör zum Beispiel ist für mich nicht wichtig, ich schneide mir meine Haare selbst. Aber für andere ist der Frisör wichtig, weil die gerne dorthin gehen. Es gibt aber auch Berufe, die andere Berufsgruppen zerstört haben, wodurch aber nichts besser geworden ist. Das Handwerk wird ja mittlerweile massiv in den Hintergrund gedrängt, dabei sind gerade das die Berufe, die einen Menschen glücklich machen, weil man etwas Schönes herstellt. Demgegenüber gibt es immer mehr Berufe, bei denen man vor dem Computer sitzt und nicht mehr denken, sondern nur noch funktionieren muss. Das Denken beim Eintippen irgendwelcher Zahlen in die Tastatur ist nicht zu vergleichen mit dem Denken, das man braucht, während man sich einen Pullover strickt.

Da würde jetzt der IT-Experte, der eine neue App programmiert, wahrscheinlich vehement widersprechen.

Soll er doch! Trotzdem hat er Unrecht. Und das will ich immer wieder zeigen und auf den Punkt bringen.

So gesehen hat Ihre Arbeit eine gesellschaftskritische Ebene, die bislang eher unentdeckt blieb.

Stimmt. Wobei ich auch weiß, dass sehr viele Menschen auch meine Arbeit für völlig unnötig halten. Es gibt so eine Fabel von Theodor Fontane über die Ameise und die Grille, wo die Ameisen arbeiten und arbeiten, und die Grille sitzt nur rum und zirpt. Mit der Moral am Ende, dass beide wichtig sind.

„Wir sind alle überwacht, wir überwachen uns selbst, wir stehen ständig parat und haben kaum noch Möglichkeiten zu entfliehen.“

Und Sie sind die Ameise, die den anderen Ameisen das Zirpen zeigt?

(grinst) Ja, so könnte man das ausdrücken. Wobei ich mich, was mein Selbstwertgefühl als Künstler und die Notwendigkeit meines Tuns betrifft, eher als niedrig angesiedelt betrachte. Dafür vielleicht umso höher in dem, was ich kann. Aber das ist nicht ausschlaggebend. Egal wohin ich komme: Ich biete mich an. Es ist nie so, dass ich von oben herab etwas doziere, sondern ich biete mich von unten an. Ich komme dabei wirklich aus der untersten Schicht und zeige den Leuten, dass das, was ich mache, für die Allgemeinheit durchaus wichtig ist.

Stimmt die Annahme, dass alles, was Sie in Ihrem Leben bislang getan haben, dem Wunsch folgte, frei zu sein?

Das sowieso. Frei zu sein – und vielleicht noch anerkannt zu werden.

Ach, das war auch wichtig?

Ja schon. Gerade wenn man aus so einer Kleinstadt kommt wie ich. Als ich zum ersten Mal in Berlin aufgetreten bin, haben alle gesagt: „Du musst, wenn du hier auftrittst, alle sofort auf deine Seite kriegen, sonst brauchst du nie wiederzukommen.“ Da habe ich mir gleich gesagt: Sowas mache ich auf keinen Fall mit. Ich bin deshalb auch nie dahingezogen, denn ich werde immer aus der Provinz kommen, und ich finde das auch gut so. Ich habe zwar eine kleine Bude in Berlin, aber das hat nichts zu sagen, das ist nur wegen meiner Kinder. Meine Kunst ist schon stark beeinflusst von der Gegend, in der ich geboren wurde und gelebt habe.

Sie sind gern der Underdog?

Nee, das ist nicht das richtige Wort. Weil ich in meiner Gang schon auch Chef bin. Nee, ich sehe mich als Arbeiter, das ist ganz wichtig.

Haben Sie sich jemals richtig unfrei gefühlt?

Ja, frequenzmäßig.

Heißt?

Wenn man etwa als Barpianist irgendwo arbeitet, dann ist man dermaßen unfrei, das können Sie sich gar nicht vorstellen. Man oktroyiert sich bei solchen Gelegenheiten schon selbst irgendwelche Bürden auf, die einen unfrei machen.

Beispiel?

Ach, ich habe mir für solche Gelegenheiten irgendwelche Lackschuhe gekauft und angezogen, und dann hatte ich kein Geld für ein Taxi, es regnete stark, und die Lackschuhe waren total kaputt, als ich in der Bar ankam, die Füße klitschnass. Das sind so Sachen, wo ich mich total unfrei fühle. Vor allem, wenn dann noch Leute kommen, die Musik eigentlich gar nicht leiden können, sich dann da hinsetzen, ein Lied von ABBA wünschen und dann beleidigt sind, wenn ich das nicht spiele – dabei habe ich es längst gespielt, sie haben es nur nicht erkannt, weil ich eben nicht ABBA bin.

Was haben Sie dann gemacht?

Ich habe mich befreit, indem ich dann irgendwas anderes gespielt habe, das mich erfreut. Das haben die Leute dann nicht verstanden und waren sauer.

Was müsste passieren, damit Sie sich an diesem wunderschönen Ort hier plötzlich unfrei fühlen?

Wenn einer mit Handschellen käme. (lacht) Aber darum geht’s ja nicht. Ehrlich gesagt, leben wir alle ja heute keineswegs in Freiheit. Wir sind alle überwacht, wir überwachen uns selbst, wir stehen ständig parat und haben kaum noch Möglichkeiten zu entfliehen. Und selbst, wenn man das Handy mal ausmacht und sich bewusst gegen diese ständige Kommunikation entscheidet, hat man gleich wieder eine Klammer, jetzt gerade bewusst nicht erreichbar zu sein. Diese ganzen Phänomene der modernen Zeit machen uns unfrei. Das ist eine andere Unfreiheit als vielleicht in den 60er-Jahren, als vieles reglementiert war, was heute frei ist. Aber dafür haben wir neue Unfreiheiten.

Sind Sie, solche Vorgänge betreffend, ein romantisierender Nostalgiker?

Ich bin öfters romantisch in den Erinnerungen, aber es ist nicht so, dass ich darin schwelge. Ich habe diese Erinnerungen vielmehr vor Augen und bin einfach froh, dass ich gewisse Sachen noch erleben durfte. Vielleicht auch negative Sachen, die man heute nicht mehr erleben kann.

Zum Beispiel?

Na ja, eine Motorradtour durch die Alpen ohne Helm, und dann in Italien einfach irgendwo ein Zelt aufbauen, im Maisfeld morgens geweckt werden von zwei Carabinieri und die dann ganz unbedarft anlächeln und fragen: „Was wollen Sie?“ Sowas könnte mir heute nicht mehr passieren. Das sind schöne Erinnerungen, die man immer bei sich trägt. Was mir dabei auffällt, und auch das ist eine Form von Unfreiheit: dieses ständige Fotografieren. Man macht dauernd Fotos, ich ja auch von meinen Kindern, und am Ende bleibt aber immer doch nur ein Foto übrig, das bei einem bleibt. Und dieses Foto ist im Kopf und nicht an der Wand oder im Bilderrahmen. Daher: Das, was man intensiv und bewusst erlebt hat, ist viel wichtiger und nachhaltiger als jedes Erinnerungsfoto. Und wenn man in all diesen Situationen immer nur das Handy oder den Fotoapparat rausholt, statt sie bewusst zu erleben, dann erlebt man eben nicht mehr, sondern befasst sich nur noch mit der Technik. Auch von meinen Kindern sind die Erinnerungen die stärksten, von denen es keine Fotos oder sonstige Aufzeichnungen gibt. Und das ist genau richtig so.

„Viele hören gar keine andere Meinung mehr als die eigene, weil sie da in ihrer Blase sitzen und in ihrem komischen Weltbild immer nur bestätigt werden.“

Was machen Sie, wenn jemand bei einem Ihrer Auftritte die ganze Zeit das Handy hochhält?

Ich versuche, nonchalant darüber hinwegzugehen. Ganz am Anfang habe ich, wenn da einer nur Fotos gemacht hat, die Saalordner zu dem geschickt und ihm das Handy wegnehmen lassen. Aber irgendwann hat das dann überhandgenommen, und ich bin ja kein Diktator, der den Leuten vorschreiben will, wie sie ihren Abend verbringen. Aber das ist schon ’ne schlimme Pest. Inzwischen sehe ich aber, dass das dazugehört. Als ich mal bei Udo Lindenberg auf der Bühne war, habe ich bei einer Ballade gesehen, wie sie alle wie auf Kommando ihre Handys zückten und das Licht anmachten, wie früher mit den Feuerzeugen. Woher wussten die das? War wahrscheinlich im Programmheft vorgeschrieben. (lacht)

Sie sprachen vorhin schon das Thema Anerkennung an. Wäre das nicht doch ein Ziel für Sie, so wie Mario Barth mal ganze Fußballstadien zu füllen?

Nee. Ich habe aus Spaß neulich in der Berliner Waldbühne gespielt. Das war natürlich nicht voll, das habe ich auch vorher gewusst. Daher hat es mir gar nichts ausgemacht, dass es nur zu einem Drittel voll war. Aber das hat mir trotzdem unheimlich viel Spaß gemacht. Ich habe dann gleich für 2020 einen weiteren Termin ausgemacht. Mal gucken, wie viele dann kommen. (lacht) Vielleicht bin ich bis dahin ja auch ganz in Ungnade gefallen in Deutschland.

Die Gefahr sehen Sie aber nicht, oder?

Nee, eigentlich nicht. Aber man kann es ja nie wissen. Aber wenn man so einen Weg einschlägt wie ich, dann gehen eben manche Sachen einfach nicht mehr.

Was meinen Sie damit?

Was meinen Sie, wie oft ich schon überlegt habe, in die Politik zu gehen?

Ernsthaft?

Ja.

Warum das denn?

Weil mir manchmal so spontane Ideenmuster kommen, von denen ich glaube, dass sie einer Gesellschaft guttäten. Wie ich eben zum Beispiel die Sache mit den Handys und den ganzen Fotos beschrieben habe, da kommt mir dann so ein Blitzgedanke wie: Würde man es nicht weltweit vielleicht begrüßen, wenn von heute auf morgen alle Computer wieder verboten würden? Das denke ich dann so.

Und dann?

Schreiben alle wieder mit Bleistift und Papier.

Wäre die Welt dann eine bessere?

Auf jeden Fall eine echtere.

Mittlerweile wird es dunkel und frisch, wir gehen zurück zum Auto und fahren zu Schneiders Haus, keine zehn Minuten entfernt. Von außen wirkt das Haus zunächst klein, erst im Inneren bemerkt man, dass durch zahlreiche spätere Anbauten ein verwinkeltes, aber geräumiges Anwesen entstanden ist, mit drei Schlafzimmern, zwei Bädern, Platz für viele Instrumente und ein Studio. Schneider zeigt – nicht ohne Stolz – seinen großen Garten, in dem er gerade viel arbeitet. Arbeiten muss, denn in seinem Garten, wie in der ganzen Region, sind die jahrzehntealten mächtigen Kakteen eingegangen. Sie mussten ausgegraben und entsorgt werden, nun steht die Neubepflanzung an. Als er den Grund für dieses mysteriöse Massensterben erzählt, klingt es wie eine typische Helge-Schneider-Geschichte, nur ohne lustige Pointe: „Es gibt in Nordspanien eine Kosmetikfirma, die aus einer bestimmten Laus ein rotes Serum gewinnt, woraus die dann das Rot von Lippenstiften machen. Leider ist denen diese Laus entwischt, und sie kann fliegen. Die sind dann hierher geflogen und haben die Kakteen befallen. Und nun sind sie alle kaputt.“ Nur Kakteen in seinem Garten konnten gerettet werden – es sind so ziemlich die letzten Überlebenden der gesamten Gegend. Gerettet hat sie Schneiders Nachbar, der die Pflanzen in seiner Abwesenheit regelmäßig gewaschen hat.

Kommen wir noch mal auf Ihre Politikambitionen und diese Blitzgedanken...

Ja, davon habe ich regelmäßig welche. Gerade noch dachte ich an Nord- und Südkorea und daran, dass ich da jetzt am liebsten sofort hinfahren und denen sagen würde: „Unterhaltet euch mal miteinander. Ihr tut gut daran, das jetzt zu tun, weil die ganze Welt auf euch schaut. Und wie gut die Welt das finden würde und sich vielleicht ein Beispiel daran nähme.“ (Anm.: Nicht einmal eine Woche später geschieht genau das: Nord- und Südkorea nehmen Gespräche auf und entscheiden, unter gemeinsamer Flagge mit einem Team bei den Olympischen Winterspielen einzuziehen). Ich verstehe echt nicht, warum da keiner mal interveniert und denen sagt, dass sie von Gesprächen viel mehr haben, als wenn sie sich ständig gegenseitig zum Buhmann machen. Aber das ist ja alles auch eine Politik, die völlig diffus und ganz unten angesiedelt ist. Erst recht, seitdem Trump an der Macht ist, wird Politik immer rudimentärer.

Und was genau könnten Sie da als Politiker ausrichten?

Ich habe eben diese Qualität, und die finde ich auch nicht verwerflich, dass ich mich extrem gut in den anderen reinversetzen kann. Das habe ich vorhin ja schon erwähnt bei der Musik. Genauso ist das mit den Menschen, die global zu Hassobjekten aufgebaut werden, seien es Nordkoreaner, Chinesen oder wer auch immer. Wenn man sich in diese Leute reinversetzen kann, dann kommt man denen viel näher, als wenn man ihnen immer nur von außen begegnet.

Woran ist Ihr Weg in die aktive Politik denn gescheitert? Haben Sie keine passende Partei gefunden?

Ja genau. Man müsste parteilos sein – und trotzdem agieren können. Aber mein Weg in die Politik war von Anbeginn versperrt, schon weil ich Musiker und Komiker bin. Das zu sein, ist eben meine Form von Politik, und darin steckt ja auch ein Beitrag zur Gesellschaft. Das ist mindestens so viel wert wie eine Reise des Außenministers nach China.

Hätten Sie Lust, eine Rede im Bundestag zu halten?

In der Theorie vielleicht, aber ich weiß nicht, ob ich der richtige Typ dafür bin. Ich verfalle doch leicht in Polemik, und gerade an diesem Ort wäre die Gefahr groß. (lacht) Eine sehr bekannte Fake-Partei hat mich mal so aus Scherz angesprochen, ob ich nicht Lust hätte, als Außenminister für seine Partei zu kandidieren. Da hab ich ihm gesagt: „Pass mal auf, mein lieber Freund, wenn ich das echt mache, kriegt ihr hinterher zehn Prozent, und dann guckt ihr doof aus der Wäsche.“ Der hat mir natürlich nicht geglaubt. Aber ich bin fest davon überzeugt: Wenn ich so richtig an der Werbetrommel drehen würde, dann würde ich es schon auf Trump-Niveau schaffen. Ist ja klar. (lacht)

Sie haben vor einer Weile auf Facebook ein Video gepostet, auf dem Sie Mandarinen schälen und währenddessen sehr dezidierte und klare Meinungen zu aktuellen politischen Vorgängen äußern. War das einer dieser Blitzgedanken?

Ja, das war komplett ungeplant und spontan. Das war reines Gefühl. Ich fand es interessant, was die Leute dann da alles reininterpretiert haben, aber vom Gefühl war es doch genau richtig, zu dem Zeitpunkt sowas zu machen. Und es hat auch etwas bewirkt, möchte ich behaupten. Es hat dann einer aus Side, das ist diese Stadt an der Grenze zu Syrien in der Türkei, sein eigenes Ding daraus gemacht und statt Mandarinenschalen wegzuwerfen, Figuren von internationalen Führern weggekickt. Das fand ich dann scheiße und hab dem das auch verbieten lassen, weil ich das so gar nicht meinte. Ich wollte keine einzelnen Personen rauskicken, sondern eine ganze Idee, die ich falsch finde. Dieser Türke hat sich dann total aufgeregt und mir geschrieben, ich sei ein Feigling. Aber es ging mir darum, etwas ganz Grundsätzliches zu thematisieren.

Finden Sie es blöd, als Feigling tituliert zu werden?

Ich sag mal so: Man muss nicht unbedingt ein Feigling sein, wenn man sich aus einigen Sachen lieber raushält, um dafür anderweitig umso stärker zu sein. Ich fand zum Beispiel die ganze Sache von dem Jan Böhmermann ziemlich unbeholfen.

Sie meinen das Gedicht zu Erdoğan?

Ja, das war politische Agitation im Schutz der Satire, die dann in eine Richtung ging, die nicht nur ihm, sondern auch anderen und der Satire im Allgemeinen nichts genützt, ja, auf eine komische Art sogar geschadet hat. Sowas finde ich genauso streitbar wie Benefiz-Konzerte für hungernde Menschen, bei denen man ja nie weiß, in welche Kanäle das Geld dann letztlich fließt. Ich glaube, so kann man nicht helfen.

Wie denn?

Konkret natürlich durch aktive Hilfe. Und dann auf längere Sicht durch innere Haltung. Dass man zum Beispiel endlich guckt, was man so kauft, dass man konsequent auf Plastiktüten verzichtet. Solche Sachen.

Der Verzicht auf Plastiktüten füllt hungernde Mägen in Afrika?

Kein Witz, in mehreren afrikanischen Ländern sind Plastiktüten verboten. Zuletzt hat Kenia das gemacht. Und mittlerweile hat sich die Lebensqualität sehr vieler Menschen in diesem Land nachhaltig verbessert. Man kann mir nicht erzählen, dass es da keinen Zusammenhang gibt. Hier in Spanien kriegst du bei jedem Einkauf ein Dutzend Plastiktüten angedreht. Und nun schauen Sie sich an, wie die Küste aussieht.

Alles zugepflastert mit Bettenburgen, und wo keine Hotels sind, stehen Gewächshäuser.

Ja. Auch hier sehe ich Zusammenhänge.

Hat Ihr Video damals vor allem deshalb so viel Aufsehen erregt, weil man derart deutliche Stellungnahmen vom Komiker Helge Schneider schlicht nicht erwartet hätte?

Kann schon sein. Die meisten kennen mich ja tatsächlich nur unter „Katzeklo“. Ich weiß, dass das so ist. Aber ich glaube, es gab da noch einen anderen Grund: Die Mandarinenschalen waren einfach eine gute Metapher, und solche Äußerungen funktionieren immer nur dann gut, wenn sie über eine Metapher vermittelt werden. So funktioniert für mich auch gute Politik. Alles andere ist Management, Reden und sinnloses Streiten.

Wir gehen rein. In den Gängen auf dem Weg zum Haupthaus steht eine schicke Zwei-Zoll-Bandmaschine, mit der Schneider hier einige seiner letzten Platten aufnahm. Sie hat leider kürzlich gelitten, beim Einbau von Klimaanlagen - „Das war wohl zu viel Staub für sie“, sagt Schneider. „Jetzt muss ich sie reparieren.“ Dass er das selbst kann, daran hat er keinen Zweifel. Er schenkt Wein ein, mit den Pasteten setzen wir uns ins mit einer wilden Mischung an Bildern behängte Wohnzimmer.

Ich würde gern das Freiheitsthema noch mal aufgreifen. Haben Sie schon mal etwas anderes in den Fokus gestellt als die Freiheit und das anschließend bereut?

Wüsste ich jetzt nicht. Das mit der Freiheit darf man auch nicht überschätzen. Natürlich habe auch ich Grenzen, es gibt Termine und Deadlines, Kinder müssen zur Schule und so weiter. Aber es geht bei dem Thema Freiheit ja nicht darum, dass plötzlich jeder einfach nur noch macht, was er will. Das ginge ja gar nicht. Aber zu Ihrer Frage: Ich habe den Eindruck, dass ich für den Zustand des Bereuens nicht geeignet bin. Bereuen hat ja auch damit zu tun, dass man an etwas festhalten will, das nicht mehr ist. Ich kenne dieses Gefühl irgendwie gar nicht. Man macht ja auch Fehler, und auch die bereue ich nicht. Oder, wenn man mal einen kennengelernt hat, der einen enttäuscht hat, dann kann ich das nicht bereuen, den trotzdem kennengelernt zu haben. Auch Enttäuschungen, die mit Bereuen einhergehen, kenne ich so nicht. Denn Enttäuschung erfährt man doch nur dann, wenn man sich etwas vorstellt, wenn man gewisse Erwartungen hat. Ich glaube daher nicht, dass man überhaupt enttäuscht sein kann, wenn man sich nichts vorstellt und stattdessen einfach so in den Tag hineinlebt. Mein bester Freund Charlie hat immer gesagt, ich wäre der coolste Typ, den er so kennen würde – außer sich selbst natürlich. (lacht) Und ich glaube, diese empfundene Coolness speist sich gerade daraus.

„Man muss nicht unbedingt ein Feigling sein, wenn man sich aus einigen Sachen lieber raushält, um dafür anderweitig umso stärker zu sein.“

Ist es Ihnen wichtig, cool zu sein?

Wenn cool meint, alles gelassen über sich ergehen zu lassen, sich das anzugucken, seine Erfahrungen zu machen, auch schlechte, und das alles irgendwie gut zu finden, einfach weil es Erfahrungen sind: Ja, dann bin ich gerne cool. Das ist ja diese Haltung, die mir das Leben irgendwie mitgegeben hat.

Ein anderes Wort dafür: Zweckoptimismus?

Das kann gut sein, ja. Komisches Wort zwar, aber doch irgendwie treffend.

Hatten Sie diese gelassene Haltung schon immer, auch damals, als das mit der Musik und der Komik noch nicht lief und Sie von einem Nebenjob zum nächsten geschlittert sind?

Ja, diese Haltung hatte ich auch damals schon. Ich war aber nicht besonders glücklich mit mir, bis ich endlich von meinem Beruf leben konnte. Ich hatte, wie viele junge Menschen, eine gewisse Existenzangst. Diese Sorge also, ob man nächsten Monat seine Miete bezahlen kann. Insofern kann man nicht sagen, dass ich damals schon wusste, dass Gelassenheit der Schlüssel ist. Aber ich habe es schon für mich geahnt. Ich habe ja auch schon ganz früh vor Augen gehabt, dass ich irgendwann vor vielen Menschen Musik machen werde. Komisch eigentlich, aber das war einfach da. Auch deshalb bin ich so unbeirrt diesen Weg gegangen.

Und haben selbst erbärmliche Nebenjobs ausgehalten.

Genau. Weil ich auch irgendwie wusste: Wenn mir etwas Spaß macht, muss ich nicht unbedingt Geld damit verdienen. Nur deshalb habe ich dann auch andere Berufe angefangen oder auch eine Lehre: Alles, damit ich auch bloß nicht darauf angewiesen bin, mit meiner Musik Geld zu verdienen.

In Talkshows wurde schon häufig Ihre Zeit als Straßenkehrer romantisch verklärt. Oder fanden Sie den Job wirklich klasse?

Also, ich bin noch nie einer gewesen, der körperliche Arbeit gescheut hätte. Auch heute noch mache ich mir gerne viel Arbeit, so wie jetzt gerade im Garten. Als ich Straßenfeger war, habe ich das nie als Unglück empfunden. Ich fand das total gut, etwas für die Allgemeinheit zu machen, das war aus meiner Sicht schon ein sinnvoller Beruf. Und ich empfand auch meine Kollegen als extrem kollegial, das waren richtig nette Jungs. Mir hat dieser Job schon gefallen. Aber irgendwann wollte ich dann doch weiterkommen mit meiner Musik. Auch, als ich Landschaftsgärtner war – das war vom Beruf her gut, aber das geht nicht ewig, mit der ganzen Schlepperei und so. Steine schleppen und Cello spielen, das verträgt sich nicht so gut. (lacht)

Bleiben wir kurz bei der Musik: Ist Jazz Logik? Freiheit? Oder beides?

Logik weiß ich nicht, aber Jazz ist sicher Freiheit – in Grenzen. Auch hier kommen wir wieder auf den Rhythmus, der muss für mich immer dabei sein, der ist ganz wichtig. Ich finde Rhythmus einfach unheimlich gut. Wenn ich diesen Rhythmus spüre und nach ihm spiele, dann ist der Rhythmus schon eine Klammer, also eine Art Grenze. Deshalb mag ich den Free Jazz auch nicht sonderlich, ich kann damit nichts anfangen, das ist mir zu langweilig. Ich entwickle diese Phrasierungen, also meine künstlerische Freiheit, lieber innerhalb eines geschlossenen Systems. Dort dann auszubrechen und frei zu sein, das ist für mich viel verrückter, als von vorneherein zu sagen: Wir sind jetzt total frei. Das gilt im Übrigen für alle Grenzen: Nur innerhalb von Grenzen kann man seine Freiheit entwickeln. Ist alles grenzenlos, dann bist du vielleicht frei, aber du kannst diese Freiheit gar nicht spüren, weil eben die Begrenzung fehlt. Gibt es keine Grenzen, kann man auch nicht ausbrechen. Das gilt für die Jazzmusik in gleicher Weise wie fürs Leben. Von daher setze ich mir auch gern selbst Grenzen, um meine Freiheit zu spüren.

Wo zum Beispiel?

In der Ernährung. Ich trinke zum Beispiel nur morgens Kaffee, ich versuche, möglichst auf ein schweres Abendessen zu verzichten. Aber das alles heißt nicht, dass ich nicht auch mal meine eigenen Grenzen übertrete.

Was für Grenzen würden Sie nie übertreten?

Moralische Grenzen. Da sollte man schon einen klaren inneren Kompass haben. Oder auch so Dinge wie nachbarschaftliche Grenzen. Ich mag auch Pünktlichkeit, weil man durch Unpünktlichkeit die Freiheit des anderen beschneidet. Letztlich also alles Sachen, durch die man die Freiheit anderer Menschen einschränken würde. Das sind wichtige Grenzen, die man sich selbst zwingend auferlegen sollte.

Empfinden Sie innerhalb des deutschen Humors ausreichend Freiheit?

Ich werde häufig nach dem deutschen Humor gefragt, aber ich kann da nicht viel zu sagen.

„Wenn man sich in die Hassobjekte reinversetzen kann, dann kommt man denen viel näher, als wenn man ihnen immer nur von außen begegnet.“

Fragen wir anders: Ist in dieser modernen Mediendemokratie, über die wir sprachen, die Freiheit des Humors bedroht?

Ich habe schon den Eindruck, dass die modernen Medien den Humor einbalsamieren und überdachen. Gezeigt und hochgespült wird vor allem Humor, der dieser Medienlandschaft hilft und sie bewirbt. Auf diese Weise erfahren wir eine zunehmende Dichte von echtem Schrott, nicht nur, aber eben auch im Bereich des Humors. Und wenn Kinder mit diesem Schrott aufwachsen, dann haben die das verinnerlicht und halten es schlimmstenfalls für Normalität. Auch ich kriege ungefragt ununterbrochen Push-Nachrichten auf mein Handy. Ich finde das alles scheiße, aber reingucken tu ich trotzdem. Aber ich habe zum Glück noch die Fähigkeit, mir bei alldem mein eigenes Bild zu machen. Leider machen genau das immer mehr Leute nicht mehr.

Warum nicht?

Weil sie eben immer häufiger allein mit ihrem Handy zu Hause sitzen, statt mal in die Kneipe zu gehen und dort über das, was sie gelesen oder erfahren haben, mit anderen zu reden. Die bestellen sich ihr Bier lieber nach Hause und gleich noch zwei Jeans und Unterbuchsen dazu. Und ein Paar Schuhe auch. Die gehen alle nicht mehr raus, und deshalb findet dieser für eine Gesellschaft unheimlich wichtige Wortkonflikt immer weniger statt. Viele hören gar keine andere Meinung mehr als die eigene, weil sie da in ihrer Blase sitzen und in ihrem komischen Weltbild immer nur bestätigt werden.

Sehen Sie sich da als eine Art Substanz-Revoluzzer?

Ich sehe mich als Neo-Intellektuellen. (lacht) Ich bin sicher kein Intellektueller, aber ich mache mir meine Gedanken über das, was in der Welt passiert. Ich arbeite ja auch viel mit Alexander Kluge zusammen, der ja als Hochintellektueller gilt. Für mich ist er das aber nicht, er ist vielmehr ein Zauberer, der Gefühle sehr gut in geschriebenes Wort verpacken kann. Allerdings so, dass Lieschen Müller das wahrscheinlich nicht mehr kapiert. Da komme ich dann ins Spiel und übersetze das für Lieschen Müller, mache das für sie kommod. Das weiß Alexander Kluge auch, dass ich ihn sehr gut übersetzen kann in eine Sprache, die jeder versteht. Aus dem Grund gestehe ich mir zu, mich als Neo-Intellektuellen zu bezeichnen. Aber basierend auf gefährlichem Halbwissen.

Juan, der Kakteenretter aus der Nachbarschaft, bringt frisch geerntete Tomaten und selbst gepresstes Olivenöl vorbei. Ein gelassener Spanier im Freizeitsakko, fast so alt wie Schneider. Helge parliert mit ihm auf Spanisch. Es ist offenbar eine herzliche Nachbarschaft, die die beiden hegen. Wohl auch, weil Schneider Rücksicht auf die vorhin besprochenen nachbarschaftlichen Grenzen beweist. Denn Juan, erzählt er, besitzt zwei Hunde, die in ihrem ganzen Leben noch nicht von ihrer Kette gelassen wurden, dazu lebende Tauben, die als Schmuckstück in winzig kleinen Boxen bei Juan im Wohnzimmer an der Wand hängen. „Natürlich finde ich das scheiße“, sagt Schneider. „Aber es ist nicht an mir als zugezogenem Deutschen, dem Spanier zu erklären, dass man das nicht macht. Schon weil alle Spanier das so machen. Die haben es eben nicht so mit Tierschutz.“

Was zeichnet Ihren Humor aus?

Dass ich zum Beispiel nie irgendwohin gehe und dann jemanden oder etwas fertigmache. Ich mache immer nur mich selbst fertig. (lacht) Das finde ich wesentlich lustiger, und das lässt die Leute auch öfter mal mit offenem Mund dastehen. Viele Leute haben auch Angst vor mir, obwohl ich doch eigentlich ein sehr verträglicher Typ bin. Große Showmaster zum Beispiel haben immer irgendwie Angst vor mir.

Können Sie das verstehen?

Natürlich kann ich das verstehen. Die haben da ihre Karteikarten, die wollen sie abarbeiten, alles soll möglichst zahm sein. Ich bin ja nicht aufsässig, ich bin nur ein bisschen bekloppt. Ich bin eigen und dabei nicht dumm. Damit kann ich einen Frager im Handumdrehen auf seine eigene Frage zurückwerfen und ihn auf diese Weise bloßstellen. Was aber gar nicht meine Absicht ist, ich will ja nur Quatsch machen. Aber dem ist das dann unangenehm, und darum hat er vielleicht ein bisschen Angst vor mir. Dabei soll doch einfach jeder das machen, was er am besten kann und ihm Spaß macht.

Wäre das eine Lösung für diese Gesellschaft?

Ja! Ich finde zum Beispiel, Sigmar Gabriel sollte unbedingt Außenminister bleiben, egal wie das jetzt mit der Regierung weitergeht. Denn ich habe den Eindruck, dass der zum ersten Mal, seit er in der Politik ist, einen Job macht, der ihm Spaß bereitet und den er auch gut kann. Soll er doch aus der SPD austreten und parteilos den Außenminister machen. Der kann das gut. Er hat jetzt endlich mal einen Beruf, der zu ihm passt – optisch, von der ganzen Agitation und Sprache her, aber auch, weil er eben ein menschlicher Typ ist und damit überall auf der Welt sympathisch rüberkommt. Ich finde, das ist ein gutes Gefühl für ein Land, einen Außenminister zu haben, der solche Qualitäten mitbringt. (hält inne) Wollen wir noch in die „Pita Flamenca“, ein Mineralwasser trinken gehen?

Die „Pita Flamenca“ erweist sich als nette kleine Bar, geführt von einem französischen Hippie-Pärchen mit Dreadlocks. Statt Mineralwasser gibt es französischen Anisschnaps, selbst als Fremder wird man dazu angehalten, mit der gesamten Besatzung der Bar anzustoßen. Jene besteht ausschließlich aus nicht-spanischen Aussteigern, einige von ihnen ziemlich abgerissen. Schneider nennt diesen Ort seinen „Lost Place“. Man kennt ihn gut dort, alle nehmen ihn in den Arm. Noch vor Mitternacht fahren wir zurück zum Haus. Als ich am nächsten Morgen aufwache, steht der Gastgeber schon in der Küche und macht Frühstück. Dabei unterhalten wir uns über Mafia-Clans, organisierte Kriminalität im Allgemeinen sowie „die Mode-Mafia“: „Das wird alles noch viel schlimmer werden, dass uns die Medien diktieren, was gerade Mode ist und was wir alles mitmachen sollen, damit wir im Zeitgeist sind.“ Nach dem Frühstück setzt er sich ans Klavier und sagt, es werde schwieriger mit dem Spielen: „Ich bin ja jetzt 62, vielleicht kriege ich langsam Arthrose oder sowas. Auf jeden Fall spiele ich anders als früher. Gerade der rechte Daumen tut mir öfter weh beim Klavierspielen, er wirkt irgendwie steif. Das kann aber auch von der Gitarre und dem Saxofon kommen, da wird der rechte Daumen stark belastet.“ Für die letzte Gesprächsrunde setzen wir uns in den Garten. In unserem Rücken steht ein großes, neu angeschafftes Wohnmobil, mit dem Schneider auch auf Tournee geht. Die großen Bandbusse mag er nicht so, er fährt die Strecken lieber selber mit seinem Mobil. Das bedeute für ihn nicht nur Freiheit – sondern auch Entspannung.

Nun gehen Sie bald wieder auf Tournee. Gestern sagten Sie schon, dass Sie gern der Chef der Gang sind. Ist das Unterwegssein mit der Band so eine Art Kegelclub mit kreativeren Mitteln?

Könnte man so sagen, ja. Es ist aber auch wie bei den Pfadfindern. Oder auf Wanderschaft. Andere Städte sehen. Wir gehen in den Städten auch immer gucken. Das ist ganz wichtig. Ich bin immer richtig sauer, wenn wir ein Hotel außerhalb haben.

Die deutschen Städte dürften Sie mittlerweile aber doch alle kennen.

Ja, und das finde ich auch gut so.

Ein Städte-Geheimtipp, den niemand so richtig auf dem Zettel hat?

Rottweil. Würzburg. Regensburg. Pahlen in Schleswig-Holstein. Das sind alles schöne Orte.

Sie erleben da auf Tour sicher auch viel, was wenig Freude macht – endlose Fahrten, schlechtes Essen, ungemütliche Hotelbetten, betrunkene Fans vor dem Fenster... Trotzdem lieben Sie es. Entschädigen diese zwei Stunden auf der Bühne für alles?

Ja, genau. Das ist das alte Spiel, so als wäre ich ein U-Boot-Kapitän: Man hat immer ein Ziel, man muss seine Aufgaben meistern. Man will eben gern etwas zu Ende bringen, man will seine Arbeit gut machen und hat dabei immer dieses Ziel vor Augen. Dafür nimmt man dann diese Sachen gern in Kauf. Wie ein Bergsteiger, auch der braucht eine Menge Geduld, um sein Ziel zu erreichen. Auch mein Beruf hat mit Geduld zu tun. Und mit Weitsicht. Die sich schon in den weiten Fahrten immer wieder bestätigt. Diese Bewegung, die dann auch auf die Bühne gebracht wird, geht mir jetzt schon in Fleisch und Blut über. In Sachen Hotelzimmer habe ich echt schon viel erlebt. Manche Zimmer sagen einem ja gar nicht zu, da ist irgendwie alles verkehrt herum und man kriegt kein Auge zu.

Sie meinten gestern, dass die meisten Menschen Sie nur unter „Katzenklo“ kennen, dabei sind Sie ein profilierter Jazzmusiker. Stört Sie das?

Nee, das finde ich sogar gut. Das ist wie eine Tarnung. Ich freu mich darüber, wenn Leute überrascht sind, dass ich eine richtig gute Jazzplatte gemacht habe. Ich würde mich aber auch darüber freuen, wenn die Leute gar nicht wüssten, dass ich gute Jazzplatten mache. (lacht) Diese Tarnung zu haben finde ich gut. Ich hätte auch gar keine Lust, eine reine Musiktournee zu machen, wo ich jeden Abend nur Jazz spiele. Auf jeden Fall nicht auf so großen Bühnen. Diese Art der Musik gehört in kleine, schwitzige Clubs. Je größer die Bühne, desto schwerer ist es, bei der Musik zu bleiben.

Ich weiß, dass Sie nicht öffentlich über Ihr Privatleben sprechen, aber da wir gerade beim Jazz sind: Ist auch Kindererziehung Jazz?

Auf der Ebene des Vertrauens: ja. Beides braucht viel Vertrauen. Das lernt man ja auch mit der Zeit. Das ist bei meinen Kindern ähnlich. Vertrauen schafft Vertrauen. Generell ist es aber so, wenn du Kinder hast, die im schulpflichtigen Alter sind, und du selbst warst in der Schule keine große Nummer, dann ist es sowieso schwer, denen beizubringen, dass die immer aufpassen sollen. Ich muss gestehen, dass ich vieles, was die da lernen, gar nicht mehr beherrsche. So Bruchrechnung, Pythagoras und so Sachen, das kann ich alles gar nicht mehr. Da kann ich meinen Kindern nicht helfen.

Darf man Sie als einen mutigen Menschen bezeichnen?

Ja, darf man. Den Beruf zu machen, den ich mache, das erfordert schon Mut. Mut, gepaart mit einer Vorahnung, dass das alles schon in Ordnung gehen wird. Trotz der Existenzangst, über die wir ja gestern schon sprachen. Die aber auch erst aufkam, als ich schon drei Kinder hatte. (lacht) Da musste ich funktionieren – und habe das dann auch alles forciert. Zum Glück hat dann alles auch geklappt. Dabei lief das am Anfang gar nicht so gut.

Was lief nicht so gut?

Meine ersten Auftritte im Fernsehen oder als Schauspieler, die wurden alle rausgeschnitten, weil ich zu sehr übertrieben habe. Erst mit der Hilfe meines damaligen Nachbarn Werner Nekes, der Filme gemacht hat, hat das dann langsam geklappt. Wir haben zusammen „Johnny Flash“ gedreht, ich habe dafür einige Schlager geschrieben, die ich ja zum Teil bis heute spiele.

Sie haben auch mit Christoph Schlingensief gedreht.

Ja, den hatte ich damals auch kennengelernt, wir alle wurden Freunde und es ging peu à peu los. Aber Schauspiel war dann auch nicht so meins, das braucht alles so lange Vorbereitung, auch Selbstaufgabe. Während ich da auf die Bühne gehe und alles eins zu eins ist, bis hin zum Applaus. Der Schlingensief hat mir das auch immer gesagt, dass er mich um dieses Eins-zu-eins-Gefühl beneidet.

Was genau meinen Sie damit?

Ich stelle mich da einfach großkotzig hin und mache irgendwas, und das ist dann auch noch mein unmittelbarer Erfolg. Genau deshalb gibt es so viele Leute, die bei mir unverständig den Kopf schütteln, die sagen mir dann anerkennend ins Gesicht: „Du verdienst mit Scheiße Geld!“ Das finde ich völlig fehl am Platz. Denn was ich da mache, ist keine Scheiße. Ich gebe mir immer viel Mühe. Und um das Geld geht es sowieso nicht.

Echt nicht?

Die Leute denken immer, ich hätte so viel Geld. Stimmt aber gar nicht – ich gebe immer alles aus, für Musikinstrumente und Essen und so. Ich besitze auch keine Aktien und auch kein Geld, das sich irgendwie von selbst vermehrt. Ich bin meine eigene Aktie. Ich kenne auch Leute, die haben jetzt Bitcoins. Ich weiß nicht mal, was das ist. Da bin ich eben der Handwerker. Das bringt uns zurück ganz zum Anfang: Anscheinend muss ich eben tatsächlich immer weitermachen.

Gegen Mittag machen wir uns auf, zurück in die Stadt zum Bahnhof. Auf der Fahrt reden wir noch über die vielen Gewächshäuser: „Monsanto hat sich hier echt breitgemacht.“ Er zeigt mir eines der vielen Erntehelfer-Camps, in denen Nordafrikaner in Zelten und improvisierten Hütten leben. Kurz unterhalten wir uns noch über unsere Schwächen. Schneiders größte: „Autos und Motorräder. Alles, was ich an Geld übrighatte, habe ich immer in Oldtimer gesteckt. Sie glauben ja nicht, wie viele alte Peugeots und Citroëns ich schon hatte. Das ist so eine Schwäche, die braucht man wirklich nicht.“ Dann erzählt er von seinem Aston Martin DB4, den er mal besaß und unter Gelddruck weit unter Wert verkaufen musste. „Inzwischen wird das Modell mit bis zu einer Million Euro bewertet.“ Nein, ein guter Geschäftsmann ist Helge Schneider nicht.

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Zur Person

Helge Schneider wurde am 30.08.1955 in Mülheim an der Ruhr geboren und fing schon als Kind an, Klavier und Cello zu spielen. Mit 16 brach er das Gymnasium ab, begann eine Bauzeichnerlehre, bestand aber ein Jahr später die Sonderbegabtenprüfung am Duisburger Musikkonservatorium. 1977 gründete er seine erste Band, mit seinem ersten Album startete 1989 sein Siegeszug als ‚singende Herrentorte'; Tourneen in wechselnden Besetzungen manifestierten seinen Erfolg. Inzwischen hat sich Schneider sein eigenes künstlerisches Universum als Musiker, Komponist, Entertainer, Autor, Schauspieler, Regisseur und Grafiker geschaffen; zuletzt erschien mit „Heart Attack No. 1“ eine reine Jazz- Platte, eingespielt mit einem guten Freund, dem Schlagzeuger Pete York. Schneider lebt wechselnd weiterhin in Mülheim sowie an der spanischen Costa del Sol.

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