Germaine Acogny

Germaine Acogny

„Es reicht nicht, nur sichtbar zu sein. Wir müssen auch künstlerisch überzeugen.“

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Zur Person

Germaine Acogny (geboren am 28. Mai 1944 in Benin als Tochter eines senegalesischen Vaters) studierte Tanz in Dakar, Paris und Brüssel und entwickelte ihre eigene ausdrucksstarke Körpersprache, die Acogny-Technik. Dabei dient die Natur als maßgebliche Inspirationsquelle. Auch Alltagsbewegungen – etwa aus der Erntearbeit – fließen in ihre Choreografien mit ein. Acogny ist Trägerin etlicher renommierter internationaler Auszeichnungen. Mit ihrer École des Sables, die sich über 4,5 Hektar neben den Ausläufern der senegalesischen Savanne erstreckt, schuf Acogny einen internationalen Treffpunkt für Tänzerinnen und Tänzer, an dem Tradition, Experimentierfreude und persönliche Entfaltung Hand in Hand gehen.

18. Juli 2025, Moncalvo. Germaine Acogny ist eine Erscheinung: groß, schlank, kahlrasierter Kopf. Eine markante eckige Brille und Schmuck an Hals und Ohren setzen kreative Akzente, ein schwarzes Tanktop legt den Blick auf ihre durchtrainierten Arme frei. Die ruhige Kraft, die von ihr ausgeht, setzt sich im warmen Klang ihrer Stimme fort. Kaum zu glauben, dass sie 81 Jahre alt ist, sie wirkt deutlich jünger. Acogny befindet sich im Gästehaus der Orsolina28 Art Foundation, wo sie derzeit eine Masterclass unterrichtet. Die vielfach ausgezeichnete Tänzerin und Choreografin, die als „Mutter des afrikanischen modernen Tanzes“ gilt, schwärmt von der idyllischen piemontesischen Umgebung. Im Gespräch offenbart sie, wie Geister ihre Schritte leiten, wie der Körper zum politischen Ausdruck wird und wie die Freiheit des Tanzes zugleich Verantwortung bedeutet: das Erbe afrikanischer Tänzer zu bewahren und ihr Bild in der Welt neu zu gestalten.

Germaine Acogny, in Ihrer Arbeit verbinden Sie afrikanische Traditionen mit zeitgenössischem Tanz. Warum ist es Ihnen wichtig, eine Balance zwischen der Erinnerung an Ihre Wurzeln und dem Drang nach Neuerfindung zu wahren?

Wir müssen unsere Vorfahren und Traditionen ehren und uns zugleich weiterentwickeln – denn was sich nicht wandelt, erstarrt. Der Körper spiegelt die Natur wider. Mehr noch, er ist selbst eine Naturgewalt. Schaut man Pflanzen an, erkennt man, wie sie sogar durch Felsen wachsen. Diese Kraft ist tröstlich, weil sie zeigt: Es gibt keinen endgültigen Tod, sondern einen Kreislauf. Auf das Ende folgt immer ein Neubeginn, Wissen wird weitergegeben. So trägt der Mensch in sich eine fortwährende Erinnerung an alles, was ist.

Die Natur erscheint bei Ihnen als ständige Begleiterin, sichtbar etwa in Bewegungen, die nach Sonne, Mond, Schlange oder Baobab, dem afrikanischen Affenbrotbaum, benannt sind. Sie sagen dazu: „Wir sollten auf die Dinge hören, nicht auf die Lebewesen.“ Was bedeutet dieser Gedanke für Sie?

Ich habe Birago Diop zitiert, einen großen senegalesischen Schriftsteller. Von ihm stammt auch das Gedicht „Atem“, in dem die Toten nicht verschwinden, sondern im Wind, im Wasser, in den Bäumen und in den Blättern weiterleben. Wenn geliebte Menschen trauern, teile ich dieses Gedicht mit ihnen, denn es sieht den Tod nicht als unüberwindbaren, endgültigen Abschluss. Es hat mich tief geprägt, denn es spricht von einer unsichtbaren, aber gegenwärtigen Welt. Deshalb beschäftige ich mich auch viel mit Literatur über das Leben nach dem Tod und über Engel. Ich glaube, der Körper vergeht, doch der Geist oder die Seele setzt die Reise an einem anderen Ort, in einem anderen Ding, fort. Es ist mir wichtig, die Verbindung zwischen den Welten aufrechtzuerhalten.

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