Helge Schneider

Januar 2018 / Seite 3 von 4

Finden Sie es blöd, als Feigling tituliert zu werden?

Ich sag mal so: Man muss nicht unbedingt ein Feigling sein, wenn man sich aus einigen Sachen lieber raushält, um dafür anderweitig umso stärker zu sein. Ich fand zum Beispiel die ganze Sache von dem Jan Böhmermann ziemlich unbeholfen.

Sie meinen das Gedicht zu Erdoğan?

Ja, das war politische Agitation im Schutz der Satire, die dann in eine Richtung ging, die nicht nur ihm, sondern auch anderen und der Satire im Allgemeinen nichts genützt, ja, auf eine komische Art sogar geschadet hat. Sowas finde ich genauso streitbar wie Benefiz-Konzerte für hungernde Menschen, bei denen man ja nie weiß, in welche Kanäle das Geld dann letztlich fließt. Ich glaube, so kann man nicht helfen.

Wie denn?

Konkret natürlich durch aktive Hilfe. Und dann auf längere Sicht durch innere Haltung. Dass man zum Beispiel endlich guckt, was man so kauft, dass man konsequent auf Plastiktüten verzichtet. Solche Sachen.

Der Verzicht auf Plastiktüten füllt hungernde Mägen in Afrika?

Kein Witz, in mehreren afrikanischen Ländern sind Plastiktüten verboten. Zuletzt hat Kenia das gemacht. Und mittlerweile hat sich die Lebensqualität sehr vieler Menschen in diesem Land nachhaltig verbessert. Man kann mir nicht erzählen, dass es da keinen Zusammenhang gibt. Hier in Spanien kriegst du bei jedem Einkauf ein Dutzend Plastiktüten angedreht. Und nun schauen Sie sich an, wie die Küste aussieht.

Alles zugepflastert mit Bettenburgen, und wo keine Hotels sind, stehen Gewächshäuser.

Ja. Auch hier sehe ich Zusammenhänge.

Hat Ihr Video damals vor allem deshalb so viel Aufsehen erregt, weil man derart deutliche Stellungnahmen vom Komiker Helge Schneider schlicht nicht erwartet hätte?

Kann schon sein. Die meisten kennen mich ja tatsächlich nur unter „Katzeklo“. Ich weiß, dass das so ist. Aber ich glaube, es gab da noch einen anderen Grund: Die Mandarinenschalen waren einfach eine gute Metapher, und solche Äußerungen funktionieren immer nur dann gut, wenn sie über eine Metapher vermittelt werden. So funktioniert für mich auch gute Politik. Alles andere ist Management, Reden und sinnloses Streiten.

Wir gehen rein. In den Gängen auf dem Weg zum Haupthaus steht eine schicke Zwei-Zoll-Bandmaschine, mit der Schneider hier einige seiner letzten Platten aufnahm. Sie hat leider kürzlich gelitten, beim Einbau von Klimaanlagen - „Das war wohl zu viel Staub für sie“, sagt Schneider. „Jetzt muss ich sie reparieren.“ Dass er das selbst kann, daran hat er keinen Zweifel. Er schenkt Wein ein, mit den Pasteten setzen wir uns ins mit einer wilden Mischung an Bildern behängte Wohnzimmer.

Ich würde gern das Freiheitsthema noch mal aufgreifen. Haben Sie schon mal etwas anderes in den Fokus gestellt als die Freiheit und das anschließend bereut?

Wüsste ich jetzt nicht. Das mit der Freiheit darf man auch nicht überschätzen. Natürlich habe auch ich Grenzen, es gibt Termine und Deadlines, Kinder müssen zur Schule und so weiter. Aber es geht bei dem Thema Freiheit ja nicht darum, dass plötzlich jeder einfach nur noch macht, was er will. Das ginge ja gar nicht. Aber zu Ihrer Frage: Ich habe den Eindruck, dass ich für den Zustand des Bereuens nicht geeignet bin. Bereuen hat ja auch damit zu tun, dass man an etwas festhalten will, das nicht mehr ist. Ich kenne dieses Gefühl irgendwie gar nicht. Man macht ja auch Fehler, und auch die bereue ich nicht. Oder, wenn man mal einen kennengelernt hat, der einen enttäuscht hat, dann kann ich das nicht bereuen, den trotzdem kennengelernt zu haben. Auch Enttäuschungen, die mit Bereuen einhergehen, kenne ich so nicht. Denn Enttäuschung erfährt man doch nur dann, wenn man sich etwas vorstellt, wenn man gewisse Erwartungen hat. Ich glaube daher nicht, dass man überhaupt enttäuscht sein kann, wenn man sich nichts vorstellt und stattdessen einfach so in den Tag hineinlebt. Mein bester Freund Charlie hat immer gesagt, ich wäre der coolste Typ, den er so kennen würde – außer sich selbst natürlich. (lacht) Und ich glaube, diese empfundene Coolness speist sich gerade daraus.

„Man muss nicht unbedingt ein Feigling sein, wenn man sich aus einigen Sachen lieber raushält, um dafür anderweitig umso stärker zu sein.“

Ist es Ihnen wichtig, cool zu sein?

Wenn cool meint, alles gelassen über sich ergehen zu lassen, sich das anzugucken, seine Erfahrungen zu machen, auch schlechte, und das alles irgendwie gut zu finden, einfach weil es Erfahrungen sind: Ja, dann bin ich gerne cool. Das ist ja diese Haltung, die mir das Leben irgendwie mitgegeben hat.

Ein anderes Wort dafür: Zweckoptimismus?

Das kann gut sein, ja. Komisches Wort zwar, aber doch irgendwie treffend.

Hatten Sie diese gelassene Haltung schon immer, auch damals, als das mit der Musik und der Komik noch nicht lief und Sie von einem Nebenjob zum nächsten geschlittert sind?

Ja, diese Haltung hatte ich auch damals schon. Ich war aber nicht besonders glücklich mit mir, bis ich endlich von meinem Beruf leben konnte. Ich hatte, wie viele junge Menschen, eine gewisse Existenzangst. Diese Sorge also, ob man nächsten Monat seine Miete bezahlen kann. Insofern kann man nicht sagen, dass ich damals schon wusste, dass Gelassenheit der Schlüssel ist. Aber ich habe es schon für mich geahnt. Ich habe ja auch schon ganz früh vor Augen gehabt, dass ich irgendwann vor vielen Menschen Musik machen werde. Komisch eigentlich, aber das war einfach da. Auch deshalb bin ich so unbeirrt diesen Weg gegangen.

Und haben selbst erbärmliche Nebenjobs ausgehalten.

Genau. Weil ich auch irgendwie wusste: Wenn mir etwas Spaß macht, muss ich nicht unbedingt Geld damit verdienen. Nur deshalb habe ich dann auch andere Berufe angefangen oder auch eine Lehre: Alles, damit ich auch bloß nicht darauf angewiesen bin, mit meiner Musik Geld zu verdienen.

In Talkshows wurde schon häufig Ihre Zeit als Straßenkehrer romantisch verklärt. Oder fanden Sie den Job wirklich klasse?

Also, ich bin noch nie einer gewesen, der körperliche Arbeit gescheut hätte. Auch heute noch mache ich mir gerne viel Arbeit, so wie jetzt gerade im Garten. Als ich Straßenfeger war, habe ich das nie als Unglück empfunden. Ich fand das total gut, etwas für die Allgemeinheit zu machen, das war aus meiner Sicht schon ein sinnvoller Beruf. Und ich empfand auch meine Kollegen als extrem kollegial, das waren richtig nette Jungs. Mir hat dieser Job schon gefallen. Aber irgendwann wollte ich dann doch weiterkommen mit meiner Musik. Auch, als ich Landschaftsgärtner war – das war vom Beruf her gut, aber das geht nicht ewig, mit der ganzen Schlepperei und so. Steine schleppen und Cello spielen, das verträgt sich nicht so gut. (lacht)

Bleiben wir kurz bei der Musik: Ist Jazz Logik? Freiheit? Oder beides?

Logik weiß ich nicht, aber Jazz ist sicher Freiheit – in Grenzen. Auch hier kommen wir wieder auf den Rhythmus, der muss für mich immer dabei sein, der ist ganz wichtig. Ich finde Rhythmus einfach unheimlich gut. Wenn ich diesen Rhythmus spüre und nach ihm spiele, dann ist der Rhythmus schon eine Klammer, also eine Art Grenze. Deshalb mag ich den Free Jazz auch nicht sonderlich, ich kann damit nichts anfangen, das ist mir zu langweilig. Ich entwickle diese Phrasierungen, also meine künstlerische Freiheit, lieber innerhalb eines geschlossenen Systems. Dort dann auszubrechen und frei zu sein, das ist für mich viel verrückter, als von vorneherein zu sagen: Wir sind jetzt total frei. Das gilt im Übrigen für alle Grenzen: Nur innerhalb von Grenzen kann man seine Freiheit entwickeln. Ist alles grenzenlos, dann bist du vielleicht frei, aber du kannst diese Freiheit gar nicht spüren, weil eben die Begrenzung fehlt. Gibt es keine Grenzen, kann man auch nicht ausbrechen. Das gilt für die Jazzmusik in gleicher Weise wie fürs Leben. Von daher setze ich mir auch gern selbst Grenzen, um meine Freiheit zu spüren.

Wo zum Beispiel?

In der Ernährung. Ich trinke zum Beispiel nur morgens Kaffee, ich versuche, möglichst auf ein schweres Abendessen zu verzichten. Aber das alles heißt nicht, dass ich nicht auch mal meine eigenen Grenzen übertrete.

Was für Grenzen würden Sie nie übertreten?

Moralische Grenzen. Da sollte man schon einen klaren inneren Kompass haben. Oder auch so Dinge wie nachbarschaftliche Grenzen. Ich mag auch Pünktlichkeit, weil man durch Unpünktlichkeit die Freiheit des anderen beschneidet. Letztlich also alles Sachen, durch die man die Freiheit anderer Menschen einschränken würde. Das sind wichtige Grenzen, die man sich selbst zwingend auferlegen sollte.

Empfinden Sie innerhalb des deutschen Humors ausreichend Freiheit?

Ich werde häufig nach dem deutschen Humor gefragt, aber ich kann da nicht viel zu sagen.

„Wenn man sich in die Hassobjekte reinversetzen kann, dann kommt man denen viel näher, als wenn man ihnen immer nur von außen begegnet.“

Fragen wir anders: Ist in dieser modernen Mediendemokratie, über die wir sprachen, die Freiheit des Humors bedroht?

Ich habe schon den Eindruck, dass die modernen Medien den Humor einbalsamieren und überdachen. Gezeigt und hochgespült wird vor allem Humor, der dieser Medienlandschaft hilft und sie bewirbt. Auf diese Weise erfahren wir eine zunehmende Dichte von echtem Schrott, nicht nur, aber eben auch im Bereich des Humors. Und wenn Kinder mit diesem Schrott aufwachsen, dann haben die das verinnerlicht und halten es schlimmstenfalls für Normalität. Auch ich kriege ungefragt ununterbrochen Push-Nachrichten auf mein Handy. Ich finde das alles scheiße, aber reingucken tu ich trotzdem. Aber ich habe zum Glück noch die Fähigkeit, mir bei alldem mein eigenes Bild zu machen. Leider machen genau das immer mehr Leute nicht mehr.

Warum nicht?

Weil sie eben immer häufiger allein mit ihrem Handy zu Hause sitzen, statt mal in die Kneipe zu gehen und dort über das, was sie gelesen oder erfahren haben, mit anderen zu reden. Die bestellen sich ihr Bier lieber nach Hause und gleich noch zwei Jeans und Unterbuchsen dazu. Und ein Paar Schuhe auch. Die gehen alle nicht mehr raus, und deshalb findet dieser für eine Gesellschaft unheimlich wichtige Wortkonflikt immer weniger statt. Viele hören gar keine andere Meinung mehr als die eigene, weil sie da in ihrer Blase sitzen und in ihrem komischen Weltbild immer nur bestätigt werden.

Sehen Sie sich da als eine Art Substanz-Revoluzzer?

Ich sehe mich als Neo-Intellektuellen. (lacht) Ich bin sicher kein Intellektueller, aber ich mache mir meine Gedanken über das, was in der Welt passiert. Ich arbeite ja auch viel mit Alexander Kluge zusammen, der ja als Hochintellektueller gilt. Für mich ist er das aber nicht, er ist vielmehr ein Zauberer, der Gefühle sehr gut in geschriebenes Wort verpacken kann. Allerdings so, dass Lieschen Müller das wahrscheinlich nicht mehr kapiert. Da komme ich dann ins Spiel und übersetze das für Lieschen Müller, mache das für sie kommod. Das weiß Alexander Kluge auch, dass ich ihn sehr gut übersetzen kann in eine Sprache, die jeder versteht. Aus dem Grund gestehe ich mir zu, mich als Neo-Intellektuellen zu bezeichnen. Aber basierend auf gefährlichem Halbwissen.

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