Corinna Harfouch

Corinna Harfouch

„Wir sind bis heute nicht wirklich bei uns selbst angekommen.“

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  • Jonas Holthaus
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Zur Person

Corinna Harfouch, geboren am 16. Oktober 1954 in Suhl und aufgewachsen im sächsischen Großenhain, zählt zu den bedeutendsten Schauspielerinnen Deutschlands. Nach einer Ausbildung zur Krankenpflegerin und einem abgebrochenen Studium zur Textilingenieurin absolvierte sie ihre Schauspielausbildung an der Staatlichen Schauspielschule Berlin. Erste Erfolge feierte sie in der DDR am Theater, bevor sie mit Filmrollen (u.a. in „Die Schauspielerin“) einem breiten Publikum bekannt wurde. Nach der Wende arbeitete sie zunächst am Deutschen Theater in Berlin, ehe sie wieder zur Volksbühne Berlin wechselte und (ohne festes Engagement) zu einer der prägendsten Schauspielerinnen während der Intendanz von Frank Castorf wurde. Harfouch überzeugte in Fernsehfilmen wie „Vera Brühne“ und als „Tatort“-Kommissarin, in Kinofilmen wie „Der Untergang“ und „Sterben“ und wurde vielfach ausgezeichnet. Sie hat eine Tochter aus früherer Ehe sowie zwei Söhne, die beide als Musiker tätig sind. Corinna Harfouch lebt in einem Dorf in Brandenburg, wo sie 2019 gemeinsam mit ihrem Mann Erdmut Wizisla einen Kulturverein ins Leben rief.

16. Juli 2026, Buckow. Es ist ein herrlicher Sommertag in der Märkischen Schweiz, wo das Brecht-Weigel-Haus idyllisch am Schermützelsee liegt. Corinna Harfouch, die erst vor zwei Tagen vom Jerusalem Film Festival zurückgekommen ist, recherchiert dort für einen Brecht-Abend, den sie bald gestaltet. Bertolt Brecht und seine Gedichte sind für die Schauspielerin in vieler Hinsicht gegenwärtig. Themen wie die Hinwendung des Menschen zu faschistischem Gedankengut treiben sie um. Harfouch spricht darüber während des rund zweistündigen Interviews in beunruhigter Nachdenklichkeit. Mit ihrer warmherzigen, zugewandten und eleganten Art verleiht sie ihren Worten dabei eine nachhaltige Wirkung.

Corinna Harfouch, im Rahmen des diesjährigen Harbour Front Literaturfestivals treten Sie mit der Band die Tentakel von Delphi mit Gedichten, Liedern und Texten von Bertolt Brecht auf. Wann haben Sie Brecht für sich entdeckt?

Einen genauen Zeitpunkt kann ich nicht nennen. Wir hatten Brecht in der DDR natürlich als Thema in der Schule. Nach meinem Schauspielstudium war ich fünf Jahre am Berliner Ensemble engagiert, wo ich gute und schlechte Erfahrungen gemacht habe. Das Arbeitsklima war nicht besonders angenehm, sodass sich für mich eine gewisse Schwierigkeit ergab, Brechts Stücke zu mögen. Seine Gedichte habe ich jedoch stets geliebt, wenn auch nicht alle. Er ist in seinen Gedichten unglaublich präzise, beobachtet Menschen in ihrer sozialen und politischen Umgebung mit großer Genauigkeit. Seine Lyrik ist beweglich und meist nicht ideologisch. Mit seinen Gedichten versucht er nicht, eine politische Zukunft zu propagieren oder eine sozialistische Gesellschaft zu beschwören.

Seine präzise Beobachtung zeigt sich im „Lesebuch für Städtebewohner“ aus den 1920ern, in dem er auf die Menschen im kapitalistischen Großstadt-Hamsterrad blickt. Helfen diese Gedichte, die Krise in der Gegenwart besser zu verstehen?

Sicher. Man kann diese Gedichte aber auch so lesen, als würden sie von Menschen handeln, die in die Illegalität gehen mussten, die untertauchten und sich strenge Regeln auferlegten, um ihr Leben und das ihrer Familien und Freunde zu schützen. Brechts poetischer Gedanke war, dass das Leben in der Stadt-Gesellschaft den Menschen dazu zwingt, egoistisch zu werden und vor allem das eigene Überleben zu sichern.

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