Eva von Redecker
„Warum sollte der Erfolg einer solchen Politik heute überraschend sein?“
Zur Person
Eva von Redecker, geboren 1982, ist Philosophin und freie Autorin. Sie beschäftigt sich mit Kritischer Theorie, Feminismus, Kapitalismuskritik und Autoritarismus, schreibt Beiträge für u.a. „Die Zeit“, den britischen „Guardian“ oder das „Philosophie Magazin“. Im Schauspiel Köln richtete sie die philosophische Gesprächsreihe „Eva and the Apple“ aus, im Deutschen Schauspielhaus Hamburg spricht sie im „Maschinenraum der Zukunft“ mit ihren Gästen über Zukunftsvisionen und Künstliche Intelligenz. Zuletzt erschienen ihre Bücher „Bleibefreiheit“, und „Revolution für das Leben. Philosophie der neuen Protestformen“ (2020). Eva von Redecker ist auf einem Biohof aufgewachsen und lebt heute im ländlichen Brandenburg.
23. April 2026, Hamburg. Es ist bereits spät am Nachmittag, als Eva von Redecker sich zum Gespräch dazuschaltet. Eigentlich nicht die ideale Zeit, um über komplexe Phänomene wie den neuen Faschismus zu reden, mit dem sie sich in ihrem aktuellen Buch auseinandersetzt. Aber die bekannte Philosophin wirkt wach und hat spürbar Lust auf das Gespräch. Vor allem ist sie in der Lage, ihre Theoriegebäude verständlich und mitnehmend zu öffnen. Selbst dann, wenn es um einen so gespenstischen Begriff wie »Phantombesitz« geht, der für ihre Philosophie zentral ist.
Eva von Redecker, haben Sie schon mal in Ihrer eigenen Familiengeschichte zum Nationalsozialismus geforscht?
Forschen wäre weit übertrieben. Aber was ich weiß – und an anderer Stelle auch schon öffentlich gemacht habe –, ist erschütternd genug: Mein Großvater war in der SS.
Inzwischen existiert eine Datenbank von US-Archiven, in der alle nachschauen können, ob und wann ihre Verwandten in die NSDAP eingetreten sind. Was lässt sich daraus lernen?
Eine berechtigte Frage. Da ist meine Familiengeschichte ein gutes Beispiel. Denn mein Großvater war tatsächlich nicht in der NSDAP, sondern eben in der SS. Viel dramatischer. Wenn so eine Datenbank existiert, finde ich es einerseits sinnvoll, dass sie zugänglich ist. Andererseits droht die Gefahr, NS-Täterschaft auf ein binäres Ja oder Nein individueller Akteure zu verkürzen. Eine solche Statusabfrage bringt aber kein Verständnis über die Dynamik, die dazu führte, dass in der gesamten Gesellschaft Einstellungen grassierten, die staatlicherseits in Vernichtungspolitik übersetzt wurden.