Gratis-Interview Helge Schneider

Helge Schneider

„Ich bin eigen und dabei nicht dumm.“

Fotos:
  • Nils Müller / Helge Schneider
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11.01.2018, an der spanischen Küste. Helge Schneider hat GALORE exklusiv in seine Finca eingeladen und gewährt einen selten privaten Eindruck in sein Leben, seine Gedanken und Motivationen. Ob Jazz oder Politik, Oldtimer und gutes Handwerk, das Zirpen der Grillen oder den Lausbefall seiner Kakteen: Es gibt kaum ein Thema, über das man mit dem selbst erklärten "Neo-Intellektuellen" nicht sprechen kann. 24 intime Stunden mit dem speziellsten Komiker und Musiker Deutschlands.

GALORE

Die Reise beginnt mit einem Flug nach Malaga, von dort geht es gut 200 Kilometer nordöstlich entlang der Küste. Helge Schneider empfängt mich am Zielbahnhof. Wir steigen in seinen Jeep und fahren aus der Stadt. Er hält kurz an, kauft für mich ein Abendessen, Wein aus der Region, spanische Pasteten. „Ich ess' heute nix mehr“, sagt er, „ich hatte so üppiges Mittagessen.“ Kaum fahren wir in die Richtung seines Hauses, hören die endlosen Gewächshaus-Reihen plötzlich auf, stattdessen entfaltet sich eine herrliche, hügelige, recht grüne Landschaft. Zunächst gelangen wir an einen Strand, der im Gegensatz zu den anderen Stränden auf dem Weg unserer Reise komplett unbebaut ist. Drum herum: ein wunderschönes Tal, zwar ebenfalls karg in der Vegetation, aber sehr ursprünglich. Viele blühende Agaven. Außer uns sind nur zwei andere Menschen in der gesamten Bucht. Wir gehen am Strand spazieren, das Gespräch kommt ohne große Absprache in Gang, Helge Schneider redet über seine Arbeit. Irgendwann drücke ich den Aufnahmeknopf, wir setzen uns und blicken wahlweise aufs Meer oder schauen der Sonne beim Untergehen zu.

...ich muss einfach arbeiten, so ganz ohne ginge das nicht. Und damit meine ich nicht Arbeit für mich alleine im Studio, sondern draußen in der Welt. Ich muss mich inkludieren in die Welt, sonst würde ich wahrscheinlich irgendwann irre werden.

Brauchen Sie die Arbeit als Halt, als Anker gegen das Verlorengehen?

Ja. Genau so. Ich brauche die Arbeit für mich selbst, wie auch das Spazierengehen. Man kann ja auch nicht einfach nur zu Hause sitzen.

Warum nicht? Sie fühlen sich ja sehr wohl hier in Spanien. Was wäre denn, wenn Sie ganz hierhin gingen, das Touren in Deutschland sein ließen und nur noch Bücher schrieben, Platten aufnähmen?

Ganz einfach: Dann würde ich mich hier eindeutig weniger wohl fühlen, weil etwas Entscheidendes fehlte. Nicht ohne Grund habe ich mir die Bühne als Arbeitsplatz ausgesucht. Ich kann das gar nicht richtig in Worte fassen… Auf der Bühne zu sein, das ist eben mein Beruf.

Denken Sie an so etwas wie Ruhestand?

Ach, das könnte ich mir schon vorstellen, aber dann müsste alles drum herum gesichert sein.

Ist es das noch nicht?

Nein. Dafür sind beispielsweise meine jüngsten Kinder noch viel zu klein, als dass ich jetzt entscheiden könnte: Ich mach mal auf Rente.

Sie sagten auch in einem Interview: „Anscheinend muss ich immer weitermachen.“ Wofür steht dieses „anscheinend“ – für einen inneren Drang? Oder Überquellen der Ideen? Oder einfach nur Verantwortung für die Kinder?

Nee, das ist schon der Drang. Ich bin einfach nicht der Typ, der sagt: Jetzt habe ich aber die Schnauze voll. Das mache ich nie. Klar bin ich auch mal erschöpft und kann nicht mehr. Aber trotzdem mache ich weiter. Das hat aber nicht nur mit mir selbst zu tun, es geht nicht darum, dass ich mich ständig verwirklichen muss. Das ist vielmehr die ganze Situation, mit der Bühne und allem. Wenn ich irgendwohin komme und dann sind da all diese Leute, die einem zuhören, dann ist auch das wichtig. Klar, ich kann schön zu Hause Klavier spielen und Aufnahmen machen, aber ich brauche das Publikum, und ich bin mir sicher: Das Publikum braucht mich auch.

Warum sind Sie sich da so sicher?

Weil es darum doch am Ende geht: dass ich ein Teil von etwas bin, das nicht nur mit mir zu tun hat. Es geht nicht darum, dass ich mich ständig produziere um meiner selbst willen. Das habe ich auch noch nie so gesehen. Ich habe das alles immer aus Spaß gemacht, und daraus ist etwas geworden, was die Leute irgendwie zusammenbringt. Was nicht heißt, dass das immer besonders viele sein müssen, meine Karriere ist keine Rakete, die immer weiter nach oben geht, sodass ich plötzlich in Stadien spiele. Nein, es heißt einfach nur, dass ich gerne Arbeit machen möchte, die Qualität hat. Und wenn es einige Leute gibt, die mit dieser Qualität etwas anfangen können oder diese brauchen, dann finde ich das gut. Das ist wie ein Schuster, der gute Schuhe aus schönem Leder anfertigt, mit denen die Leute dann angenehm herumlaufen können. So sehe ich meinen Beruf.

Ihre Arbeit, ist das eine Mischung aus Handwerk, Freigeist und Improvisation?

Ja, auf jeden Fall. Mir fehlen noch: Fantasie und Rhythmus. Gerade Rhythmus ist für mich sehr wichtig, das ist sogar der Mittelpunkt. Rhythmus meint hier vor allem das Timing. Etwa, das Richtige zur passenden Zeit zu machen. Wobei das wiederum auch gelungene Improvisation ist. Ich freu mich darüber, wenn ich auf der Bühne diesen Rhythmus spüre. Daher freue mich jetzt auch sehr auf die anstehende Tournee mit 40 Auftritten. Diese Tourneen haben viel Rhythmus in sich.

„Ich bin ein Mensch, der immer Frieden und Harmonie haben möchte. Für Krieg bin ich von meiner Persönlichkeit her einfach nicht geeignet.“

Haben Sie denn jetzt, zehn Tage vor dem ersten Konzert, eine ungefähre Ahnung, was da jeden Abend auf der Bühne passieren wird?

Nee, eben nicht. Aber genau darum ist ja der Rhythmus so wichtig. Bald kommt erst mal meine Band hierhin, und dann üben wir ein paar Tage. Aber was genau wir üben, das weiß ich auch noch nicht. Das einzige, was ich gerade weiß, ist: Ich will einfach ein bisschen Musik machen. Daraus entwickelt sich dann alles Weitere. Wobei die Proben keine Garantien geben, es kam schon vor, dass ich beim ersten Auftritt aus einem Gefühl heraus einige Sachen spontan weggelassen habe, die wir einstudiert hatten. Dafür habe ich dann was anderes gemacht. Auf die Bühne zu gehen, ist ja auch ein Abenteuer, und das soll es auch bleiben.

Was genau ist das für ein Abenteuer? Dass auch nach 30 Konzerten der nächste Abend einer Tour immer noch total unvorhersehbar bleibt?

Genau. Oder zumindest das Abenteuer, dass man jeden Abend eine gewisse Perfektion anstrebt, sodass alles, was an diesem Abend mitwirkt, zu einem System verwächst. Dass alles zusammen gut funktioniert und in sich rund und stimmig wird.

Wie oft gelingt das?

Das gelingt sehr oft. Je weniger ich darüber nachdenke, umso öfter passiert es.

Ist an Ihren Auftritten überhaupt irgendetwas kognitiv gesteuert, oder ist alles Gefühl?

Der Anfang wird schon meistens genau gesteuert, und trotzdem ist es ein Gefühl, das mich dazu bewegt, einige Entscheidungen zu treffen. Der Auftritt, also aus der Garderobe raus und rauf auf die Bühne, das ist der Sensor für alles Weitere. Und dann geht’s los. Oder auch mal nicht, aber auch das ist ein Losgehen. Das Schöne ist ja, dass ich mir mit meinem Beruf etwas erfunden habe, bei dem ich überhaupt keine Angst haben muss. Ich kann ja machen, was ich will. Und trotzdem gebe ich mir große Mühe.

Womit genau?

Ach, mit vielem. Ich gebe mir zum Beispiel sehr große Mühe damit, besonders die Leute zu verstehen, die nicht verstehen, was da auf der Bühne passiert. Ich bin ein Mensch, der immer Frieden und Harmonie haben möchte. Für Krieg bin ich von meiner Persönlichkeit her einfach nicht geeignet. Deshalb interessiere ich mich immer für diejenigen, die mir ablehnend gegenüberstehen.

Was ist denn mit den Leuten los, die das nicht verstehen? Was fehlt denen?

Tja, wie soll man das beschreiben? Wissen Sie, als wir eben hier runtergefahren sind durch dieses wunderschöne Tal, da fielen mir auch Leute ein, die selbst sowas nicht mögen. Es gibt ja auch viele kranke Menschen, die nur deshalb krank sind, weil sie bestimmte Sachen ablehnen. So ist eben unsere Welt, das muss man akzeptieren, aber nicht immer auch erklären können. Man kann diese Leute nur immer wieder ansprechen, sie abholen und ihnen sagen: Komm mal mit und schau dir das an. Man hört eben einfach nicht damit auf, den Leuten das zu zeigen, was man schön findet. Mehr kann man ja gar nicht machen. Das ist hier mit diesem Tal nicht anders als mit meiner Musik oder mit dem Quatsch, den ich da auf der Bühne mache.

Aber warum muss man es diesen Leuten überhaupt immer wieder zeigen?

Weil ich den Leuten letztlich nur zeigen will, wie unwichtig wir sind in diesem Universum. (lacht)

Ist das tatsächlich die Kernidee des Ganzen?

Genau das ist es: die Kernidee des Ganzen. (grinst) Nee, aber es ist doch tatsächlich so, dass viel zu viele Menschen viel zu viel Stress haben durch Sachen, die überhaupt nicht wichtig sind. Wie viele Leute heutzutage haben denn Berufe, die totaler Quatsch und die völlig unwichtig sind? Ich nenne solche Berufe „Unglücksberufe“. Ein Frisör zum Beispiel ist für mich nicht wichtig, ich schneide mir meine Haare selbst. Aber für andere ist der Frisör wichtig, weil die gerne dorthin gehen. Es gibt aber auch Berufe, die andere Berufsgruppen zerstört haben, wodurch aber nichts besser geworden ist. Das Handwerk wird ja mittlerweile massiv in den Hintergrund gedrängt, dabei sind gerade das die Berufe, die einen Menschen glücklich machen, weil man etwas Schönes herstellt. Demgegenüber gibt es immer mehr Berufe, bei denen man vor dem Computer sitzt und nicht mehr denken, sondern nur noch funktionieren muss. Das Denken beim Eintippen irgendwelcher Zahlen in die Tastatur ist nicht zu vergleichen mit dem Denken, das man braucht, während man sich einen Pullover strickt.

Da würde jetzt der IT-Experte, der eine neue App programmiert, wahrscheinlich vehement widersprechen.

Soll er doch! Trotzdem hat er Unrecht. Und das will ich immer wieder zeigen und auf den Punkt bringen.

So gesehen hat Ihre Arbeit eine gesellschaftskritische Ebene, die bislang eher unentdeckt blieb.

Stimmt. Wobei ich auch weiß, dass sehr viele Menschen auch meine Arbeit für völlig unnötig halten. Es gibt so eine Fabel von Theodor Fontane über die Ameise und die Grille, wo die Ameisen arbeiten und arbeiten, und die Grille sitzt nur rum und zirpt. Mit der Moral am Ende, dass beide wichtig sind.

„Wir sind alle überwacht, wir überwachen uns selbst, wir stehen ständig parat und haben kaum noch Möglichkeiten zu entfliehen.“

Und Sie sind die Ameise, die den anderen Ameisen das Zirpen zeigt?

(grinst) Ja, so könnte man das ausdrücken. Wobei ich mich, was mein Selbstwertgefühl als Künstler und die Notwendigkeit meines Tuns betrifft, eher als niedrig angesiedelt betrachte. Dafür vielleicht umso höher in dem, was ich kann. Aber das ist nicht ausschlaggebend. Egal wohin ich komme: Ich biete mich an. Es ist nie so, dass ich von oben herab etwas doziere, sondern ich biete mich von unten an. Ich komme dabei wirklich aus der untersten Schicht und zeige den Leuten, dass das, was ich mache, für die Allgemeinheit durchaus wichtig ist.

Stimmt die Annahme, dass alles, was Sie in Ihrem Leben bislang getan haben, dem Wunsch folgte, frei zu sein?

Das sowieso. Frei zu sein – und vielleicht noch anerkannt zu werden.

Ach, das war auch wichtig?

Ja schon. Gerade wenn man aus so einer Kleinstadt kommt wie ich. Als ich zum ersten Mal in Berlin aufgetreten bin, haben alle gesagt: „Du musst, wenn du hier auftrittst, alle sofort auf deine Seite kriegen, sonst brauchst du nie wiederzukommen.“ Da habe ich mir gleich gesagt: Sowas mache ich auf keinen Fall mit. Ich bin deshalb auch nie dahingezogen, denn ich werde immer aus der Provinz kommen, und ich finde das auch gut so. Ich habe zwar eine kleine Bude in Berlin, aber das hat nichts zu sagen, das ist nur wegen meiner Kinder. Meine Kunst ist schon stark beeinflusst von der Gegend, in der ich geboren wurde und gelebt habe.

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