Dominik Graf
„Der Job hat so viele Gesichter, dass der Begriff Regisseur nicht mehr stimmt.“
Zur Person
Dominik Graf wurde am 6. September 1952 in München als Erstes von drei Kindern der Schriftstellerin Selma Graf-Ufer und des Schauspielers Robert Graf geboren. Der Vater war kriegsversehrt, er starb 1966. Graf wechselte daraufhin ins Internat Stein an der Traun und machte dort das Abitur. Das Studium der Germanistik und Musikwissenschaft brach er ab, als er 1974 in den sechsten Jahrgang der Hochschule für Film und Fernsehen in München aufgenommen wurde. Schon sein Abschlussfilm wurde prämiert. Unzählige weitere Auszeichnungen sollten folgen. Beim renommierten Grimme-Preis, der TV-Produktionen kürt, ist niemand häufiger ausgezeichnet worden – etwa für die Thrillerserie „Im Angesicht des Verbrechens“ von 2008. Neben dem Fernsehen schuf er bedeutende Kinofilme: 1988 „Die Katze“ mit Götz George, 2003 „Der Rote Kakadu“, „Geliebte Schwestern“ (2016) und die Verfilmung von Kästners Fabian-Roman („Der Gang vor die Hunde“, 2021). Graf ist ein Freund des Genrefilms, vor allem der Polizeifilm ist sein Steckenpferd. Er hat zwei erwachsene Töchter von den Regisseurinnen Sherry Hormann und Caroline Link. Dominik Graf lebt in München.
11. April 2025, München. Dominik Graf sitzt an einem Tisch der Osteria Alpenhof im Ortsteil Giesing. Er wohnt in der Nähe und ist früher mit seiner Familie häufiger hier eingekehrt. Der Wirt kann sich daran nicht mehr erinnern, ist jedoch großer Fan des Regisseurs, „vor allem vom Roten Kakadu“, einem Kinofilm aus dem Jahr 2003. Graf tauscht noch einige Worte mit der PR-Agentin seines Verlages aus, die die Interviewwünsche anlässlich seines neuen Buchs „Sein oder Spielen“ koordiniert. Der Zeitungsanfrage stimmt er zu, die des öffentlich-rechtlichen Kulturmagazins lehnt er ab: „Da werde ich nur verhackstückt.“ Das Buch liegt während des Interviews auf dem Tisch. Es hat einen sonnengelben Umschlag mit zinnoberroter Überschrift und erinnert an die Bücher aus dem März-Verlag, der in den 1970er-Jahren für viel Aufsehen gesorgt hat. Das Foto auf dem Cover wird im Gespräch noch eine Rolle spielen.
Dominik Graf, wie haben Sie den Vortag Ihres 20. Geburtstages erlebt?
Meines 20. Geburtstages … puh, ich habe keine Ahnung, wie kommen Sie darauf?
Das war der 5. September 1972, der elfte Tag der 20. Olympischen Spiele. Um 4.40 Uhr dringen acht Kämpfer der palästinensischen Terrorgruppe Schwarzer September in die Unterkünfte des israelischen Teams ein, erschießen den Ringertrainer Mosche Weinberg und den Gewichtheber Yossef Romano und nehmen neun weitere Israelis als Geiseln.
(überlegt) Ich war gerade aus dem Internat zurück. Nach sechs Jahren war ich aus Stein an der Traun nach München zurückgekehrt, wir waren so eine Clique versprengter junger Leute – und völlig entsetzt, denn diese Geiselnahme hat sich ja auch so wahnsinnig lange hingezogen.